Nudging | Treffen aus Pflicht

Wäre Kant nicht Professor für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg geworden, sondern Toilettenfrau an der Autobahnraststätte Fläming-West, dann hätte er seiner männlichen Klientel zweifelsohne folgenden Befehl mit auf den Weg zum Urinal gegeben: »Pinkel nur so, dass Du zugleich wollen kannst, dass Deine Art zu pinkeln, ein allgemeines Gesetz werden könne!« Das so angesprochene halbe Vernunftwesen, das schon seit dem Schkeuditzer Kreuz die unmittelbare und immer dringlicher werdende Neigung verspürt, sich zu erleichtern, wundert sich nun zwar zunächst darüber, was für eine komische Perücke die Toilettenfrau eigentlich trägt. Aber während es sich dann vor dem Urinal in Stellung bringt, reift in ihm die Einsicht heran, dass jetzt nur absolute Treffsicherheit oberste Pflicht sein kann. Denn was, wenn das Gegenteil der Fall wäre, wenn es also allgemeines Gesetz wäre, dass jeder neben das Becken strullerte? Die Zeugnisse männlichen Harndrangs würden die Sanitärtrakte dieser Welt fluten. Die Rutsch- und Verletzungsgefahr würde sich um ein Vielfaches erhöhen. Jeder, der geschäftlich unterwegs wäre, bekäme feuchte Socken und Füße (sofern er keine Gummistiefel trägt). Und die frühlingshafte Zitronenfrische der Toilettensteine könnte den permanenten olfaktorischen Ausnahmezustand auch kaum mehr einhegen.

Sanitäre Autonomie

All dies kann aber ein halbes Vernunftwesen nicht widerspruchsfrei als allgemeinen Zustand von Bedürfnisanstalten wollen! Und deshalb kann es jetzt auch nicht vernünftigerweise neben das Urinal pinkeln wollen. Und genau deshalb bestimmt es sich jetzt aus Pflicht dazu, frei und selbst von seinem Geschlechtsorgan einen zwar einseitigen, aber doch treffsicheren Gebrauch zu machen. Mit nunmehr entleerter Blase und der eigentümlichen Befriedigung darüber, seine Fähigkeit zur praktischen Vernunft wieder einmal erfolgreich unter Beweis gestellt zu haben, setzt das halbe Vernunftwesen sodann frisch, fromm, fröhlich, frei seine Fahrt fort. Und die Toilettenfrau wirft ihm zum Abschied anerkennende Blicke nach, in denen die volle Achtung vor der ganzen Würde des halben Vernunftwesens doppelt und dreifach zum Ausdruck kommt.

pissoir

So schön und vernünftig könnte es also im Sanitärtrakt der Autobahnraststätte Fläming-West zugehen, wenn Kant die Toilettenfrau wäre. Hätte allerdings – statt seiner – Angela Merkel dort die Richtlinienkompetenz, so sähe es dort anders aus. Denn die Toilettenfrau Merkel würde ihre Besucher nicht mit den Forderungen der Vernunft begrüßen, sondern Kunststoffimitate der gemeinen Hausfliege ins Urinal kleben und auf den grausamen Spieltrieb im Manne spekulieren, um so die Trefferquote zu erhöhen. Derlei legt zumindest die Einrichtung von drei Referentenstellen im Bundeskanzleramt nahe, deren Inhaber sich eben solche »Nudges« ausdenken sollen, um die Staatsbürger in eine bessere Welt zu stupsen.

Sanfte Grausamkeit

Ganz abgesehen davon, dass das leicht in die Hose gehen kann, wenn man beim Pinkeln angestupst wird, ist dies aber auch des Umgangs eines demokratischen Staats mit seinen mündigen Bürgern unwürdig. Denn ein demokratischer Staat muss an deren Vernunft appellieren und sie mit guten Gründen dazu bewegen, sich zu entsprechendem Handeln zu bestimmen, anstatt sie im Namen eines »sanften« Paternalismus zu manipulieren. Bei aller Sanftheit ist dieser Paternalismus nämlich prinzipiell nicht anderes als eben jenes pädagogische Konzept, das auch schon Väterchen Stalin kannte. Und dieses Konzept der vom Bürger nicht durchschauten Manipulation ist nicht nur vernunftfeindlich, entmündigend und erniedrigend, sondern auch gefährlich – wie man leicht am Beispiel der Toilettenfliege ersehen kann. Denn wie schon Kant wusste, kann Grausamkeit gegen Tiere nur allzu schnell dazu führen, dass der Wille verroht und man auch grausam gegen Menschen ist. Und so steht zu befürchten, dass wir demnächst gar nicht mehr ohne Regenschirm unter Brücken, Baugerüsten und Aussichtstürmen entlangspazieren können. Heute ist es noch die Plastikfliege. Aber morgen sind es vielleicht schon wir, die das Opfer eines sanft manipulierten Willens zur Treffsicherheit werden.

Foto: www.facebook.com/verspottetrub

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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