Nudging | Weg mit der Aufklärung!

Die Aufklärung ist tot. Es lebe das Nudging. So könnte man wohl das traurige Zwischenfazit der momentanen politischen Entwicklung ziehen. Die Bundesregierung hat eine Nudging-Kommission gegründet und folgt damit einem Trend, der im angeblich ach so liberalen englischsprachigen Raum schon längst Gang und Gäbe ist.

Die Idee des Nudging ist einfach: Man geht davon aus, dass Menschen nur recht beschränkt rational sind, nur hin und wieder und nur zum Teil über ihre Entscheidungen reflektieren – und wenn sie das überhaupt tun, dann unterlaufen ihnen dabei immer wieder systematische Fehler. Diese Schwächen lassen sich ausnutzen. Marketinggurus und Werbefutzis schlagen für ihre Unternehmen – und natürlich auch für sich selbst – viel Kapital daraus, ziemlich viel sogar. Drei T-Shirts zum Preis von zweien? Was für ein Schnäppchen! Klarer Fall, nehme ich! Obwohl, eigentlich wollte ich ja nur ein T-Shirt, gebe am Ende also mehr Geld aus, als geplant.

Rabattaktion

Die Bundesregierung hat diesem unternehmerischen Treiben lange genug untätig zugeschaut. Der allgemeine Trend, politisches Handeln immer mehr als eine Form von Management und Staaten als große Unternehmen zu begreifen, verbietet dieses schwächliche Nichtstun. Es wird Zeit, selbst aus der Dummheit der Leute etwas zu machen. Es wird Zeit, auch selbst Kapital aus dieser neuen Nudging-Wunderwaffe zu schlagen. Die Frage ist nur noch wie? Aber dafür gibt es ja eine neue Kommission auf höchster Regierungsebene. Die wird schon was finden.

Kollektives Selbstnudging

Die Leitlinien für die Kommission gibt der große Bruder im Westen vor. Die Regierung muss dafür sorgen, heißt es da, dass die Menschen gesund bleiben, für die Zukunft vorsorgen, und natürlich muss sie auch erreichen, dass sie immer glücklicher werden. Ja, ganz genau! Wer hätte das gedacht? Unser aller Lebensglück liegt der besorgten Bundesregierung am Herzen. Mindestens genau so sehr jedenfalls, wie das amerikanische Volk den Millionären im US-amerikanischen Repräsentantenhaus am Herzen liegt. Noch ist der endgültige Durchbruch in die technokratische Zukunft aber nicht geschafft. Noch gibt es Zögerliche und Zauderer. So richtig gut passen die alte Ideen der Autonomie und Selbstbestimmung und das Nudging auf den ersten Blick nicht zusammen. Doch die wohldosierten Reaktionen auf die Bedenkenträger mit ihren Spaltereien sind schon längst vorbereitet.

Schöne neue Nudgingwelt

Antwort 1: Die Unternehmen machen das doch auch schon längst und nicht unbedingt zu unserem Vorteil. Da wird es Zeit, von politischer Seite endlich dagegen anzustinken. Oder Antwort 2: Wir »nudgen« uns selbst doch sowieso ständig: mit dem Wecker, kleinen Alltagsbelohnungen, hier ein Gläschen Wein für die getane Arbeit, dort ein Stückchen Schokolade als Belohnung für das Problemgespräch und so. Jetzt nudgen wir uns halt nicht mehr nur noch individuell, sondern auch kollektiv. Ist das nicht gar die höchste Form kollektiver Selbstbestimmung? Da kann man nur jubeln. Schließlich ist es ja für einen guten Zweck. Und wer will nicht gesünder, besser versorgt und vor allem glücklicher und immer glücklicher sein? Na gut, besonders aufklärerisch mutet die Idee des Nudging immer noch nicht an. An prominenter Stelle bei Kant heißt es dummerweise, man solle sich aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Nirgendwo ist bei den alten Vordenkerinnen und ‑denkern der Aufklärung davon die Rede, dass man in seiner wie auch immer verschuldeten Unmündigkeit verharren und sie nur ein klein wenig erträglicher nudgen soll. Also Antwort 3: Seien wir doch einmal ehrlich. Wir müssen endlich Schluss machen mit dieser alten, überhaupt nicht mehr zeitgemäßen, weder technokratischen, noch naturwissenschaftlichen Idee der Aufklärung. Jetzt hatten wir immerhin schon zweihundertfünfzig Jahre lang Zeit, uns selbst aufzuklären. Und was hat es uns gebracht? McDonalds, steigende Scheidungsraten, Pegida und Altersarmut. Es wird Zeit, neue Wege zu beschreiten.

Da fällt mir auch schon der erste Nudging-Knüller ein: Einmal umsonst Falschparken für jeden und jede, der oder die zur Bundestagswahl geht!

 

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

3 Kommentare

  1. Roland Walkow · März 11, 2015

    Im Text wird das Nudging so dargestellt als wäre es eine Methode durch positive Sanktionen, also Belohnungen, Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Das ist aber nicht neu und wie im Beitrag richtig bemerkt, macht das so gut wie jeder auf irgendeine Art und Weise. Ich weiß daher nicht, warum man das kritisieren muss, denn es scheint ja eigentlich was ziemlich normales zu sein.

    Soweit ich es verstanden habe, handelt es sich bei Nudging um eine Methode sanften Gruppendruck zu erzeugen, um Menschen zu einem bestimmten politisch erwünschten Handeln zu bringen. Belohnungen sind nicht vorgesehen. Das ist eine andere Methode als die, um die es im Text geht. Insofern verfehlt die obige Kritik am Nudging, wie auch die der beiden vorangegangenen Text dazu, eigentlich ihr Ziel.

  2. Alexander Neuhäuser · März 11, 2015

    nachdem „der staat“ über die grundrechte doch weitgehend eingehegt ist, werden all überall nun eben die subtileren methoden der (massen-) manipulation ausgelotet. die aufklärung dazu ist doch voll im gange. den ausgang finden wir schon auch noch…

    • Roland Walkow · März 11, 2015

      …aha. Und wann möchten Sie sich mit diesen subtileren Methoden beschäftigen? Wenn man den zu kritisierenden Sachverhalt schon nicht verstanden hat, wird es auch mit der Aufklärung darüber schwierig, vom Finden des Ausgangs ganz zu schweigen.