Macht | was!

Macht bedarf der Anerkennung – das wissen wir seit Hegel. Auf welch wackligen Beinen die Macht damit steht, zeigt der jüngste »Skandal« um einen schlaksigen Satiriker, der einen schmählichen Machthaber zu schmähen wagte. Da dessen Kritik zwar die Schmähligkeiten, jedoch leider nicht die vom Geschmähten forcierte »Volksbeglückung« anerkannte, überkam den Potentaten jäh die große Angst vor dem eigenen Machtverlust, auf die er nun mit juridischer Gewalt reagiert. Ist Macht denn so machtlos?

Ich bin etwas, was Du nicht siehst

Schon der Begriff bereitet Schwierigkeiten, eine klare Definition scheint widersprüchlich zu sein: Einerseits wird Macht als repressiv verstanden und oft mit Gewalt assoziiert, andererseits wird ihr produktiv-gesellschaftskonstitutiver Charakter hervorgehoben. Diesen Doppelcharakter der Macht vereint bereits Aristoteles im Begriff der »dynamis«, der die Vorstellung von Macht zum einen als Vermögen, dieses und jenes zu tun, und zum anderen als Struktur eines Verhältnisses zwischen Menschen ausdrückt. Doch was besagt diese Unterscheidung in der Anwendung auf konkrete Machtverhältnisse? Wichtig ist offenbar, ob und wie der Machthabende seine Macht zur Schau zu stellen vermag: »Im Ruf von Macht stehen ist Macht«, so Thomas Hobbes, und Hans Christian Andersen gibt uns mit »Des Kaisers neue Kleider« die passende Anschauung dazu: Der Ruf des Kaisers allein reicht aus, um den nackten Leib des Potentaten als prunkvoll eingehüllt erscheinen zu lassen.

Kaisers_Kleider

Diese Fiktion besteht solange, wie das Publikum nicht aus der Rolle fällt und gewillt ist, der Darstellung die Bühne zu bereiten. Die Inszenierung von Macht funktioniert, weil die Macht hierarchisch von oben nach unten verteilt ist – und gewohnheitsmäßig affirmiert wird. Aus Angst um den eigenen Ruf traut sich niemand, etwas zu sagen, zumal gerade ein despotischer Staat diese unbewusste Habitualisierung gern als umso effizienteres Mittel zur Intensivierung der Macht nutzt. Aber wehe, wenn ein noch nicht deformiertes und korrumpiertes Kind – paradigmatisch in der Gestalt des Satirikers – den Schwindel auffliegen lässt, um am Ast der Legitimität der Macht des Despoten zu sägen!

Hail, Caesar!

Während der nackte Kaiser sein (Un-)Vermögen zur Schau stellt, geht die Macht der Satire auf den Gedanken der Meinungsfreiheit zurück und ist Ausdruck des sogenannten »relationalen Charakters der Macht«. Damit ist nichts anderes als das komplexe Beziehungsgeflecht bezeichnet, welches die kollektiven Ermöglichungsbedingungen einer Gemeinschaft strukturiert und idealerweise eine symmetrische Machtverteilung auf der Grundlage eines demokratischen Diskurses vorsieht. Die instinktive Angst Erdoğans vor dem satirischen Verweis auf seine Blöße hat also nicht bloß etwas mit seiner persönlichen Schmähligkeit zu tun, sondern vor allem damit, dass im fingerzeigenden Ecce! Böhmermanns die Vorstellung (und Realität) repressiver Hierarchiestrukturen in der Türkei sichtbar gemacht und zur Darstellung gebracht wird – wozu der anklagende und diplomatisch Druck ausübende Herrscher den zusätzlichen performativen Beweis liefert.

Macht und Kritik

Der öffentliche Umgang mit dem Schmähgedicht in Deutschland zeugt allerdings selbst wiederum von einem Mangel an Einsicht in die Ermöglichungsbedingungen der eigenen, freien Gesellschaft. So führt der »Skandal« realiter zu demjenigen Witz, den sich Böhmermann über das Machtverhältnis in Deutschland erlaubte: Die Satire steht auf dem Spiel, weil der liberale Begriff der Macht zur bloßen Fassade zu werden droht – vor allem, wenn Deutschland aufgrund vermeintlicher »Sachzwänge« mit anti-liberalen und Minderheiten unterdrückenden Staaten zusammenarbeitet. Ein Teil der Debatte, die eingeleiteten juristischen Schritte sowie die mögliche Verurteilung Böhmermanns affirmieren offenbar genau dasjenige Machtverständnis, das dieser mit den kritischen Mitteln einer freien Gesellschaft bloßzustellen gedachte. Der tiefere Sinn einer solchen Kritik liegt vor allem in der Absicht, über die Grundlagen der eigenen Freiheit nachzudenken, und ist nicht frei von Ironie: Gerade die juristischen Schritte, die typischerweise zu den Bedingungen moderner Demokratien zählen, scheinen in diesem Fall die Erwartungen an eine demokratische Gesellschaft zu enttäuschen und deren Anerkennung zu unterlaufen. So steht also nicht nur die repressive Machtpolitik eines post-osmanischen Caesaren in ihrer vollkommenen Nacktheit da – der satirische Angriff zeigt auch die eigene Entblößung auf, nämlich wie unbekleidet demokratische Grundrechte dastehen können, wenn man ihnen die Anerkennung entzieht.

Macht Sinn

Wir sollten Macht also in ihrem Doppelcharakter verstehen. Macht als leiblich verkörpertes, repräsentiertes Vermögen muss dabei nicht in einer Dichotomie zur Macht als Relation zwischen Menschen aufgefasst werden. Denn auch in einer Demokratie kann Macht, z.B. in Gestalt des Satirikers, als verkörpert wahrgenommen werden. Entkleiden wir diesen seines kritisch-ironisches Vermögens, so zeigen wir letztlich vor allem, auf welch wackligen Beinen die Macht der Presse- und Meinungsfreiheit steht: Auf der zarten Voraussetzung, dass wir den Sinn von Kritik verstehen.

Foto: Falk Bornmüller

Zur Person Macht-Sinn-Kollektiv

Das Macht-Sinn-Kollektiv sind Falk Bornmüller, Katrin Felgenhauer und Rainer Totzke. Gemeinsam organisieren sie das diesjährige Philosophie-Performance Festival [soundcheck philosophie] #4: MACHT_DENKEN! vom 21.‒24.04.2016 in Leipzig.

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