Nudging | Demokratisch kontrolliert

Nehmen wir für einen Augenblick an, die Welt sei schwarz-weiß. Auf der einen Seite: Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Aufklärung. Auf der anderen Seite: Paternalismus, Machtmissbrauch, Fremdbestimmung, Missachtung menschlicher Würde. Wenn dem so wäre, wäre ziemlich klar, auf welcher Seite man stehen sollte. Und es wäre auch klar, dass »Nudging«, das »Anstupsen« von Menschen hin zu wünschenswerten Entscheidungen und Verhaltensweisen, auf der anderen Seite stehen würde.

Genudgt wird sowieso

So schwarz-weiß ist die Welt aber nicht. Wenn man so will, ist das rationale, autonome »Ich« selbst das Ergebnis zahlreicher Formen von Selbst- und Fremd-Nudging. Viele Verhaltens- und Denkweisen müssen als Kind eingeübt werden, um überhaupt ein Mindestmaß an praktischer Autonomie zu erreichen. Auch nach dem 18. Geburtstag geht die Arbeit an einem selbstbestimmten Ich weiter – oder beginnt vielleicht erst richtig, weil man selbst die volle Verantwortung dafür übernimmt. Die Tradition der Tugendethik hat immer schon die Bedeutung der Charakterentwicklung betont. Und bestimmte Formen von sozialen Beziehungen sind unter anderem deswegen so wertvoll, weil sie uns helfen, nicht in fremdbestimmte Verhaltensformen zurückzufallen; z.B. wenn eine Freundin uns daran erinnert, unseren Werten treu zu bleiben. Das ist nicht zuletzt deswegen so bedeutsam, weil die Angriffe auf die Selbstbestimmung allerorten lauern, z.B. in Form von verführerischer Werbung oder von sozialen Rollen, in die man sich bequem einpassen kann. Diejenigen, die uns derartige Angebote machen, sind oft gerade nicht daran interessiert, uns in unserer Selbstbestimmung zu unterstützen.

nudging

Heißt das, dass alles in Butter ist, wenn die Regierung anfängt, beim Nudging-Spiel mitzuspielen? Das wäre eine vorschnelle Antwort. Denn dass es Missbrauchsmöglichkeiten gibt, liegt auf der Hand. Wie lässt sich verhindern, dass aus gut gemeinten Politikvorschlägen, etwa zur Erhöhung der Sparquote oder der Verbesserung der öffentlichen Sauberkeit, ein zynisches, manipulatives Verhältnis zwischen Staat und Bürgern wird? Im Prinzip genauso, wie andere Formen des Machtmissbrauchs in Demokratien verhindert werden: durch Transparenz, Haftung, und an manchen Stellen auch durch den gerichtlichen Schutz von Privatheit und Würde der Individuen. Für die theoretische Diskussion eignet sich das altehrwürdige Modell des Gesellschaftsvertrags, also der hypothetischen Zustimmungsfähigkeit, wunderbar, um zwischen legitimen und illegitimen Formen von Nudging zu unterscheiden – allerdings muss man dieses Modell mit realistischen Annahmen über menschliches Verhalten füttern.

Wie geht es unserer Demokratie?

Dabei scheint mir, dass es zunächst eine Menge im Bereich der Verhinderung von Nudging durch andere, eigeninteressierte Akteure zu tun gäbe, bevor zu positiven Maßnahmen übergegangen wird. Trotzdem müssen auch letztere nicht per se verkehrt sein – es kommt auf den Einzelfall an. Wenn wir aber über stabile, gut funktionierende demokratische und juristische Institutionen verfügen, die unsere Rechte sichern können, dann gibt es keinen Grund, über Nudging besonders besorgt zu sein. Wir können es dann verstehen als eine von verschiedenen Formen kollektiver Selbstbindung, mit denen wir unsere Gesellschaften besser organisieren. Darin muss kein größerer Angriff auf die Würde und Autonomie der Einzelnen liegen als in anderen Formen kollektiver Selbstbindung. Nudging kann, wenn es richtig eingesetzt wird, Vorteile haben; zum Beispiel größere Flexibilität. Wenn wir allerdings Gründe haben, den demokratischen und juristischen Institutionen unserer Gesellschaft zu misstrauen, sieht auch Nudging sehr viel problematischer aus. Anstatt über Nudging sollten wir dann vielleicht über den Zustand unserer Demokratie und unseres Rechtsstaats nachdenken.

Foto: https://getsatisfaction.com/

Zur Person Lisa Herzog

Lisa Herzog interessiert sich vor allem für philosophische Grundfragen der Ökonomie und des Marktes und deren Ideengeschichte. Sie ist derzeit Fellow am Stanford Center for Ethics in Society.

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