Narzissmus | Generation Zeitgeist

Seien wir ehrlich: Ein bisschen narzisstisch sind wir doch alle. Das liegt jedoch nicht an unseren kleinen Eitelkeiten, die wir hegen und pflegen. Es liegt vielmehr daran, dass unsere mutmaßliche Authentizität nicht primordial ist. Denn unser Selbst konstituiert sich als solches im intersubjektiven Miteinander unserer geteilten Praxis. Daher ist es ganz normal, dass sich unser Selbstbewusstsein erst im Zuge der Erziehung durch Dritte herausbildet. Nicht minder normal ist es, dass unser Selbstbild auch im Erwachsenenalter durch die Reaktionen Anderer geformt wird. Und dass wir uns dann und wann in puncto Schönheit, Reichtum, Erfolg etc. mit Hinz und Kunz vergleichen, ist zwar nur selten klug, aber auch nicht wirklich besorgniserregend.

Selbstfremdbilder

Besorgniserregend wird es dann, wenn der Narzissmus nicht nur ein bisschen, sondern voll und ganz von uns Besitz ergreift. Dann wird man nämlich zum echten Narzissten, dessen scheinbare Selbstbezogenheit sich gar nicht mehr auf ein Selbst bezieht. An die Stelle des intersubjektiv geformten Selbst tritt dann nur noch die Beobachtung der Reaktionen Dritter auf die eigene Person sowie der ständige Vergleich mit den Anderen. Dabei verliert allerdings nicht nur der Narzisst sich selbst als Subjekt, sondern auch seine Mitmenschen werden ihrer Subjektivität beraubt. Statt als Subjekte, mit denen man sich auseinandersetzen muss, fungieren die Anderen dann nur noch als Vergleichsobjekte, die dem manischen Narzissten permanent seine eigene Großartigkeit spiegeln, während sie dem depressiven Narzissten unentwegt zeigen, was für ein Loser er in Wirklichkeit doch ist. Bewunderung muss auf Bewunderung folgen und Verachtung auf Verachtung, um sicher gehen zu können, dass man überhaupt noch existiert.

Millenniale Sündenböcke

Jahrelang schien es so, als gäbe es nur noch Narzissten, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Das ist natürlich sehr unwahrscheinlich, sollte aber die sogenannte Generation Y sein. Landauf, landab raunte es im Feuilleton von einer ganzen Kohorte rundum zertifizierter, ständig netzwerkelnder und bis zur Würdelosigkeit flexibler Ego-Taktiker, denen es nur darum ginge, sich alle Optionen offen zu halten, um stets zu den Gewinnern zu zählen. Und das hörte sich dann irgendwie so an, als würden die im Kapitalismus lebenden Vertreter der sogenannten Babyboomer oder Generation X derlei nicht tun. Was sollte das aber anderes sein als der nicht ganz so nette Versuch einiger Redakteure oder Soziologen der betreffenden Altersstufen, sich auf Kosten der Jüngeren mal wieder ordentlich selbst auf die Schulter zu klopfen?

Vielleicht mag man es ja noch dem einen oder anderen Soziologen nachsehen, wenn er in seinem Bemühen um eine finite Theorie allerlei Abstraktionen vornimmt, die zu Allgemeinbegriffen führen, unter denen er nahezu alles nach Belieben subsumieren kann. Ist man von derlei theoretischen Ambitionen frei, so ist die Einteilung von Menschen in Generationen allerdings vollkommener Blödsinn. Zwar gibt es gewiss Musik, Kriege, Fernsehserien, Revolutionen, Lebensmittel, Subkulturen, Terroranschläge oder technische Gerätschaften, die für viele Menschen einer bestimmten Altersgruppe feste Bezugspunkte ihrer Erinnerung bilden, während dies bei den Nachgeborenen nicht mehr der Fall ist. Dass derlei jedoch dazu berechtigt, Individuen eines bestimmten Alters mehr oder minder kollektive Wesensmerkmale zuzuschreiben, dürfte eine recht gewagte Annahme sein. Wenn man schon Verallgemeinerungen bemüht — denn ganz ohne kommt man freilich nicht aus — scheint es mir doch angebrachter von einem »Zeitgeist« bzw. »Zeitalter« zu sprechen und damit das zu meinen, was im Mainstream einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit vorherrschend ist. Anders als eine Generation ist der Zeitgeist oder das Zeitalter weitgehend unabhängig vom Lebensalter der beteiligten Personen. Und dies lässt dann auch den nicht so sonderlich exotischen Gedanken zu, dass die meisten Menschen zwischen 40 und 80 Jahren, die beispielsweise in einem narzisstischen Zeitalter leben, keineswegs weniger narzisstisch sind, als diejenigen zwischen 20 und 40 Jahren.

Zeitalter des Narzissmus

Spricht man von einem »narzisstischen Zeitalter« so ist damit freilich nicht gemeint, dass alle zu echten Narzissten in dem oben angedeuteten pathologischen Sinn werden. Vielmehr soll damit gesagt sein, dass es im Mainstream eine merkliche Steigerung des Bedürfnisses gibt, durch Zurschaustellung der eigenen Person eine vor allem affirmative Reaktion seiner Mitmenschen zu erhalten, um so das entleerte Selbstbild wieder aufzufüllen. Dass wir gegenwärtig in einem solchen Zeitalter leben, scheint mir nahezu unbestreitbar. Das zeigt sich nicht nur daran, dass irgendwelche 17-Jährigen Selfies von ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen posten. Und es zeigt sich auch nicht nur daran, dass irgendwelche 30-Jährigen sich auf Tinder als effiziente Sexmaschinen präsentieren. Es zeigt sich ebenso daran, dass heutzutage unerträglich viele 50-Jährige jeden Furz twittern, den sie vor 20 Sekunden fahren ließen. Und es lässt sich ebenso daran erkennen, dass man kaum noch einer Seniorengruppe begegnet, deren Teilnehmer nicht mit auf Stangen befestigten Handtelefonen herumfuchteln, um anschließend die öden photographischen Zeugnisse ihrer Kaffeefahrt ins Elbsandsteingebirge auf Instagram hochzuladen. Fasst als Beweis dafür, dass wir in einem narzisstischen Zeitalter leben, muss indes gelten, dass offenbar so wenige Menschen Skrupel haben, einen echten manischen Narzissten zum Führer der westlichen Welt zu wählen. Oder will jetzt irgendwer ernsthaft behaupten, dieser 70-Jährige Egomane, der sich vor allem um die Größe seines Inaugurationspublikums und seiner Hände (d.h. Penis) sorgt, wurde nur von US-Amerikanern gewählt, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden?

Foto: www.vodafone.de

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

Ein Kommentar

  1. Thomas Klauth · März 11

    „Es liegt vielmehr daran, dass unsere mutmaßliche Authentizität nicht primordial ist. Denn unser Selbst konstituiert sich als solches im intersubjektiven Miteinander unserer geteilten Praxis.“ Wer übersetzt mir diesen gestelzten Satz eines deutschen Gelehrten? Schade