Mode | Fesche Fashion Faschos

Vor einiger Zeit war in einem bekannten Hamburger Nachrichtenmagazin ein Artikel zu lesen, nach dessen Lektüre man durchaus vermuten konnte, der Zeitungshändler hätte ungefragt noch Thor Kunkels Roman »Endstufe« zwischen die Magazinseiten geschmuggelt. Der Text las sich nämlich wie eine Art Schulmädchen-Report über das Frühlingserwachen im Sachsenwald. Allerdings spielte das ganze nicht im Sachsenwald, sondern in Sachsen-Anhalt, genauer gesagt: in Halle an der Saale. Und der Autor war auch nicht Thor Kunkel, der inzwischen für die AfD als Werbetexter tätig ist, sondern Takis Würger, der schon aus so krisenerprobten Ländern wie Afghanistan und Libyen berichtet hatte.

Die Fallenstellerin

Die Hauptdarstellerin in Würgers Schulmädchen-Report ist das Fräulein Schmitz. Fräulein Schmitz ist Studentin der Medienwissenschaften und Mitglied des sich »Kontrakultur« nennenden Hallenser Ablegers der sogenannten »Identitären Bewegung«. Wenn sie sich nicht gerade um ihre Identität als deutsches Mädel sorgt, photographiert sie sehr gerne Avocados, Selbstgebackenes und ihren national befreiten Boyfriend. Das alles postet sie dann selbstverständlich auf Instagram, weil man das ja heute so macht. Ihr Lieblingsmotiv ist jedoch eindeutig sie selbst. In den sozialen Netzwerken lässt sich ausgiebig bestaunen, wie sie adrett hergerichtet und in fescher Garderobe vor der Kamera posiert, so als wäre sie soeben dem brandneuen Modekatalog eines allseits bekannten schwedischen Textilhandelsunternehmens entsprungen. Und lichtet sich das Fräulein Schmitz gar dabei ab, wie sie mit einem knappen Sporthöschen bekleidet und tiefe Einblicke ins Dekolleté gewährend, auf einem flotten Retro-Rennrad sitzt, so wird nicht nur IBstern und anderen Nipstern ganz warm ums Herz, sondern offenbar auch Spiegelredakteuren im Schritt.

Unterm Mini wird gejodelt

Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, weshalb Takis Würger solch brünstig raunende Beschreibungen des besagten Fräuleins abliefert, wie etwa diese: »Sie ist schlank, hat hohe Wangenknochen und herbstrot gefärbte Haare. Man schaut sie an und ist hypnotisiert von der Inszenierung dieser Frau«. Die Hypnose muss sehr erfolgreich gewesen sein. Denn Würgers Dämmerzustand feuchtwarmer Entrückung zieht sich durch den gesamten Text, der uns darüber aufklärt, dass das Fräulein Schmitz kurze Röcke trägt und dabei vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ich persönlich glaube ja, dass es wirklich drängendere Fragen gibt als jene, wie viel Verfassungsfeindlichkeit unter den anscheinend hypnotisch kurzen Röcken des Fräulein Schmitz steckt. Sollten kurze Röcke jedoch den Verfassungsschutz tatsächlich dazu animieren, ausnahmsweise mal nicht auf dem rechten Auge blind zu sein, so will ich jetzt gerne allen Rechtsextremisten und -innen den folgenden Modetipp zukommen lassen: Halli Hallo, meine Lieben, was geht ab? Voll krass, kurze Röcke sind die neuen Thor Steinar-Hoodies! Kurze Röcke liegen voll im Trend! Und nicht nur diese Saison! Nein, auch für die nächsten 1000 Jahre! Wenn Ihr also echt cool Teil eines Volkskörpers sein wollt, dann tragt kurze Röcke!

So, nachdem ich nun mein Fashion-Tutorial erfolgreich absolviert habe, möchte ich mich jetzt einer Frage zuwenden, die die Leserinnen und Leser sicherlich schon länger umtreibt. Die Frage lautet: »So weit, so schlecht, und so banal, aber was soll´s?« Diese Frage erscheint berechtigt. Denn man könnte durchaus meinen, dass wir es bei dem Fräulein Schmitz wieder nur mit einem weiteren jungen Menschen zu tun haben, der leider nicht weiß, wer er ist, und daher seine Identität irrlichternd dort sucht, wo er sie niemals finden wird, nämlich in solch inhaltsleeren Abstrakta wie »Kultur«, »Volk«, »Nation«, »Rasse« etc. Warum also überhaupt noch einen Gedanken an dieses Hipster-IBster-Nipster-Postergirl der offenbar identitätslosen Vaterlandsgesellen verschwenden?

Schulmädchen-Report

Obgleich von der Sache her naheliegend, scheint mir eine derart altersweise und demnach durch die Lebenserfahrung der Wiederkehr des Immergleichen abgeklärte Sicht auf das Fräulein Schmitz etwas übergebührlich entspannt zu sein. Das liegt allerdings weniger an dem Fräulein Schmitz selbst. Denn dessen Aktivitäten hauen niemanden vom Hocker, der schon vor 30 Jahren von den Vorortfaschos aus Berlin-Marienfelde verprügelt wurde und der auch Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mölln, Solingen und den NSU keineswegs vergessen hat. Der Grund für die von mir anempfohlene Anspannung liegt vielmehr in dem bumsfidelen Bohei, den die Medien um eine dem Mainstreamgeschmack entsprechende Rechtsextremistin machen. Wir haben es nämlich nicht nur mit dem röhrenden Würger zu tun, der — vermutlich noch immer hypnotisiert — über die sogenannte »Identitäre Bewegung« überrascht anmerkt: »Die Gruppe benimmt sich anders als alles, was Deutschland an rechtsextremen Gruppen kannte. Schmitz und ihre Freunde tragen keine Springerstiefel, sie distanzieren sich vom Nationalsozialismus, sie sind keine Antisemiten, sie sprechen sich gegen Gewalt aus, viele haben studiert.« Auch beim Deutschlandfunk hieß es geradezu verwundert: »Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel: Mit diesen abgegriffenen Neonazi-Klischees hat der neueste Trend am rechten Rand nichts zu tun.«

Fest der Schönheit

Grund zur Anspannung liefert solch Mediengeschwätz deshalb, weil es gleich in doppelter Weise von einer erschreckenden Geschichtsvergessenheit zeugt. Die erste historische Amnesie betrifft die 1930er Jahre in Deutschland. Zugegeben: Hitler, Göring, Goebbels oder Himmler sahen nicht gerade so aus, dass man sie als »Dressmen« bezeichnen würde. Aber die nationalsozialistische Ästhetisierung, die wir zum Beispiel in den Werken Arno Brekers oder Leni Riefenstahls erkennen können, war dennoch nicht die Abkehr vom Schönheitsideal des Mainstreams, sondern nur die übersteigerte Fortführung dessen, was Hinz und Kunz klassischer- und spießigerweise als gut aussehend empfand. An das Schönheitsempfinden und die Mode des Mainstreams anzuschließen, ist demnach keineswegs eine Novität der sogenannten »Identitären Bewegung«, sondern war schon immer Teil rechter Propaganda.

The Story of Skinhead

Die zweite historische Amnesie betrifft die 1960er Jahre in Großbritannien. Ist von »Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel« die Rede, so bezieht sich dies auf das Äußere von Skinheads. Es ist ein seit Jahrzehnten währender Skandal, dass in deutschen Medien die Begriffe »Skinhead« und »Neonazi« mehr oder minder synonym verwendet werden. Zwar gab es in den 1970er und 1980er Jahren auch britische Skinheads, die der »National Front« und der »British National Party« beitraten. Aber derlei Boneheads oder auch nur jeden rassistischen Idioten, der sich irgendwie tarnfarben kleidet, als »Skinhead« zu bezeichnen, bloß weil er sich auch die Haare abrasiert, ist unglaublich ungerecht gegenüber Skins. Die Skinheadkultur war nämlich überhaupt die erste (mehrheitlich) weiße Popkultur, die nicht lediglich die Musik schwarzer Künstler aufgriff, vereinnahmte und verwurstete (wie etwa im Big-Band-Swing oder im Rock ´n´ Roll), sondern in der vorwiegend die Musik schwarzer Künstler selbst gehört wurde, nämlich Ska. Dass Skinheads zusammen mit schwarzen Rude Boys um die Häuser zogen und dass es auch schwarze Skinheads gab, will ich hier gar nicht mehr erwähnen, da dies sicherlich eine solch ungeheuer komplexe Bemerkung ist, dass sie dem durchschnittlichen Mediennutzer nicht mehr vermittelbar wäre. Vom Fräulein Schmitz hypnotisiert zu werden, ist da doch viel einfacher und bequemer.

Bildmontage: Thomas Hoffmann

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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