Kontrolle | Schlechtes Gewissen

Woody Allen ist ein intimer Kenner antiker Tragödien, und so wird in vielen seiner Filme das Drama tragischer Helden aufgeführt, die »schuldlos schuldig« werden, indem sie gerade dadurch, dass sie ein Unheil verhindern wollen, die Katastrophe allererst in Gang setzen. Wie etwa in »Verbrechen und andere Kleinigkeiten«: Auf den ersten Blick sieht alles nach einem gewöhnlichen Kriminalfall aus. Judah (Martin Landau) unterhält ein außereheliches Verhältnis mit der verzweifelt einsamen Dolores (Anjelica Huston). Die Liaison droht aufzufliegen. Die hochneurotische Geliebte will Judahs Familie zerstören. Im Moment größter Verzweifelung vertraut er sich seinem zwielichtigen Bruder an, der prompt einen Killer engagiert. Nach dem Mord gerät Judah zunächst in eine schreckliche Schuldkrise. Doch die Polizei lässt von ihm ab, der Mord wird einem anderen angehängt, und bald schon kann Judah wieder lachen: »Und dann, eines Morgens wacht er auf, die Sonne scheint, seine Familie ist bei ihm, und auf mysteriöse Weise ist die Krise vorbei. Er merkt, dass er nicht bestraft wurde. Jetzt ist er wirklich frei. Sein Leben läuft wieder vollkommen normal.« Und als Zuschauer_in fragt man sich irritiert: Wo sind bloß Judahs Schuldgefühle geblieben?

Big father is watching you

Nach der entwicklungspsychologisch gängigsten Erklärung verdankt sich unser »schlechtes Gewissen« einer frühkindlichen Verinnerlichung strafender Blicke sozialer Kontrollinstanzen. Lange Zeit wurde diese imaginäre Kontrolle innerfamiliär durch eine dezidiert religiöse Erziehung und die Annahme eines zugleich allwissenden und strafenden Gottes unterstützt. Auch Judah erinnert sich nur zu gut an das zentrale Erziehungscredo seines orthodoxen Vaters: »Gott sieht alles!«. Und in den ersten Tagen nach dem Mord funktioniert dieses väterliche Erbe noch recht gut. Judah wird zwar nicht im weltlichen Sinne entdeckt, das Verbrechen scheint »perfekt«, aber dennoch fühlt er sich ertappt. Von wem eigentlich? Nach einer Weile schüttelt er sich, betrachtet es rational und beschließt: »Gott ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann«. Und schon fällt die Schuld von ihm ab. Die verstörten Zuschauer_innen sehen sich so umgehend mit Nietzsches Frage konfrontiert: Wenn Gott tatsächlich tot ist, wer übt dann noch jene imaginäre Kontrolle aus, ohne die unsere moralische Welt garantiert ins Chaos versinkt? Wer beerbt Gott in seinen Überwachungsfunktionen?

Während der Film diese Frage auf ironische Weise mit »Niemand« beantwortet und damit schmerzlich zu Bewusstsein bringt, gibt ein eigentümlicher Gefängnisbau, erdacht vom Utilitaristen Jeremy Bentham, eine durchweg »gottlose« und eben dadurch zukunftsweisende Antwort. Das Geheimnis dieses kreisrunden »Panopticons« offenbart sich, sobald man als Häftling ins Innere gelangt. Von einem mittig errichteten Wachturm aus, können die unzähligen, hell erleuchteten Zellen rund um die Uhr eingesehen werden. Die Wärter selbst aber sind wegen des Gegenlichtes unsichtbar. Man versetze sich für einen Moment in die Lage der Häftlinge: Sie müssen ununterbrochen damit rechnen, beobachtet zu werden. Beim Auf- und Abgehen, auf der Toilette, beim Schlafen, beim Graben von Fluchttunneln. Aber sie wissen nie genau, ob Sie tatsächlich beobachtet werden. Das ist kontrolltechnisch genial, weil ungeheuer effizient. Selbst wenn niemand faktisch im Turm ist, werden die Gefangenen trotzdem denken, dass sie überwacht werden.

Big brother is watching you

Dieses panoptische Gefühl, unter totaler Kontrolle zu stehen, dürfte mit der Zeit verinnerlicht werden und bietet so optimale Voraussetzungen für eine erfolgreiche Resozialisierung in »Selbstkontrolle«. Die disziplinierende Überwachung soll inkorporiert, nicht mehr »vergessen« werden, damit man sich selbst dann noch unentwegt beobachtet, ja, ertappt und schuldig fühlt, wenn man das Gefängnis schon wieder verlassen hat. Diesen Kontrollbefund hat Michel Foucault modernitätskritisch radikalisiert: Eine Gesellschaft, der es gelingt, derartige Disziplinarmaßnahmen flächendeckend zu institutionalisieren, ob in Gestalt von Gefängnissen, Schulen, Kasernen, Psychiatrien und heute auch in Form von Geheimdiensten, Überwachungskameras und sozialen Netzwerken, ist auf den Tod Gottes bestens vorbereitet. Denn diese Gesellschaft bedarf nicht länger eines strafenden Gottes, an dem man »glauben« muss. Es reicht, wenn man dem Menschen unentwegt das Gefühl gibt, ständig von staatlichen Obrigkeiten beobachtet zu werden ‑ und die Betroffenen disziplinieren sich auf wundersame Weise selbst.

Big ego is watching you

Was also zunächst als architektonisches Modell für ein utilitaristisches Gefängnis gedacht war, entpuppt sich so als Paradigma des modernen Überwachungsstaates: Je mehr die Bürger_innen das Prinzip staatlicher Kontrolle verinnerlicht haben, umso weniger Aufwand muss der Überwachungsstaat faktisch betreiben. Aus autoritärer Totalüberwachung wird habituelle Selbstdisziplinierung. Man könnte meinen, dass es bei aktuellen Diskussionen um geheimdienstliche oder auch privatwirtschaftliche Datenkraken »nur« um das drohende Ende der Privatsphäre ginge. In Wahrheit aber geht es um die Einübung panoptischer Selbstkontrolle, die uns sozialverträglich stimmt, indem sie uns überempfindlich für den Verdacht, ertappt zu werden, macht. Die Geheimdienste, aber auch Facebook & Co haben das Erbe des toten, strafenden Gottes angetreten. Man fühlt das bereits, wenn man telefoniert, E-Mails schreibt oder in sozialen Netzwerken unterwegs ist. Gegen diese Überwachung, die keine wirkliche Überwachung mehr sein muss, weil alle Widerspenstigkeit in uns erlischt, war die Stasi ein Club von Amateuren. Und so als hätte Woody Allen auch das geahnt, hat er die Gottlosigkeit dieser modernen Schuldproduktion einmal wie folgt auf den Punkt gebracht: »Ich glaube, dass dort draußen etwas ist, das auf uns aufpasst. Unglücklicherweise ist es die Regierung.«

Foto: Friman, https://de.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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