Kontrolle | Des Kapitalismus‘ kleine Schwester

Die Länder Europas wie auch die USA erfahren gegenwärtig ein verstärktes Kontrollbedürfnis. Protektionismus, Separatismus, Nationalismus treiben nicht mehr nur ihre Blüten, sondern tragen bereits ihre ersten Früchte. Es scheint der Punkt erreicht, da die dem Neoliberalismus eigene Dialektik nach einer Aufhebung verlangt; nur dass es der Linken nicht so recht gelingt, diesem Projekt ihren Stempel aufzudrücken. In der Tat erscheint die Linke so schwach wie niemals zuvor. Der Zusammenbruch der SU, die Auflösung der kommunistischen Partei Italiens, der Sieg des sich als alternativlos gebärdenden Neoliberalismus und die mit ihm verbundene, zunehmende, staatlich organisierte Diffamierung sozialistischer Gruppen haben den Sozialismus ohne Zweifel geschwächt. Doch das allein erklärt mitnichten die gegenwärtige Attraktivität der Rechten. Es muss etwas an ihnen sein, das die Leute glauben macht, eher in autoritären, hierarchisch-traditionalistischen denn in egalitär-sozialistischen Gefügen ihre Bedürfnisse befriedigen zu können.

Eingriffe

Nun, da ist sicher zunächst die paradox anmutende Tatsache, dass das politisch Autoritäre immer schon die kleine Schwester des Kapitalismus ist. Mag die Ideologie des kapitalistischen Liberalismus staatliche Eingriffe in die ökonomische Sphäre verbieten, so schreckt sie doch nicht davor zurück, sich des Staates etwa zur Regulierung, Unterdrückung und Bekämpfung oppositioneller Kräfte zu bedienen. Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten zugunsten von Deregulierung, Flexibilisierung und Privatisierung, sprich: zur Befreiung des Kapitals, gehören damit ebenso zum Tagesgeschäft wie die Verschleierung dieser Absichten etwa durch sicherheitspolitische Vorwände, Kriminalisierung und Marginalisierung.

Kontrollverlust

Hausgemacht ist jedoch nicht nur die interne Liebelei mit rechtem Denken. Hausgemacht sind auch und vor allem die Übel, von denen die Menschen meinen, sie mit Gestalten wie Trump, Orban, Putin, Erdogan, Kurz etc. pp. in den Griff bekommen zu können. Die ökonomische Entfesselung im Zeichen des Neoliberalismus – vom Abbau der Sozialstaatlichkeit über die Schwächung der Gewerkschaften hin zur Aufweichung arbeitsrechtlicher Bestimmungen – stellt nicht nur die materielle Sicherheit infrage und verschärft die Klassenunterschiede; sie vertieft auch die Vereinzelung und die mit ihr verbundene Ohnmacht der Einzelpersonen sowohl im Sozialen als auch im Ökonomischen wie Politischen, sodass die Kontrolle über das eigene Leben zunehmend der individuellen Verfügung entzogen scheint.

Zugehörigkeit

Die Idee von der Freiheit des Einzelnen – die faktisch seit jeher nur die der Eliten war – führte realiter zu einer zunehmenden sowohl materiellen als auch ideellen Absonderung des Individuums von Staat und Gesellschaft (welches Potenzial, bei Lichte betrachtet, dieser Scheidung selbst innewohnt), zu einem Gefühl mangelnder Zugehörigkeit und Teilhabe. Dass das hieraus hervorgehende Bedürfnis nach materieller Sicherheit und sozialer Partizipation seine Erfüllung von rechts erhofft, erklärt sich dabei nicht nur durch ein bereits politisch befeuertes Feindbild, welches die Rechte weitertreibend dankbar aufgreift, um es anschließend, in Gestalt erfahrbarer, schwacher Gruppen, dem Hass der Enttäuschten zum Fraß vorzuwerfen, denen dagegen die Elite so unendlich weit weg und unantastbar erscheint. Auch scheint der gern bediente Gedanke der Nation für ein fixes Zugehörigkeitsgefühl zu sorgen, indem es, im Kontrast zu solch liberalen Abstrakta wie bspw. dem Menschsein, nicht nur diskriminierende Kraft entfaltet, sondern dies auf eine Weise tut, die der gesellschaftlichen Zugehörigkeit einer Person den Anstrich der Unabkömmlichkeit verleiht. Dass man etwa Deutscher ist, dafür muss man nicht nur nicht viel tun, man kann es einem, im Unterschied zu seinem Arbeitsplatz, auch schwerlich nehmen. Die mythische, vermeintlich kontrollstiftende Berufung auf Tradition und unverrückbare hierarchische Strukturen, die gerade in ihrer Geschichtsbezogenheit gerne die Geschichtlichkeit ihres Gegenstandes vergisst, ist dann auch bloß die logische Konsequenz, das Nationale in seiner Naturhaftigkeit nicht zum bloßen Namen verkommen zu lassen.

Der Vorteil der Rechten besteht folglich nicht nur darin, dass der Neoliberalismus strukturell immer schon mit dem Feuer spielt. Er besteht schlicht und ergreifend auch darin, dass das Projekt der Rechten strukturell und strategisch betrachtet ein simpleres ist, insofern sie, ganz um Unterschied zur Linken, bestehende Diskriminierung einheitsstiftend verwalten, anstatt sie aufzuheben. Will und muss die Linke, im Kampf gegen das Großkapital, bestehende Unterschiede aufheben, das heißt transnational agieren, braucht die Rechte dieselben schlicht zu bejahen, um sie anschließend zu zementieren – und das ausschließlich lokal.

Fastfood

Erschwerend hinzu kommt die zunehmende Querfrontstellung der Rechten, die die sonst den Linken eigene Kapitalismuskritik nationalistisch verkehrt, da sie in Globalisierung und Multikulturalismus die Zerstörung traditioneller Werte und Normen erblickt. Will es der Linken folglich gelingen, der Rechten aber auch den neoliberalen, etablierten Kräften Paroli zu bieten, muss sie zunächst den Diskurs um die Ursachen des aufgekommenen Kontrollbedürfnisses im Privaten wie Gesellschaftlich-Politischen zurückgewinnen, was u.a. heißt, dass sie aufzeigen muss, dass die von den Rechten ins Feld geführten Befriedigungen, insofern sie mittelbar soziale Ungleichheiten nicht nur bewahren, sondern sogar verschärfen, bloßes Fastfood sind.

Bild: aesthetics of crisis, www.flickr.com, CC BY-NC-SA 2.0

Zur Person René Böse

René Böse will Kinder das Fürchten lehren. Deswegen und weil man von der Liebe zur „Weisheit“ allein nicht leben kann, studiert er Biologie und Philosophie/Ethik auf Lehramt an der Universität Leipzig.

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