Mode | Dernier Cri

Der »Roman« ist ein etymologischer Abkömmling der Romantik, und so könnte man meinen, dass die »Mode« ein Kind der Moderne sei. Das stimmt zwar nicht im engeren wortgeschichtlichen Sinn, wohl aber gibt es da eine wichtige Parallele. Denn während Roman und Romantik zu einer besinnlichen Feier der Innerlichkeit laden, zelebriert die moderne Mode das Fest der reinen Äußerlichkeit. Sie ist ganz Oberfläche, äußere Erscheinung, Inszenierung, Tand, Zierrat. Und damit immer auch, wie eben die Moderne insgesamt, das mitunter ein wenig inhaltsleere und rabiate Vorhaben, möglichst autonom zu werden, auf Traditionen zu pfeifen, mit den Vorfahren zu brechen, immer noch einmal von vorn zu beginnen und für sich selbst zu stehen. (Sicher, auch in der Mode wird ständig »zitiert«, aber diese Zitate sind selbst nur Dekoration und Flitter).

Kritik der reinen Oberfläche

Eben diese in der Mode zelebrierte Anbetung der reinen Äußerlichkeit mag dann auch der Grund dafür sein, warum sich intellektuelle Gemüter so ungern eingehender mit ihr beschäftigen. Insbesondere philosophische Geister scheuen die Oberflächenbehandlung und verzichten ungern – sieht man einmal ab von bestimmten Spielarten der Selbsthilfeliteratur oder auch der Analytischen Philosophie – auf Traditionen und den Respekt gegenüber der eigenen Vorgeschichte. Man mag die Mode und ihre berühmten Schöpfer noch so sehr feuilletonistisch aufzuwerten versuchen, indem man sie zu Kunst und Künstlern erklärt, in Museen ausstellt und demnächst dann sicher auch zum Weltkulturerbe dazuzählt. Und doch tritt die intellektuelle Bedeutungslosigkeit menschlichen Strebens nirgends deutlicher zu Tage als dort, wo saisonale Hymnen auf  Prêt-à-porter und Bread-and-Butter angestimmt werden und wo man stundenlangem Gerede darüber lauschen kann, ob die Eighties wieder da oder doch schon wieder weg sind; was die Farbe des kommenden Winters sei; welches das derzeit angesagteste skandinavische It-Label ist; ob Blusen im Sommer voluminöse Statement-Ärmel benötigen; ob man noch Haifischkragen trägt oder die Hosen wieder kürzen werden; zu welcher Gelegenheit Mules oder Babouches »gehen« und ob man die Unterwäsche in der kommenden Saison nicht doch über der Oberbekleidung tragen muss usw. Darum spricht man wahrscheinlich auch von dernier cri: Man möchte schreien. Dieser Diskurs ist intellektuell einfach nicht ernst zu nehmen. Oder vielleicht doch?

Fegefeuer der Eitelkeiten

Es gibt zumindest eine rühmliche Ausnahme: Georg Simmel hat in einem langen Essay mit dem Titel »Philosophie der Mode« aus dem Jahre 1905 so ziemlich alles über Bekleidungstrends und textile Geschmacksfragen gesagt, was man auch heute noch dazu wissen muss. Simmels zentrale kulturphilosophische These knüpft an eine sozialanthropologische Grundbestimmung des Menschen an, die von Ferne an Immanuel Kants Antagonismus der »ungeselligen Geselligkeit« des Menschen erinnert: Auch die Mode, so Simmel, ist ein steter Kompromiss »zwischen der Verschmelzung mit unserer sozialen Gruppe und der individuellen Heraushebung aus ihr«. Sie macht es dem modebewussten Menschen möglich, sich durch »Nachahmung« vollends anzupassen und doch zugleich durch »Sich-abheben« bestmöglich zu individuieren. Die Bekleidungsbranche wird so zu einem »Tummelplatz für Individuen (…), welche innerlich unselbständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zugleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf«.

Dieses Vorhaben – modische Versklavung im Dienste individueller Freiheit – ist selbstredend paradox; auch weil das Wesen der Mode ersichtlich darin besteht, »daß immer nur ein Teil der Gruppe sie übt, die Gesamtheit aber sich erst auf dem Wege zu ihr befindet«. Und sobald alle tragen, was vorher nur einige trugen, ist es auch schon wieder »aus der Mode«. Was dann entsprechend auch die Not und Dynamik abrupter Abfolgen von Moden (im Plural) erklärt – und mithin den enormen Warendurchlauf bei H&M, Zara, Primark und anderswo.

Die feinen Unterschiede

Die Mode ist demnach nicht einfach nur Tand, sondern ein Modus Vivendi im Vorbewusstsein der jeweils eigenen Zerrissenheit zwischen Dazu-gehören-Wollen und Nicht-dazu-gehören-Wollen. Oft genug reicht dazu bereits eine minimale Abweichung aus – ein Logo, ein offener Knopf, eine eigentümliche Art, Schnürsenkel zu binden. Und selbst wenn man dann einmal auf echte Punks oder auch auf sogenannte Paradiesvögel trifft, die sich scheinbar von allen abgrenzen, so bleiben doch auch diese textilen Parias derselben Logik einer integrativen Abgrenzung verhaftet, indem sie, wie Simmel so schön sagt, Mitgliedern eines »Vereins der Vereinsgegner« ähneln. Was aber bei einer neuerlichen Simmel-Lektüre ganz besonders auffällt: An keiner einzigen Stelle des Essays dient die Mode, wie man doch annehmen könnte, der sexuellen Attraktion und Partnerwahl. Die Mode ist zwar durch und durch Selbstinszenierung, aber in einem viel grundlegenderen Sinn als bei profanen Libidoverwicklungen. Indem der jeweils eigene Bekleidungsstil Ausdruck von gesellschaftlicher Anpassung und Individualität zugleich ist, wird stets aufs Neue ausprobiert, wie man im Mainstream mitschwimmt, ohne ein toter Fisch zu sein. Die eigene Kleidung hat sehr wohl eine Botschaft. Aber sie will nicht einfach attrahieren, sondern den Spagat zwischen Integration und Integrität ermöglichen. Sie ist eine Botschaft an all die, die ohnehin schon zu »uns« dazugehören und die fast – aber eben doch nur fast – so sind wie ich.

Foto: Serhanoksay, www.wikipedia.de, CC BY-SA 3.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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