Narzissmus | Leben im Spiegelkabinett

Was ist eigentlich mit Narziss los? Er beugt sich über einen Teich und sieht ein Gesicht hinter der Wasseroberfläche. Das Gesicht gehört zu einem schönen Mann, der ihn anschaut und dann lächelt. Narziss kann sich von der Erscheinung nicht lösen. Er will den Mann küssen, und der Mann beugt sich auch zu ihm hin, aber seine Lippen erhaschen immer nur Wasser. In Ovids Version wird Narziss schließlich bewusst, woran das liegt: Der Andere ist nur sein Spiegelbild. Da ist niemand hinter der Oberfläche. Aber die Erkenntnis hilft ihm nicht. Er verzweifelt an der Unmöglichkeit, sich von dem Bild zu befreien. Er wird immer schwächer und stirbt im Gras neben dem Teich.

Die innere Zitadelle

Das Ganze hat eine Vorgeschichte. Narziss weist die Nymphe Echo ab, die in ihn verliebt ist. Echo hat es nicht leicht mit Anderen. Eine Göttin hat ihr die Fähigkeit genommen, sich in eigenen Worten mitzuteilen. Jetzt wiederholt sie immer nur die letzten Worte ihrer Gesprächspartner – jedenfalls erscheint es denen so, und sie hören nur sich selbst, wenn sie mit Echo sprechen. Mit Narziss ist es genauso. Echo will ihm etwas sagen, aber er vernimmt nur, was er gerade selbst gesagt hat, und das findet er ganz unerträglich. Seine starke Ablehnung ist erstaunlich: Von seinem Spiegelbild kann er sich nicht lösen, aber Echo zuzuhören, wie sie seine Worte spiegelt, ist furchtbar für ihn.

Narziss flieht nicht nur vor Echo. Ovid beschreibt, wie er genervt ausweicht, sobald sich irgendwelche Andere nähern. Er streift durch die Wälder und geht auf die Jagd. Warum? Eine mögliche Erklärung wäre, dass für Narziss eigentlich alle Anderen so wie Echo sind: Sie sagen ihm nichts, was er sich nicht selbst sagen könnte, und darauf hat er keine Lust. Ihm fehlt das Gespür dafür, bei den Anderen wirklich Anderes zu hören. Echo will ihm ja auch etwas Anderes sagen als das, was bei ihm ankommt. Wenn man sich auf sie einlassen würde, könnte man vielleicht einen Weg finden, sie zu verstehen. Aber Narziss macht das nicht, kann es nicht. Die Geschichte geht also so: Narziss hört überall nur sich selbst und läuft davon – er will einen Anderen hören, er will sich gar nicht selber hören; in seiner Not entzweit er sich und macht sich selbst zum Anderen im Teich; aber die Selbsttäuschung funktioniert nicht lange, und er kommt ihr auf die Schliche – wahrscheinlich, weil ihm der Andere, der er selbst ist, nicht das geben kann, wonach er sucht. Trotzdem dringt weiterhin nichts von außen an ihn heran, und er bleibt mit seinem Spiegelbild allein; er kann damit nicht mehr leben, also stirbt er.

Same, same, but different

So gelesen ist das gar keine Geschichte von Selbstverliebtheit und erst recht nicht von Selbstgenügsamkeit. Eher eine Geschichte von einem inneren Gefängnis, in dem es nicht auszuhalten ist. Narziss will ja einen Anderen, aber er hat nur sich selbst, weil er in den Anderen nur sich selbst wahrnimmt. Wie ein endloses Spiegelkabinett. Wenn wir in dieser Weise mit uns allein wären, würden wir wahrscheinlich auch verzweifeln. Wir sind wohl Wesen, die sich nach einem echten Gegenüber sehnen. Nach einem anderen Subjekt, das zwar auch voller Gedanken ist und in dieser Hinsicht so ähnlich wie wir, aber trotzdem getrennt. Wir fragen uns diese ganzen Fragen, warum wir hier sind, warum es überhaupt irgendetwas gibt, uns fällt auf, dass die Zeit abläuft – und aus irgendeinem Grund machen diese inneren Gespräche nur Sinn, wenn man sie jemandem mitteilen kann. Sie sind dazu da, erörtert zu werden. Wer wie Narziss die Anderen nicht als Gegenüber wahrnimmt, dem entgehen nicht nur ihre Gedanken, sondern der kann sich den Anderen auch nicht mitteilen. Und vielleicht ist das ein Grund für Narziss’ Verzweiflung: das eigene Leben mit all diesen inneren Gedanken erscheint ihm irgendwann bedeutungslos. Echo geht ja auch daran zugrunde, sich nicht mitteilen zu können. Liebe hat meiner Ansicht nach viel mit diesem Verlangen nach einem Gegenüber zu tun, mit dem man im weiten Sinne philosophische Gedanken teilen kann. Eine Person zu lieben bedeutet unter anderem, eben dieses Verlangen nach ihr zu haben: mit ihr über die drängenden Gedanken zu sprechen (Sokrates hatte recht). Deshalb kann man sich selbst auch nicht in dem Sinn lieben, wie man andere Personen lieben kann. Man kann sich um sein eigenes Wohl sorgen. Man kann sich auch selbst als Person achten. Aber man kann sich nicht sich selber mitteilen. Liebe ist mehr als Sorge und Achtung. Narziss hat dieses Verlangen nach einem Gegenüber, findet aber keins. Und die arme Echo auch nicht.

Generation Selfie

Meine Generation wird oft als »narzisstisch« bezeichnet, weil wir so viele Selfies ins Netz stellen. Ich weiß nicht, ob das wirklich narzisstisch oder einfach nur ein bisschen eitel ist. Narziss hat jedenfalls ganz andere Probleme. Und er ist auch gefährlicher. Er hat womöglich keine Schuld an seiner Misere (man müsste genauer untersuchen, was eigentlich die Ursache dafür ist). Aber wir sollten vor ihm auf der Hut sein: Andere nicht als Andere wahrzunehmen, macht es leichter, sie auch nicht als solche zu behandeln; ihre Grenzen nicht zu respektieren; ihre Autonomie nicht zu achten, sondern über sie zu verfügen wie über sich selbst. Falls Narziss übrigens Präsident werden sollte, bevor er aus seinem Gefängnis ausbrechen kann, helfen nur Widerstand, Schutzräume und gute Richterinnen.

Foto: www.brixtonbuzz.com

Zur Person Nora Kreft

Nora Kreft forscht über Liebe und macht sich Gedanken über Autonomie. Manchmal schreibt sie auch Artikel zu Platon und Aristoteles. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität in Berlin.

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