Macht | Falsche Freunde

Vor einigen Wochen wurde in diesem Magazin das Problem mit den »falschen Freunden« verhandelt. Dabei kam heraus, dass man gut daran tut, sich vor ihnen in Acht zu nehmen. Das ist eigentlich keine so aufregende Neuigkeit. Umso erstaunlicher ist es, wie oft diese Einsicht nicht beherzigt wird, sogar von ganz gewitzten und total angesagten Machttheoretikern. Wer es nicht glaubt, der kann es selbst ausprobieren. Dazu muss er oder sie einfach nur ein Seminar über Macht für Topmanager – und wenn er oder sie Glück hat, sogar für eines der ganz seltenen Exemplare von Topmanagerinnen – durchführen.

Machtheoretische Vielfalt

Auf solch einem Seminar werden dann natürlich die gängigsten Machttheorien dargestellt und mit üppigem bildungsbürgerlichem Kolorit versehen. Man fängt also bei Aristoteles an, springt dann zu Thomas Hobbes und stellt deren sehr weite Machttheorien dar, die eigentlich alles denkbare Handeln beinhalten. Wenn man besonders avantgardistisch sein will, dann lässt man sich auch über Baruch de Spinoza aus. Dann gibt es einen weiteren Sprung zu der langweiligen Machttheorie von Max Weber, bei der es ja bekanntlich um die Chance geht, seinen Willen auch gegen den Widerstand anderer durchzusetzen – ganz gleich worauf diese Chance beruht. Das ist so langweilig, weil es selbst den Brötchenkauf mit einschließt. Immerhin würde der Bäcker seine Brötchen ja nicht einfach so rausrücken, sondern man muss seinen Widerstand brechen, indem man ein paar Münzen über die Theke schiebt. Lustiger wird es da schon bei Hannah Arendt, die unseren begrifflichen Intuitionen mal wieder mit der ihr eigenen kühlen Verachtung ins Gesicht spuckt. Gewalt, so lehrt sie uns entgegen landläufiger Meinungen, hat überhaupt nichts mit Macht zu tun, sondern ist geradezu das Gegenteil von ihr. Nur wer seine Macht verloren hat, muss zu Gewalt greifen. Und wer zu Gewalt greift, zeigt damit seine eigene Ohnmächtigkeit. Spannend ist daran, wie sich die Bedeutung von Macht dabei verschiebt. Bei der Entgegensetzung von Macht und Gewalt, wird jene schon allein deswegen tendenziell zu etwas Gutem, weil sie mit dieser üblen Gewalt so gar nichts zu tun hat. Ausnahmen, wie der ohnmächtige Widerstand der Erniedrigten und Beleidigten, bestätigen natürlich die Regel.

Theorie der Machtlosigkeit

Den ultimativen Vogel abgeschossen hat jedoch Michel Foucault, und zwar auch für die Topmanager(i…). Bei Foucault ist Macht gar nichts personenbezogenes, sie geht nicht von Akteuren aus. Nicht sie sind die Mächtigen, sondern die »Dispositive« sind es – was auch immer das sein soll, Strukturen oder Systeme oder so etwas vielleicht. Jedenfalls finden die Topmanager(i…) das eine Superidee von dem Michel. Sie rufen aus: »Der Mann hat Recht. Ja, genau so ist es!« Und skandieren die »Macht der Korridore«. Auf den ersten Blick wirkt das einigermaßen erstaunlich. Sie sind es doch, denkt der dumme Knecht, diese mächtigen Konzernlenker, denen durch die Theorie von Foucault ihre Macht genommen wird. Erbost müssten sie darüber sein. Mit der ganzen Macht ihrer Ämter und Positionen müssten sie doch über diese Theorie herfallen und sie in Grund und Boden stampfen. Mit der ganzen Gewalt ihrer befehlsgewohnten Stimmen müssten sie sie zunichtemachen, diese elendige Theorie ihrer Machtlosigkeit.

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Auf den zweiten Blick wirkt ihre Lobhudelei in Bezug auf Foucault und seine poststrukturalistische Machttheorie jedoch gar nicht mehr so befremdlich. Vielmehr zeigt dies nur, wie machtbewusst diese Topmanager(i…) wirklich sind. Denn was ist besser als Macht, die im Verborgenen wirkt? Und was hilft ihnen mehr, ihre Macht zu verbergen, als eine Theorie aus dem scheinbar linken Lager, die einfach behauptet, sie besäßen überhaupt keine Macht? »So ist es«, rufen sie dann heimlich feixend aus, senken scheinbar beschämt ihr Haupt, und im Verborgenen wirken sie weiter. Auch den Sinn von der Behauptung, dass die Macht in den Korridoren läge, haben sie natürlich voll und ganz verstanden. Denn sie sind es ja, die die Macht weg von offiziellen Sitzungen und dorthin – zu ihren informellen Flurgesprächen – verlagert haben.

Heilsame Enttäuschung

Ein hübsches Lehrstück ist das. Denn auch bei Theorien gilt, so zeigt sich hier, dass Absicht und Wirkung nicht immer zueinander passen. Und einmal mehr wird klar, wie sehr man sich vor falschen Freunden in Acht nehmen muss. Ach ja, und wer meint, damit seien die Topmanager(i…) gemeint, der täuscht sich.

Foto: Quelle unbekannt

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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