Kontrolle | Zuviel des Guten

Kontrolle ist freiheitsliebenden Menschen suspekt. Denn zwischen dem Bedürfnis nach einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und der Kontrolle durch andere besteht offenbar ein Widerspruch. Nicht umsonst bemüht sich jede*r Adoleszent*in beizeiten mehr oder weniger erfolgreich darum, der zunehmend als Zumutung erscheinenden Sorge der Erziehungsberechtigten zu entrinnen, bei der das Spektrum indes zwischen vertrauensvoll fürsorglicher Begleitung des gedeihenden Nachwuchses bis hin zu helikopter- oder vielmehr drohnenartiger Dauerüberwachung reicht.

Gemäß ihrer ursprünglichen Bedeutung wohnt der Kontrolle jedoch auch etwas Gutes inne, weil sie als Überprüfung von bestimmten Standards der Vermeidung von Fehlern dient und somit eine Instanz ist, die eine gewisse Sicherheit im Handeln garantiert. Wie sollten wir es also mit der Kontrolle halten?

Mittendrin

Eine schlichte Antwort könnte lauten: Nicht zu viel und nicht zu wenig. Damit ist man allerdings ebenso weit wie Studierende im ersten Semester, die von Aristoteles’ Ethik lediglich die vage Vorstellung von einem »Mittelweg der Tugend« behalten und dies natürlich ziemlich mittelmäßig finden. Um zu verstehen, wo die Demarkationslinie zwischen einer Kontrolle, die nützt, und einer Kontrolle, die nervt, verlaufen kann, bietet sich im Anschluss an jüngste Diskussionen um die Déformation professionnelle erneut ein anschaulich-analysierender Blick auf das Soziotop der akademischen Philosophie an. Denn schließlich sind hier einige geradezu mustergültige Kontrollmechanismen ins Werk gesetzt worden, die von hauptamtlich bestallten Verwaltungslehrforschungskörpern bedient und am Laufen gehalten werden. Zum Zwecke der kontrastierenden Darstellung seien im Folgenden zwei exemplarische Typen unterschieden: das cholerische Rumpelstilzchen und der Kontrollfreak. Beide zeigen auf eigentümliche Weise ex negativo die Depravation einer guten und menschenfreundlichen Kontrolle an. Da sich redliche Philosophie nicht mit ungelegten Eiern aka substanzloser Spekulation beschäftigt, sondern die Welt so in den Blick nimmt, wie sie nun einmal ist, darf die leider frappierende Ähnlichkeit mit realen Personen vorausgesetzt werden.

Haltloses Männlein

Eine kluge und sehr genau denkende junge Frau stellt in einem Kolloquium ein Kapitel aus ihrer Dissertation vor und möchte mit den Anwesenden kritisch und konstruktiv über einige der darin enthaltenen Thesen diskutieren. Einer der Betreuer dieser Dissertation leitet die Sitzung – jedoch weniger moderierend denn monologisierend. Aus seiner wortreichen, aus Assoziationen bestehenden Rede geht für diejenigen Teilnehmenden, die den Text vorbereitend gelesen haben, deutlich die völlige Unkenntnis des Redenden über den Inhalt des zur Diskussion gestellten Kapitels und die darin entfaltete Argumentation hervor. Dennoch entblödet sich Besagter nicht, in zunehmend cholerischer Manier die Doktorandin regelrecht zu beschimpfen, das gesamte Projekt der Dissertation in Frage zu stellen und eine komplette Überarbeitung des Geschriebenen anzuraten. Im Anschluss an diese destruktive Zusammenkunft von ihr befragt, was ein solcher Auftritt bewirken solle, führt zu folgender (sinngemäßer) Antwort: Er wolle doch nur ihr Bestes, und es sei ihm darum gegangen, sie auf die harsche Kritik und den rauen Wind vorzubereiten, der ihr später in der akademischen Community zweifelsohne begegnen werde. Das Rumpelstilzchen hatte sich wohl folgende Überlegung zurechtgelegt: Hm, da war doch dieses chilly climate in der Philosophie, von wegen no snuggling but tackling und so. Das muss man irgendwie kontrollieren und sich dagegen wappnen, getreu dem Motto: No bad weather – just poor clothing. Doppelter Denkfehler des Schreimännchens: Das »kühle Klima« suggeriert, wir hätten es mit einem Phänomen zu tun, welches eben über uns kommt wie ein hagelreicher Schauer zu den Eisheiligen. Aber Philosophie ist Handeln im Denken und somit ein kommunikativer Akt, der bewusst gestaltet werden kann. Rumpelstilzchen wollte etwas kontrollieren, was nicht kontrolliert werden müsste, würden sich Leute wie er nicht so aufführen.

Fahrscheine bitte!

Derweil an einer anderen Universität: Der ortsansässige Lehrstuhlinhaber hält vor Studierenden einen Vortrag über Sinn und Zweck der Praktischen Philosophie. Nach der im Stile einer Informationsmitteilung vorgebrachten Diagnose, dass philosophische Ethik heutzutage nichts mehr zur Frage nach dem guten Leben betrage, legt er den Anwesenden mit Blick auf ihr Studium und ihre berufliche Karriere ausdrücklich nahe, sich umzuschauen, welche Debatten gerade im Gange sind, um sich die eigenen Arbeitsthemen ausschließlich danach auszuwählen. Zwischen den Zeilen hört man die Nachtigall unschön trapsen, denn kein Studierender wird es von nun an mehr wagen, ein vermeintlich »abseitiges« Thema für eine Studien- oder Abschlussarbeit vorzuschlagen. Der Kontrollfreak hat immer brav die Anweisungen seiner Lehrer befolgt und sich ganz selbstdiszipliniert niemals einem Thema hingegeben, welches nicht der herrschenden Konjunktur eines bestimmten Diskurses entsprach. Nun, da er selbst ein Lehrer geworden, kann er es nicht ertragen, wenn philosophische Neugierde diesen Rahmen sprengt und unkonventionelle Wege beschreitet. Aber man lernt die Welt eben nicht kennen, wenn man sich stets nur in einem Verkehrsmittel von A nach B bewegt und ständig Angst vor der Fahrscheinkontrolle hat. Wir sollten uns von solchen Kontrollettis kein non plus ultra (»Ab hier nicht mehr weiter!«) vorschreiben lassen, denn hätte jeder Seefahrer an den Säulen des Herakles kehrt gemacht, wäre die Neue Welt eine bloße Utopie geblieben.

Foto: Jose Vicente Jimenez Ribas , www.flickr.comCC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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