Konsequenz | Entschlossen unbeirrbar

Jenes erstmalig von Konrad Duden in Leipzig veröffentlichte Wörterbuch, welches laut eigener und nicht gerade bescheidener, aber wohl weitgehend zutreffender Selbstauskunft, die Instanz für alle Fragen zur deutschen Sprache und Rechtschreibung ist, verzeichnet unter dem Eintrag »Konsequenz« folgende Bedeutungsübersicht: »1.a. Folgerichtigkeit, Schlüssigkeit, 1.b. Unbeirrbarkeit, Entschlossenheit, 2. Folge, Auswirkung«. Da ich die Zeit und Aufmerksamkeit der geneigten Leser*_(x)Innenschaft hier weder mit formalistischen Logeleien noch mit kausalistischen Glaubensbekenntnissen zu verplempern gedenke, falle ich sogleich mit der Tür ins Haus und wende mich dem zu, was man zwar unter akademischen Philosophen nur noch selten findet, was jedoch für ein gutes menschliches Leben unerlässlich ist, nämlich Unbeirrbarkeit und Entschlossenheit.

Granteln

Obgleich in diesem Magazin bereits Musikanten wie David Bowie, Achim Mentzel, Lemmy Kilmister und France Gall anlässlich ihres Todes die ihnen gebührende Beachtung fanden, ist es keineswegs bloße Tradition oder Folklore, wenn wir in Anbetracht des jetzigen Themas dem diesjährig am 24. Januar verstorbenen Mark Edward Smith aus Prestwich huldigen wollen.

Bis zu seinem Tod stand er der 1976 gegründeten Band The Fall als Sänger und einziges dauerhaftes Mitglied vor. In etwas mehr als 40 Jahren des Bestehens der Band kamen und gingen 66 Musiker, die es mal länger, aber meist weniger lang mit Smith aushielten. Das lag wohl vor allem daran, dass er ein recht eigenwilliger Grantler war, der eine wahrhaft unbeirrbare Vorstellung davon hatte, was und wie zu musizieren sei. Und diese Vorstellung setzte er, wenn auch nicht immer freundlich, so doch entschlossen in die Tat um. The Fall veröffentlichten 31 Studioalben, 32 Livealben und 40 Kompilationen. Und dabei hörten sie sich stets anders, aber irgendwie auch immer gleich an, wie John Peel einmal meinte, der nicht nur der Gottvater independenter Popularmusik, sondern auch ein großer The Fall-Fan war.

Ätzen

Dass kein einziger Song von The Fall über Platz 30 als höchste Platzierung in den kommerziellen britischen Singleverkaufscharts hinauskam, focht Smiths Unbeirrbarkeit und Entschlossenheit in musikalischen Dingen ebenso wenig an, wie seinen Alleinvertretungsanspruch. Selbst dann, »if it’s me and your granny on bongos, it’s The Fall«, soll er mit Blick auf seine Stellung in der Band und jene der häufig wechselnden Bandmitglieder gesagt haben. Seine Unbeirrbarkeit zeigte sich nicht nur darin, dass er jeden Tag diszipliniert in die Kneipe ging, sich volllaufen ließ und dabei seine Lyrik niederschrieb. Sie zeigte sich ebenso in seinem konsequenten Nein zu Konzilianz und Konformität – nicht nur, was die mediale Vermarktbarkeit von The Fall anging, sondern auch, was seinen persönlichen Umgang und seine öffentlichen Verlautbarungen betraf. Ruppig, sarkastisch und ohne falsche Rücksicht ging er mit Kollegen, Journalisten und seinem Publikum ins Gericht. Und er nahm auch kein Blatt vor den Mund, was jene jüngeren Bands betraf, die von Major-Labels als Teil eines so genannten »Indie-Revivals« vermarktet wurden, welches bar jeglicher unabhängiger Veröffentlichungs- und Distributionsstrukturen war. Die meisten von denen seien schlicht »ass lickers«, ätzte Smith frank und frei. Und gelegentlich schritt er auch schon mal handgreiflich zur Tat, wie er dem australischen Brag Magazine auskunftsfreudig mitteilte: »We were playing a festival in Dublin the other week. There was this other group, like, warming up in the next sort of chalet, and they were terrible. I said, ›Shut them cunts up!‹ And they were still warming up, so I threw a bottle at them. The bands said, ›That’s the Sons of Mumford‹ or something. ›They’re number five in charts!‹ I just thought they were a load of retarded Irish folk singers.«

Pöbeln

Wer nicht gerade einer eigentümlichen Form von Masochismus anhängt, wünscht sich gewiss nicht, jener Art von Pöbelei ausgesetzt zu sein, wie sie Smith gekonnt beherrschte. Und man könnte zweifelsohne den Verdacht hegen, dass das, was ich hier hinsichtlich Mark E. Smith unter den Stichworten »Unbeirrbarkeit« und »Entschlossenheit« verbuchen will, in Wirklichkeit nur das arrogante und rücksichtslose Verhalten eines misanthropischen Arschlochs war. In der Tat ist es nicht selten so, dass diejenigen, die allzu sehr von ihrer Sache überzeugt sind, sich gegenüber anderen so verhalten, dass die Nennung besagten Körperteils als Pars pro toto für die ganze Person berechtigt erscheint. Bei vielen Menschen resultiert das Unbehagen gegenüber solcher Pöbelei allerdings nur aus der unverblümten Form, die dem Pöbeln nun einmal eigen ist. Denn diejenigen, die verirrt und verschlossen dem Geplapper des Man folgen und denen es um gar nichts geht, außer darum, ihren Marktwert zu steigern, lästern, hetzen und diffamieren hinter vorgehaltener Hand, falschem Lächeln und gespielter Freundlichkeit keineswegs weniger.

Testikel

Dann doch lieber offen und ehrlich granteln, ätzen und pöbeln — und nicht über die Folgen jammern. Auch das können wir von Mark E. Smith lernen. Um nicht länger bei dem windelweich verlogenen Piep-piep-piep-wir-haben-uns-alle-lieb-Spiel mitzumachen, das alle spielen, weil sie sich nicht ihre so genannten »Optionen« verbauen wollen, bedarf es allerdings etwas mehr Testikel im Beinkleid als heutzutage allgemein üblich. Denn konsequent zu sein, erfordert den Mut, die Konsequenzen zu tragen.

Foto: Stefan Müller, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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