Macht | kaputt, was euch kaputt macht!

»Wieviel sind hinter Gittern, die die Freiheit wollen? Wieviel sind hinter Gittern, die wir draußen brauchen? Wieviel sind hinter Gittern nach dem Gesetz: Wer das Geld hat, hat die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht?« Als die links-libertäre Rock-Combo Ton Steine Scherben dies 1971 sang, war die Welt zwar schon lange nicht mehr in Ordnung, aber zumindest die Fronten schienen klar. Diejenigen, die die Produktionsmittel besaßen, hatten faktisch die Macht, und deshalb konnten sie sie auch in Form eines ihnen nützlichen juristischen Überbaus institutionalisieren. Auf diese Weise wurde nicht nur ihr Besitz als Eigentum legitimiert und vor den Besitzlosen gesichert, sondern ihre Macht wurde so auch als Herrschaft zementiert.

Klassenkampf

Wollte man die Gesellschaft ändern, so musste man also den Überbau ändern. Und um den Überbau zu ändern, musste man die Produktionsverhältnisse ändern. Und um die Produktionsverhältnisse zu ändern, musste man der herrschenden, weil besitzenden, Klasse den Kampf erklären. Das sahen Anfang der 1970er Jahre nicht nur einige Stadtguerilleras und Stadtguerilleros aus Tuttlingen, Oldenburg und Schwabing so, sondern auch viele andere Post-68er, die sich weit weniger für Heckler&Koch und BMW begeisterten. Allerdings gab es da nicht nur das kleine Problem, dass die vom rheinischen Kapitalismus weichgespülten Werktätigen weder Arbeiterklasse noch revolutionäres Subjekt sein wollten. Auch ein glatzköpfiger Franzose, der Michel Foucault hieß, hatte damit begonnen, die Vorstellung zu erschüttern, man könne den Ursprung der Macht überhaupt auf Klassen oder gar einzelne Personen zurückführen. Sprach Max Weber etwa noch davon, dass »Macht« bedeute, innerhalb einer sozialen Beziehung jede Möglichkeit zu nutzen, den eigenen Willen auch gegen das Widerstreben der Anderen durchzusetzen, so tauchte bei Foucault zwar noch der Körper des Subjekts als Adressat der Macht auf, sein Wille jedoch nicht mehr als deren Quelle. An die Stelle individueller oder kollektiver Herrschersubjekte traten nun vielmehr die Einschließungsmileus der Disziplinargesellschaft, die durch Institutionen wie Familie, Schule, Kirche, Fabrik, Klinik oder Gefängnis manifestiert wurden.

Disziplinierung

Jetzt war die Macht nicht länger Zankapfel des Klassenkampfes, sondern Struktur des panoptischen Miteinanders. Wer Herr und wer Knecht war, ließ sich nicht mehr klar erkennen. Als letzten Rettungsanker für die revolutionäre Avantgarde gab es aber immerhin noch die Institutionen der Einschließungsmilieus, deren Disziplinierungen qua Strafandrohung noch klar beschrieben werden konnten. Aber auch damit sollte bald Schluss sein! Denn Gilles Deleuze hatte sich zwischenzeitlich an die Achillesfersen von Foucaults Disziplinargesellschaft geheftet, um sie durch die Kontrollgesellschaft zu ersetzen. Dadurch wurde es allerdings noch schwieriger, den äußeren Feind zu erkennen. Nun gerieten nämlich auch noch die Einschließungsmilieus samt ihrer Institutionen in die Krise, die sie durch nie endende Reformen zu bewältigen suchten. Die starren Gussformen der disziplinierenden Einschließungen wurden von der permanenten Modulation abgelöst: von sich beständig selbst verformenden Formen der Kontrolle mit freiheitlichem Anschein.

Kontrolle

Macht zeigte sich jetzt nicht länger durch Disziplinierung qua Androhung exkludierender Strafe, sondern durch den gnadenlos inkludierenden Konsum von Waren und vor allem dadurch, dass sich die Subjekte selbst als Waren zu begreifen begannen. Wie alle anderen Waren mussten sie sich nun aber folglich auch auf dem Markt behaupten. Und daher bedurfte es ihrer unentwegt andauernden Selbstkontrolle, sollten sie auch weiterhin konkurrenzfähig bleiben, statt unter all dem konkurrierenden Humankapital als Ladenhüter zu enden. Man zertifizierte sich. Man bildete sich fort. Man hielt sich fit und gesund. Man blieb jung und hübsch. Jetzt war die Macht dem Subjekt nicht länger der äußere Feind. Kein Herrscher oder Einschließungsmilieu bemächtigte sich seiner, sondern die Macht des Marktes konstituierte nun überhaupt erst die warenförmigen Subjekte der Kontrollgesellschaft. Klassen- und gesichtslos, aber genau deshalb umso absoluter, war die Macht von nun an stets mit ihnen.

Macht-Eins

Und wie ist das heute? Die Macht des Marktes ist mehr denn je mit uns. Die Angst, als Ladenhüter zu enden, lässt uns selbstkontrolliert den genormten Karriere-Mustern hinterherhecheln. Eingeschlossen in der disziplinierenden Ungewissheit, ob die unsichtbaren Konsumenten unserer Gedanken und Körper uns auch für schnell und gut genug befinden, schleifen wir im Panoptikum der unendlichen Konkurrenz all unsere Ecken und Kanten ab, an denen sich die Herrschaft der Mediokren stoßen könnte. Statt in ihren Fabriken ausgebeutet und in Gefängnissen eingesperrt zu werden, verwirklichen wir uns in ihren elektronischen Warenkörben. Von unserem eigenen Warenwert ganz benommen, bleiben wir im Korbgeflecht aus simulierter Kommunikation, symbolischer Sozietät und virtuellem Erfolg stecken. Um da noch rauszukommen, hilft jetzt nur noch, kaputt zu machen, was uns kaputt macht. Hüten wir also die Läden, bis sie Lebensräume werden!

Foto: spirosk-photography, http://spirosk-photography.deviantart.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

0 Kommentare