Narzissmus | Generation XY unerlöst

Als Angehöriger der vielgescholtenen Generation X weiß ich sehr wohl: Nichts ist so alt wie die Klage der Älteren über die »Jugend von heute«. Damals sagte man uns nach, vollends unpolitisch geworden, von depressiver Musik aus Seattle eingelullt und mit dem Blasen konsumistischer Trübsal beschäftigt zu sein. Doch diesmal geht es um die uns nachfolgende Generation Y, und jetzt stimmt es natürlich wirklich: »Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten« (Babylonische Tontafel, ca. 1000 v. Chr.).

Egoismus ohne Ego

Die Soziologie nennt die Kohorte jener, die nach 1980 geboren und als Digital Natives in den Spiegelbildern der Sozialen Medien erwachsen wurden, auch »Millenials« oder »Generation Selfie«. Und besonders angesagt ist derzeit die feuilletonistische Ferndiagnose einer Epidemie des »Narzissmus«. Damit liegt die gesamte Generation Y mit berüchtigten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf der Behandlungscouch: Cristiano Ronaldo (»Vielleicht hassen sie mich, weil ich zu gut bin!«), Donald Trump (»Weil ich einfach sehr gut aussehe«) oder auch Anders Breivik (»Ich habe die spektakulärste politische Attacke in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg begangen«). Was ist dran an dieser Ferndiagnose?

Im oberflächlichen Alltagsverkehr dichtet man Narzissten gern »übertriebene Selbstliebe« an. Die Psychoanalyse schürft tiefer und diagnostiziert Symptome einer seelischen Entwicklungsstörung: Ein biografisch zurückgebliebenes Ego wird nach außen hin durch tendenziell größenwahnsinnige Ich-Inszenierungen kaschiert, in denen sich Geltungssucht und Kritikunfähigkeit paaren. Eine tiefe Empathie- und Beziehungslosigkeit wird durch manipulative Machtbeziehungen und vampirartige Kurzliaisons kompensiert. Und die »innere Leere« soll mit Fun, Drogen, Postings, Likes, konsumistischem Zwangsverhalten oder gar Gewalt aufgefüllt werden.

Schon der Mythos ist Aufklärung

Die mythische Erzählung kennt zwar »dieses Internet« noch nicht, aber sie berichtet von einem Jüngling, der ungeheuer viele analoge Likes generiert und doch vom Leben und den Anderen gelangweilt ist. In einem dunklen Gewässer soll er ganz plötzlich sein Spiegelbild entdeckt und sich so sehr in sich selbst verliebt haben, dass er versehentlich ins Wasser fiel und ertrank. Allerdings ist diese populäre Deutung nur wenig überzeugend. Vergessen wir nicht, dass dem Jüngling kurz nach der Geburt ein Seher voraussagte – abweichend von der Inschrift am Tempel von Delphi –, Narziss werde nur dann ein langes Leben habe, wenn er sich nicht selbst erkenne. Narziss aber hat eben dies versucht, indem er stunden- oder auch tagelang in sein Spiegelbild schaute. Und was er dort fand, kann ihn nicht wirklich überzeugt haben. Es hat ihn vielmehr deprimiert, weil er in seinem solitären Innern auf nichts als Oberflächlichkeit und Leere stieß. Daher hat er sich willentlich ins Wasser gestürzt. Nur der Suizid brachte die (Er-)Lösung.

Und Aufklärung schlägt in Mythologie zurück

Was der Seher dem kleinen Narziss geraten hatte, war, modern gesprochen, bloß nicht zu viele Selfies von sich zu machen. Nicht, weil dieses lächerliche Geknipse selbstverliebt und eitel ist, sondern weil die (mediale) Selbstbespiegelung notwendig zu tödlicher Langeweile und manifester Lebensmüdigkeit führt. Vielleicht ist also das der eigentliche Teufelskreis, in dem die Generation Y gefangen ist: Die Relativität einer »entzauberten« und zunehmend als sinnlos empfundenen Außenwelt wird im Zuge einer vermeintlich sinnstiftenden Selbstbesinnung auf die narzisstische Innenwelt bekämpft; was aber stets nur zu einer lebensmüden Verschärfung jener existenziellen Sinnlosigkeitsgefühle führt usw. Und was meine eigene Generation X (»Load up on guns and bring your friends / It’s fun to lose and to pretend«) bereits ahnte, aber noch nicht wahrhaben wollte, ist für die Nachfolgegeneration (»Einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen«) geradezu Alltag: Sie fühlt sich irgendwie »anspruchsberechtigt«, stößt in der entzauberten Lebenswelt aber ständig auf einen real existierenden Nihilismus lebenspraktischer Vergeblichkeit.

Von der Selbstsucht zur Sinnsuche

Genau hier zeigt sich eine wachsende Gefahr, die zu Beginn durch den Namen »Breivik« aufgerufen wurde und gegen die juvenile Vergeblichkeitsgefühle ein Kinkerlitzchen sind. Lässt sich nicht bei vielen jungen Menschen bereits eine drastische Abkehr von der lebensmüden Selbstsuche verzeichnen, und zwar zu Gunsten einer neuen »objektiven« Sinnsuche um jeden Preis? Diese Sinnsuche verfährt nicht etwa solipsistisch, wie der lächerliche Authentizitätskult auf Instagram, sondern im kämpferischen Kollektiv. Ob es um national befreite Zonen in Sachsen, um den Häuserkampf in Friedrichshain, den Ringelpietz auf Kirchentagen oder den Kampf für das Kalifat in Mossul geht: Die schmerzhaft ungelöste Sinnfrage wird durch die irregeleitete Bereitschaft zur sinnstiftenden Selbstaufgabe im extremistischen Wir beantwortet. Oder anders gesagt: Während die narzisstische Teilkohorte der Generation Y im Gefühl depressiver Sinnlosigkeit stecken und damit »am Ufer« sitzen bleibt, stürzt sich die fundamentalistische bzw. dschihadistische Teilkohorte ins Wasser und transformiert die eigene Lebensmüdigkeit in Gewalt oder auch Suizid. Beide Seiten tun das, was sie tun, nicht aus Fun oder Abenteuerlust, sondern weil sie am Nihilismus unserer Zeit verzweifeln. Deshalb greifen die einen zur Waffe und die anderen zum Selfie-Stick.

Foto: © Laura Williams, www.facebook.com/laurawilliamsphotos

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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