Mode | Merry Hipmas

Ich habe beschlossen, dieses Jahr Hipmas zu feiern, und das ist gar nicht mal so absurd, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Wie den Messias, so erkennt man ja bekanntlich auch Hipster daran, dass sie verneinen, Hipster zu sein. Ehemals Lebensform der subversiven Intelligenzia, ist das Hipstertum schon eine Weile als Mode klugscheißernder Studenten verschrien, die nicht wahrhaben wollen, dass sie auch nur Teil vom Mainstream sind. Doch gerade in Zeiten vorweihnachtlicher Besinnungswellness sollten wir alle einmal kurz innehalten und all den Hipstern danken, welche für uns Tag für Tag das Kreuz gesellschaftlich etablierter Facepalms und Eyerolls auf sich nehmen und so für unser aller Sünden sühnen.

Survival of the Hippest

Trotz des neverending Gejaules der Konservativen, selbsternannten Partiot_innen, Reichsbürger_innen und besorgten Bürger_innen, etc., die sich als Opfer der linksgrüngendermainstreamfemfaschistisch___en (bitte weitere Einfügungen selbst vornehmen) Weltverschwörung wähnen, und welche sich dementsprechend gerne selbst als Märtyrer_innen und Partisan_innen im Kampf gegen Meinungsdiktatur und Ausrottung nicht nur des teutschen Volksgeistes, sondern des Weltgeistes überhaupt inszenieren: Es sind meiner Ansicht nach die Hipster, die als Ventil für all die Probleme in der Welt herhalten müssen. Goldenen Lämmern gleich jagen wir sie auf die Schlachtbänke moderner Medien. Kein Wunder, dass sie so schlank und schön sind: getrieben von dem Bratwurst schwenkenden und Roggenbrot werfenden Mob müssen sie viel Geld für hochwertige Turnschuhe ausgeben, um schneller laufen zu können. Die andauernde Treibjagd macht ihre Beinchen schlank und zaubert ihnen eine adrette Röte ins Gesicht. Ihre Haare werden vom Gegenwind gesellschaftlicher Repression zerzaust, und junge Männer haben keine Zeit zum Rasieren.

Ohne neueste Technik und Medien würden sie ihren Peinigern direkt in die Falle laufen. Ihre rigorose Diät ist erzwungen durch ihre Lebensumstände: vorwiegend pflanzliche Nahrung ist nicht nur unkomplizierter betreffs Beschaffung, Zubereitung und Bekömmlichkeit, sondern unterstützt auch die physische und psychische Leistungsbereitschaft.

La Hipsterance!

Hipster, so könnte man meinen, sind neben Muslimen und Menschen, welche die Kackhäufchen ihrer Hunde nicht wegmachen, Ursache für den Untergang des Abendlandes. Sie sind das wohlriechende und gutaussehende Über-Ich der Zivilisation. Mit ihrem politisch korrekten Konsumverhalten demonstrieren sie, wie degeneriert der Rest der Menschheit ist. Der unmenschliche Tugendterror dieser Moralapostel kennt keine Obergrenze: Fairphone und Ökostrom, von Waisenkindern aus Nicaragua gehäkelte Topflappen aus Biobaumwolle, Raw Vegan Cheeseburgers und Clean Eating Chocolate Chip Cookie Dough Bites, nonsexist ecofriendly technodance flirting auf Unisextoiletten mit kostenlosen Menstruationstassenputztüchern und regenbogenfarbenen Fairtradekondomen aus Naturkautschuk wahlweise mit Glitzerananasmuster oder minimalistisch in Schwarz mit Mategeschmack. Auf Alicorns über den Regenbogen fliegen und dabei Videos von Katzen machen, welche die Dialektik der Aufklärung lesen. Wer das fürchterlich findet, mag einfach keine Katzen und sollte sich alternativ dazu die Aufnahmen ansehen von Hundebabies, denen aus der Minima Moralia vorgelesen wird. #cute

Ein Gespenst geht um

Ironie beiseite. Es gibt einen ganz einfachen Grund, warum niemand sich selbst als Hipster bezeichnet: es gibt keine. Hipster sind als Projektionen unbewusster gesellschaftlich reproduzierter psychischer Defizite das Produkt frustrierter Squares, die sich, anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen gesellschaftlicher Probleme auseinanderzusetzen, lieber grummelnd auf ihr Sofa zurückziehen und einreden, irgendjemand da draußen nehme ihnen ihr Tiefkühlschnitzel weg und schreibe vor, dass es nicht Milch, sondern Milch*in heißt oder besser gleich: Mandeldrink*in. Sie sagen: Gibt es keine anderen Probleme auf der Welt, z.B. dass es vielerorts keine Weihnachtsmärkte mehr, sondern neuerdings Lichtermärkte gibt, und die gute deutsche Mutter nicht genug Geld hat, um ihren Kindern Geschenke für Weihnachten zu kaufen? Ich frage: Haben sie keine anderen Probleme als sich über angebliche Konsumverbote und Sprachvorschriften aufzuregen, z.B. warum wir in einem Staat leben, der sich Religionsfreiheit auf die Fahne schreibt, in dessen Präambel des Grundgesetzes aber von einem „Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ gefaselt wird (kein Wunder also, dass eine religiös verklärte Institution der Herrschaft wie die Ehe als angeblicher Kulturträger gefördert wird)? Oder warum Menschen systematisch diskriminiert werden, wenn sie in einem bestimmten Milieu aufwachsen? Anstatt etwas gegen derartige Lebensbedingungen zu unternehmen, welche die Menschen in lebenslanger Abhängigkeit halten.

Ihr Hipsterlein kommet

Bei Hipmas kommen alle auf ihre Kosten: Christen dürfen nach wie vor eine Märchengestalt anbeten, und all die Humanitätsfasler und Nächstenliebegedönsler können sich selbst wichtig vorkommen, weil sie einmal im Jahr an Andere denken. Der Rest von uns kann mit viel Glitzer und BlingBling dieses Kitsch- und Konsumfest zelebrieren.

Bildmontage: Jana Heidenfelder

Zur Person Jana Heidenfelder

Jana Heidenfelder steht kurz vor ihrem MA-Abschluss in Philosophie an der Universität Leipzig. Danach wollte sie eigentlich mit Anscombe und Aristoteles die Tugendethik verteidigen. Statt dessen beschäftigt sie sich jetzt mit der Kritischen Theorie.

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