Mode | Beim Barte

Des Propheten Bart sollte eigentlich keine Frage der Mode sein. Schließlich wurde mit religiösierten und geheiligten Bärten stets der Anspruch erhoben, eine festverwachsene Größe im Angesicht der Zeiten zu sein, weshalb sie gemeinhin als haariger Ausdruck der beständigen Würde ihrer Träger galten. Doch ein kursorischer Blick durch die Geschichte der Gesichtsbehaarung offenbart schonungslos, dass selbst der Bart im religiösen Kontext rasierenden modischen Wechselfällen unterworfen war, auch wenn man diese – anders als die seit einigen Jahren zu beobachtenden Verbartisierungstendenzen hipsteresker Provenienz – oft nur über den Verlauf von Jahrhunderten hinweg zu rekonstruieren vermag. Da sich nun nicht jeder Mann glücklich schätzen darf, durch die Gnade der Geburt ein Mohammed, Moses, Jesus oder orthodoxer Heiliger geworden zu sein, muss angesichts des nurmehr auf dem Markt der Eitelkeiten getragenen Gesichtspullovers die zeitkritische Frage erlaubt sein: Wie steht es um den Bart als solchen?

Bart ab

Die ernüchternde Antwort gleich vorweg: Der Bart steckt in einer gehörigen Krise. Und das nicht erst, seit jeder totalisiert modebewusste Individualist meint, seinen mehr oder weniger voluminösen Vollbart mit einem akkurat gestutzten Undercut kombinieren zu müssen, was ihn gern so aussehen lässt wie ein naives Hybrid aus HJ-Pimpf und Weihnachtsmann. Es herrscht zwar kein Mangel an Bärtigen – aber die Bärtigen herrschen eben nicht mehr. Vorbei die Zeiten, als allerorten königlich-kaiserliche Wangen von wallend lockigen Insignien der Macht umspielt waren. Seit dem letzten Jahrhundert hat, von revolutionären role models wie Fidel Castro oder Ho Chi Minh einmal abgesehen, kein wirklich erstzunehmender Staatenlenker mehr mit bekennender Haltung einen richtigen Bart getragen. So regierte mit Nikolaus II. der letzte russische Potentat im Bartformat, denn mit Lenin und Stalin begann der bartevolutionäre Schwund hin zur glattrasierten Bruderkusswange, die noch Putin seinem Duzkumpan Schröder hinzuhalten pflegt.

Womit wir bei der tragischen Bartvergessenheit der deutschen Sozialdemokratie angelangt wären: Es ist Martin Schulz nicht hoch genug anzurechnen, den Versuch gewagt zu haben – allein, ein Blick in die Ahnengalerie hätte genügt: Seit 1949 ward kein Kanzler mit Bart gesehen, politische Macht wird heutzutage allenfalls noch ehrenhalber als nachgeholte Anerkennung an verdiente Rauschebart-Bürgerrechtler attribuiert. Auch im internationalen Maßstab zeigt sich: lange nichts. Ein paar verschämte Schnauzbärte. Rajoy. Klar, die Ajatollahs und arabischen Scheichs, die sich freilich nicht wählen lassen müssen. Und auch gern mal der Einfachheit halber mit radikalen Taliban und anderen bärtigen Wüterichen verwechselt werden, was nicht gerade zum Imagegewinn beiträgt. Der Machtbart ist ziemlich aus der Mode gekommen – wer wirklich an die Macht will, rasiert sich besser.

Bart bedacht

Nicht einmal auf die Philosophen ist noch Verlass: Mögen Marx und Engels sowie selbst der genialisch verrückte Nietzsche die letzten bartlosen Großdenker der Neuzeit (Fichte, Schelling, Kant und Hegel) abgelöst und als veritable Posterboys für kurze Zeit die Hoffnung auf eine Renaissance der eindrucksvollen Gesichtsrahmung genährt haben – zu den klassisch-hellenischen Denkerbärten hat die Zunft der Philosophen seit 1900 nicht mehr zurückgefunden. Im intellektuellen Milieu hat der Bart als Statement, sei es für eine professoral gediegene Wissenschaftlichkeit oder später ganz gegenläufig als Protest gegen das akademische Establishment, inzwischen ausgedient und an Bedeutung verloren. Nur bei einigen wenigen – teils besonders interessanten, teils betont schrägen – Denkern wie Brandom, Dennett, James, McDowell, Peirce oder Žižek könnte er vielleicht noch als eine Art (modisches?) Markenzeichen durchgehen, doch auch diese Attitüde sollten wir nicht überbewerten. Schließlich wird damit nur zum Ausdruck gebracht, dass man im ansonsten nicht gerade lässigen Verein hauptamtlich bestallter Denker ausnahmsweise auch mal den ein oder anderen Nerd akzeptiert, weil so ein haarig clownesker Narr die anzüglich-rasierte Monotonie aufhellt. Ansonsten gilt offensichtlich die bewusst nicht explizierte Maxime: So etwas hat man als ordentlich denkender Mensch einfach nicht im Gesicht.

Bart egal

Und im Grunde genommen ist es für den Bart (und seinen Träger) sogar ganz gut, dass er nicht mehr als Statussymbol oder Ausdruck einer bestimmten Geisteshaltung herhalten muss. Die mit der kurzweiligen Mode des Hipsterbartes einhergehende Indifferenz bedeutet in Wahrheit eine wohltuende Befreiung vom referenziellen Zwang auf vertrackte Bedeutungszusammenhänge: Unter der Voraussetzung, dass Mann nicht in besagten Kreisen zu reüssieren gedenkt, kann es ihm nämlich herzlich egal sein, ob und wie er seine Barttracht tragen mag. Harry Rowohlt the Beard Bear (der Gott der melancholischen Lebensfreude hab‘ ihn selig!) war dafür wohl das beste Beispiel. Diese Art des Barttragens versteht sich dann zum Glück nicht mehr als haargewordene Verkörperung eines wie auch immer gearteten Bewusstseinszustandes, sondern muss sich letztlich nur noch an ästhetischen Kriterien messen lassen – und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht fruchtbar streiten. Die oben benannte Krise des Bartes kann man also getrost ignorieren und sich (sofern man hat) einfach zufrieden durch denselbigen fahren.

Foto: Jack Szwergold, www.flickr.com, CC BY-NC 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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