Kontrolle | Oder Vertrauen?

Oft wird der jeden Apotheken-Kalender zur Ehre gereichende Sinnspruch »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« nicht nur fälschlicherweise Lenin zugeschrieben. Mindestens ebenso oft ist er auch falsch. In all jenen Fällen, in denen es richtig wäre, jemandem zu vertrauen, ist es nämlich keineswegs besser, ihn zu kontrollieren. Bestenfalls ist die Kontrolle dann überflüssig und verschlingt nur unnötig viel Zeit, Energie und womöglich auch finanzielle Mittel. Schlimmstenfalls kann sie aber sogar Vertrauen zerstören. Denn bekanntlich beruht Vertrauen auf Gegenseitigkeit. Daher empfindet diejenige Person, die kontrolliert wird, obgleich ihr vertraut werden könnte, die Kontrolle nicht selten als Kränkung. Und so beginnt das zarte reziproke Pflänzchen des Vertrauens dann nur allzu schnell welk zu werden.

Privatsphäre

In der intersubjektiven Intimzone zutraulicher Zwischenmenschlichkeit ist Kontrolle daher ein nur äußerst zurückhaltend einzusetzendes Mittel der Gefahrenabwehr. So sollten Eltern zwar durchaus ein nicht nur pädagogisch wertvolles, sondern auch wachsames Auge auf das Tun ihrer noch jungen Nachkommenschaft werfen. Allerdings sollten sie dabei dem Drang zur Totalüberwachung widerstehen. Dringlichst abzuraten ist etwa davon, ohne Not eine Applikation auf dem kindlichen Mobiltelefon zu installieren, die die dauerhafte Ortung des mit dem Kind zu einer organischen Einheit verwachsenen Apparats ermöglicht. Ebenso sollte es tunlichst vermieden werden, die mobilen Endgeräte erklärtermaßen monogam lebender Lebensgefährt*_(x)Innen routinemäßig daraufhin zu untersuchen, ob nicht verdächtige Kontakte zu etwaigen Drittbeischläfer*_(x)Innen vorliegen. Und nahestehende Personen sollten auch nur dann heimlich beobachtet oder belauscht werden, wenn die fraglichen Personen ausdrücklich danach verlangen, da ihnen derlei ein stilles frivoles Vergnügen bereitet. Ist dies jedoch nicht der Fall, so empfiehlt es sich, dem Bedürfnis nach Kontrolle weitgehend zu entsagen und seinen Ehrgeiz auf eine sozial verträgliche Freizeitsportart zu richten.

Öffentlicher Raum

Zweifelsohne muss man schon mit gehörigen Defiziten des Gebrauchs von sowohl normativem als auch evaluativem Vokabular gestraft sein, um ernsthaft meinen zu können, dass in all jenen Fällen, in denen es richtig wäre, jemandem zu vertrauen, es dennoch besser ist, ihn zu kontrollieren. Aber auch dann, wenn dieser Giftkelch begrifflicher Verwirrung an einem vorübergegangen ist, bleibt man freilich weiterhin mit einem nicht zu unterschätzenden Anwendungsproblem konfrontiert. Denn oft lässt sich nur nachträglich herauszufinden, ob es richtig war, einem anderen sein Vertrauen zu schenken. Dieses Problem tritt nicht selten im Umgang mit lediglich entfernten Bekannten auf. Besonders offenkundig sticht es jedoch hervor, wenn man die betreffenden Personen, denen man womöglich vertrauen könnte, überhaupt nicht persönlich kennt. Anders als in den Privaträumen zutraulicher Zwischenmenschlichkeit scheint es mir daher durchaus vernünftig zu sein, im öffentlichen Raum des großen gesellschaftlichen Miteinanders das Mittel der Kontrolle nicht per se zu verdammen. Ich jedenfalls habe nichts dagegen einzuwenden, dass es zum Beispiel Technische Überwachungsvereine gibt, die regelmäßig die Betriebstauglichkeit von Automobilen, Fahrstühlen und Röntgengeräten kontrollieren, statt ihren Besitzern, Betreibern und Herstellern blindes Vertrauen entgegenzubringen. Und deshalb scheue ich auch nicht davor zurück, hier und jetzt zu verkünden, dass unser Gemeinwesen durchaus eine ganze Reihe solcher Fälle kennt, in denen der fälschlicherweise Lenin zugeschriebene Sinnspruch mitnichten achtlos verworfen werden sollte.

Allerdings wäre es mehr als nur vorschnell, mutmaßte man nun, ich wolle mit Hilfe des TÜVs auf den gefälschten bolschewistischen Pfaden eines Apotheken-Kalenders wandeln, um als sogenannter Sicherheitsexperte Datenschutz und Freiheitsrechte zu verstümmeln. Die Untersuchungen des TÜVs wertzuschätzen, heißt nämlich noch lange nicht, dass man auch die geheimdienstliche Praxis der Terrorismusabwehr gutheißen muss. Denn hierbei handelt es sich um zwei recht verschiedene Bemühungen, qua Kontrolle zukünftiges Unheil abzuwenden.

Geheime Überwachungsvereine

Ginge der TÜV wie ein zeitgenössischer Geheimdienst vor, müsste er gar nicht die Mühen auf sich nehmen, jedes einzelne Kraftfahrzeug auf seine Verkehrstauglichkeit zu überprüfen, um nach erfolgter Einzelfallprüfung die Betriebserlaubnis entweder zu erteilen oder zu entziehen. Vielmehr würde er erst einmal klammheimlich allen Kraftfahrzeugen die Betriebserlaubnis entziehen, weil einige von ihnen möglicherweise verkehrsuntauglich sein könnten. Statt der öffentlichen und einzelfallbezogenen Überprüfung, die auf der Annahme des im Allgemeinen Intakten beruht, stellt die derzeitige Praxis geheimdienstlicher Kontrolle nämlich eine verdeckte Überwachung dar, die auf der Voraussetzung des im Allgemeinen Defekten gründet. Deshalb zielt diese Art der Kontrolle auch darauf ab, möglichst allumfassend zu sein. Die Sicht auf den Menschen, die ihr zugrundeliegt, nennt man »Generalverdacht«. Das dazu passende Prinzip der Vorgehensweise heißt »Schrotflinte«.

Wunder

Der Schuss aus einer Schrotflinte hat bekanntermaßen eine recht breite Streuung, weshalb man mit einer Schrotflinte auch recht viel abschießen kann, worauf man gar nicht zielte. Aus Sicht der Geheimdienste sind derartige Kollateralschäden zwar zu vernachlässigen, da ja ohnehin alles und alle immer prinzipiell verdächtig sind. Wie jeder aufmerksame Leser der Apotheken-Umschau jedoch weiß, zeugt ein solcher Generalverdacht keineswegs von geistiger Gesundheit, sondern von akutem Verfolgungswahn. Dass ausgerechnet Verfolgungswahn die innere Sicherheit festigt, grenzte an ein nicht nur medizinisches Wunder.

Bild: Sven Teschke, https://de.wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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