Konsequenz | Folgen oder nicht folgen?

Wer A sagt, muss auch B sagen. Von Kindesbeinen an gehört diese Lebensregel zum festen Grundbestand einer jeden Pädagogik, die den keimenden Spross zur Tugend der Konsequenz zu erziehen trachtet. Die Tracht (keine Prügel!) bleibt folgerichtig nicht aus, wenn der Zögling zwar immer mehr Essen auf den Teller gepackt bekommen möchte, sich hernach jedoch weigert, das Gewünschte auch bis zur letzten Krume zu verspeisen. Mögen derartige Fälle kindlichen Übermuts in den Augen nachsichtiger Eltern als gerade so verzeihbar erscheinen, wird einem spätestens als Erwachsener ein Hang zur mangelnden Folgerichtigkeit mit schöner Regelmäßigkeit zum Verhängnis. Besonders hart trifft es diejenigen, die sich öffentlichkeitswirksam in der Politik verdingen und dabei (meist vergeblich) um Glaubwürdigkeit ringen. Die jüngsten Ereignisse im Zuge einer schwierigen Regierungsbildung haben gezeigt: Wer der Inkonsequenz geziehen wird, bekommt gleich ein ganzes Sündenregister um die Ohren gehauen, denn der Inkonsequente ist ja beileibe nicht nur inkonsequent. Er ist mindestens noch verlogen, unehrlich, machtgierig, egomanisch usw. usf. Interessanterweise treffen diese Vorwürfe manchmal sogar denjenigen, der konsequent sein Ding durchzieht und den eigenen Grundsätzen ehern treu bleibt. Das ist ziemlich merkwürdig, denn wieso wird eigentlich aus (In-)Konsequenz ein derart moralisch aggregiertes Rundum-Urteil generiert?

Gesetz und Wille

Um das zu verstehen, muss man konsequent die Herkunft der Konsequenz im Auge behalten. Ihr vermeintlich unbestechlicher Geltungsanspruch verdankt sich der Logik, denn die Folgerichtigkeit von A zu B ist begrifflicher Natur. Wer sich waschen will, wird nass; wer Hunger hat, muss essen; wer regieren will, macht Politik. Und wer ein Versprechen gibt, sollte es auch halten, weil sonst der Begriff des Versprechens ad absurdum geführt würde. Wenn also jemand verspricht, seine Partei werde aufgrund eines desaströsen Wahlergebnisses ganz sicher nicht die Fortsetzung einer sogenannten Großen Koalition anstreben, dann erwarten wir folgerichtig, dass dieser Ankündigung entsprechende Taten folgen. Allerdings dürfen wir das lediglich mit vorsichtiger Zurückhaltung erwarten, denn die SPD ist keine Naturkonstante – obwohl die Aggregatzustände dieser Partei mitunter munter zwischen eisig fest, geschmeidig flüssig und kaum wahrnehmbar gasförmig changieren. Während also Wasser bei bestimmten Temperaturen gefriert oder verdampft und sich damit vorhersehbar gemäß physikalischer Gesetzmäßigkeiten verhält, fangen die Schwierigkeiten mit der Konsequenz beim freien Willen des Menschen an.

Wille zur Macht

Weil sich der Mensch als vernünftiges Lebewesen selbst in seinen Handlungen bestimmt, bestimmt er nämlich zugleich darüber, wie konsequent er in dieser Selbstbestimmung unter Leitung der Vernunft sein möchte. In einigen philosophischen Kreisen gehört es fast schon zum guten Ton, den Aufklärer Kant zu bezichtigen, ein unbarmherziger Rigorist gewesen zu sein, der einer absolut konsequenten Pflichterfüllung auf Grundlage des vernünftigen Sittengesetzes das Wort geredet habe, ohne die allzu menschlichen Bedürfnisse und weltlichen Bedrängnisse angemessen zu berücksichtigen. Versteht man Kant in dieser Weise, dann wäre die SPD in moralischer Hinsicht bereits längst im Fegefeuer der Selbstverleugnung heimisch. Man wird dem Denken Kants jedoch eher gerecht, wenn man berücksichtigt, dass dieser den allzu menschlichen Schwächen mit einem grundsätzlich wohlwollenden Verständnis begegnete. Der Mensch sei nun mal von Natur aus ein »krummes Holz« und demzufolge nicht vollends über den geraden Kanten der logischen Konsequenz zu ziehen.

Wichtig ist dabei allerdings der Unterschied zwischen der Unbestechlichkeit des rationalen Denkens und der Verführbarkeit des ausführenden Willens: Wenn die Lenker und Denker in einer Partei das Versprechen geben, sich an keiner Regierungsbildung zu beteiligen, so bedeutet der Bruch dieses Versprechens aus machtpolitischen Erwägungen heraus nicht, von nun an könne man mal eben so Versprechen brechen. Es bedeutet, dass man jemandem mit guten Gründen den Bruch eines Versprechens vorhalten kann, weil der Begriff des Versprechens durch diese Inkonsequenz gerade nicht automatisch verändert wird.

Macht des Urteils

Inkonsequenz im politischen Handeln muss jedoch nicht per se so verkehrt sein, wie von selbsternannten Tugendwächtern behauptet wird. In einigen Fällen zeigt sie, dass jemand nicht bloß stur schematisch einigen allgemeinen gesetzlichen Vorgaben folgt, sondern ein sensibles Gespür für den Kontext seiner Entscheidung besitzt. Und dazu gehört es, auch vernünftige Ausnahmen von der Regel zuzulassen, um der Besonderheit des Einzelfalls gerecht werden zu können. Denn kaum etwas ist grausamer als die unbarmherzige Konsequenz, mit der sich Menschen zuweilen nicht nur in kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern überhaupt im sozialen Miteinander begegnen: Natürlich war es in den Worten Heiner Geißlers nicht der Pazifismus der 1930er-Jahre, der Auschwitz erst ermöglicht hat, sondern die blindwütige und unmenschliche Konsequenz der Nationalsozialisten, an deren vermeintlich vorbildhafter Geradlinigkeit sich auch die gegenwärtige Neue Rechte so gern orientiert. Somit sollten wir einer SPD mit Nachsicht begegnen, die jedenfalls den Mut bewiesen (und dafür kräftig in der Wählergunst gebüßt) hat, eine Entscheidung mit konsequenter Inkonsequenz zu revidieren. Ob es die richtige Entscheidung war? Je nun, erst hinterher ist man immer schlauer!

Foto: mompl, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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