Narzissmus | Mus ohne Eigenschaften

Da ich Teil einer Generation bin, welcher – neben diversen Attributen – »Narzissmus« nachgesagt wird, übernehme ich hier freiwillig die Rolle, als Sprachrohr meiner Generation zu fungieren. Nun hege ich die Vermutung, dass mit dieser Charakterisierung nicht gemeint ist, dass wir gesund entwickelte Persönlichkeiten haben, sondern vielmehr unter einer psychologischen Störung leiden, welche sich vor allem durch ein übersteigertes Selbstbild und mangelnde Empathiefähigkeit auszeichnet. Unterstrichen wird dies ja oft dadurch, dass wir übertriebene Ansprüche hätten. Jede_r von uns will allen anderen die eigene Großartigkeit auf die Nase binden. Obwohl wir alles wollen und meinen, dass uns das auch zusteht, bekommen wir am Ende nichts, weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass wir gar nicht so besonders und außergewöhnlich sind. Natürlich reagieren wir bei derartigen Vorwürfen mit der Entgegnung: »Daran sind unsere Eltern schuld!« Klassischer Fall von pathologischem Narzissmus: Man schiebt den Fehler auf andere, damit das Selbstbild keinen Knacks bekommt.

Realismus der Eigentlichkeit

Um der Idealisierung des Selbst Einhalt zu gebieten, predigen die Altvorderen Realismus: Wir sollten uns eingestehen, dass wir – zumindest der Großteil von uns – Durchschnitt sind. Im Benotungssystem der Menschheit erhält die Mehrheit von uns eine 3: befriedigend. Setzen! Wie meine Mathelehrerin in der Grundschule gesagt hat: Die 3 ist die 1 des kleinen Mannes. (In der guten, alten Zeit wurde noch nicht gegendert.) Doch mal ehrlich, wie furchtbar wäre eine Welt in der jede_r von sich behauptet, durchschnittlich zu sein? Pardon, sollte ich lieber sagen: normal? Doch was soll diese »Normalität« denn bedeuten? Sollen wir von unserem multikulti-links-grün-gender-verseuchten Selbstverliebtheitsindividualismus ablassen und unser Streben danach ausrichten, was der gesunde Volkskörper zum Gedeihen benötigt?

Ironischerweise bestätigen unsere Kritiker_innen – und die gibt es auch in meiner Generation –, wie sehr sie eigentlich schon selbst Teil des von ihnen angeprangerten Feindbildes sind. Denn während sie am heimeligen Herd, auf welchem der ewig braune Einheitsbrei vor sich hinblubbert, stehen und gegen uns wettern, übersehen sie, dass die allzu öffentliche Bekundung ihrer Abneigung gegen unser entartetes Verhalten selbst nur ein Ausdruck selbstverherrlichender Abgrenzung zum Zwecke einer zwanghaften Darstellung ihrer Persönlichkeit ist – und zwar auf Kosten all jener, die irgendwie anders sind, als sie selbst. Wie war das mit der mangelnden Empathiefähigkeit?

Through the looking glass

Anstatt sich mit »unserem« destruktiven Selbstverständnis auseinanderzusetzen, sollte gefragt werden, was das Motiv dieser Kategorisierungsgeilheit ist. »Wir« sind nämlich Menschen mit verschiedenen – und mitunter nicht wirklich konkreten – Vorstellungen vom guten Leben. Pathologische Narzisst_innen gibt es unter uns ebenso wie auch in anderen Generationen. »Wir« sind nicht selbstverliebter als andere. Es gibt keinen Grund, unseren Drang nach Individualisierung als Ismus unter Generalverdacht zu stellen. Sicherlich, wir betrachten uns als Produkt unserer Arbeit, welches wir überall anpreisen und verkaufen wollen. Ist das nicht nur die Konsequenz, die daraus folgt, möglichst alles, was der Mensch irgendwie bearbeiten kann, als Ware auf den Markt zu werfen? Waren auf dem Arbeitsmarkt sind auch schon die gewesen, die vor uns kamen, lange bevor wir das Licht der Welt erblickten. Das Anbiedern unserer ganzen Persönlichkeit ist nur die Materialisierung dessen, was sowieso schon lange als Naturgesetz betrachtet wird.

Quod erat demonstrandum

Was also stört an uns? Dass wir, anstatt den Kapitalismus zu stürzen, es uns in ihm gemütlich machen mit Fruchtsmoothie und Gemüsechips – natürlich bio, fair trade, raw, vegan und glutenfrei –, und dass das natürlich die ganze Welt zu interessieren hat? Oder dass wir die hässliche Fratze des Kapitalismus sind, die all jene im Spiegel erblicken, die sich nicht eingestehen wollen, dass es keinen guten Kapitalismus geben kann? Kurzum: Ja, wir sind toll und alle ganz besonders, wir lassen uns in unserem Größenwahn nicht beirren und schieben die Schuld auf unsere Vorfahren, welche sich auch nur in das bestehende kapitalistische Gesellschaftsgefüge eingereiht haben. Wir sind die Früchte, die ihr gesät habt!

Foto: Monty Python’s Life of Brian (GB 1979, Regie: Terry Jones)

Zur Person Jana Heidenfelder

Jana Heidenfelder steht kurz vor ihrem MA-Abschluss in Philosophie an der Universität Leipzig. Danach wollte sie eigentlich mit Anscombe und Aristoteles die Tugendethik verteidigen. Statt dessen beschäftigt sie sich jetzt mit der Kritischen Theorie.

Ein Kommentar

  1. Friedrich Burda · März 17

    Zu viel der Ehr‘!
    Durch Ihren Beitrag unmittelbar angesprochen, muss ich allerdings, wenn auch geschmeichelt ablehnen, wenn Sie der älteren Generation, also auch mir pointiert unterstellen, Sie und andere seien die Früchte, die wir gesät hätten – ich für meinen Teil fühle mich dafür nicht „groß“ genug, das zu behaupten. – Ich bewundere diese Schöpfung und das ohne einer Konfession anzugehören. Es genügt mir Mensch zu sein, eine Facette nur, aber trotzdem bin auch ich mit Spiegel dieses Wunders, was mir auch rational Mut macht, bewusst zu sein und weiter zu denken…….. Woher hat der Mensch seine Sprache, diese Genialität? Doch nicht aus sich allein! Jedes Atom, jeder Baustein dieser Welt zeigt diese Strukturen und „singt“ und spricht, das behaupte ich, und zeigt eigentlich das und noch viel mehr, was der Mensch für sich als Intelligenz definierend reduziert, damit er überhaupt glauben kann, dass er es versteht.
    Was die Existenz dieser heutigen, wunderbaren und zugleich schrecklichen Generation betrifft, denn sie hält mir u.a. tatsächlich auch einen Spiegel „meiner“ Transformation vor, so leugne ich nicht mein Zutun, meinen „freien Willen“, meinen Anteil an den „Beziehungen“, aber ich schätze ihn trotz aller persönlichen Eitelkeiten und Narzissmen kaum höher ein als mein physisches Gewicht im Vergleich zum Universum – und das ist lediglich eine statische (und materielle) Betrachtung.