Konsequenz | Politische Dünnbrettbohrer

So mancher Beobachter der Berliner Bühne rieb sich verwundert die Augen. Die naiv hilflos wirkende Wankelmütigkeit, mit der Martin Schulz zuerst die Kanzlerschaft und dann auf einen Schlag Parteivorsitz und Außenministeramt verspielte, mutete geradezu bizarr an: »Ich habe mir zum Ziel gemacht, die SPD weiblicher, jünger und digitaler zu machen«, sagte er bei seinem Abgang. Um wieviel grotesker jedoch wirkten die scheinheiligen Reaktionen parasitär nutznießender Caesarenmörder aus den eigenen Reihen, die den Rückzug des Mannes aus Würselen zu einem souveränen Akt menschlicher Größe verklärten? Die Hoffnungsträgerin Malu Dreyer zum Beispiel: »Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung von Martin Schulz. Er hat sich entschieden, dass er seine eigenen Interessen zurückstellt, für die Interessen unseres Landes und die Interessen der Partei«. Oder der designierte Finanzminister Olaf Scholz: »Er wollte sicherstellen, dass es strikt um die Sache geht, nämlich um den Koalitionsvertrag«. Und natürlich die neue, sonst so schrille Parteichefin Andrea Nahles: »Wir alle wissen, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen ist, sich persönlich zurückzunehmen. Das zeugt von beachtlicher menschlicher Größe«.

»Auch du, Andrea?«

Dass kurz darauf die Schwester von Martin Schulz im Interview von einer SPD-»Schlangengrube« gesprochen haben soll, trifft es ganz gut. Die vergifteten Nachrufe auf die kurze Ära Schulz bezeugen allesamt eine beunruhigenden Wahrheit über das politische Tagesgeschäft, die von historischer Ferne an einen berühmten – ursprünglich auf den »Verrat« gemünzten – Ausspruch Julius Caesars erinnert: »Man liebt die Inkonsequenz, aber man hasst die Inkonsequenten!« Wer musste diese Wahrheit schmerzvoller, ja, tödlicher erfahren, als eben jener römische Kaiser, der auf den verlässlichen Beistand seines Ziehsohns Brutus vertraute: Wer etwas werden will in der Politik, hat immer jemanden vor sich, den es erst noch aus dem Weg zu räumen gilt. Nur um dann schnell zu einem herzzerreißenden Nachruf anzusetzen. Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann…

Da trifft es sich gut, wenn diese Vordermänner ganz von selbst haarsträubende Fehler machen. Und besonders fehleranfällig sind diejenigen, die ohnehin zu einer gewissen Inkonsequenz, zu mangelnder Gradlinigkeit und Integrität, neigen: Erst geht man offensiv in die Opposition, dann doch nicht, keine GroKo, nein, vielleicht doch Groko, erst kein Ministeramt, niemals, dann aber doch Ministeramt, dann wieder kein Ministeramt usw. Man braucht als Nachrücker dann einfach nur zusehen, wie diese Wackelpudding-Persönlichkeiten von einer Inkonsequenz zur nächsten wabern. Und schon ist der Weg frei für die, die sich in der Warteschlangengrube bislang vornehm zurückgehalten haben.

Signum des Politischen?

In der Tradition eines Niccolò Machiavelli könnte man der Ansicht sein, dass eine gewisse »offensive« Inkonsequenz und charakterliche Biegsamkeit notwendig zum Personal dazugehören. Machiavelli, ein früher realpolitische Spin Doctor, empfahl dem »Fürsten«, falls es um den eigenen Machterhalt geht, zu lügen, bis sich die Balken bzw. jene »dicken Bretter« biegen, deren mühselige Durchbohrung nach Max Weber die »Politik als Beruf« insgesamt ausmachen. Vor 500 Jahren mag diese Anleitung zum Unredlich-Sein tatsächlich der letzte »heiße Scheiß« gewesen sein. Aber vielleicht beruht sie auf einer historischen Wahrheit, die vergangen ist und unter den Vorzeichen demokratischer Transparenz nur noch lächerlich wirkt. Die Wählerschaft jedenfalls sehnt sich nach etwas ganz anderem: nach authentischer Gradlinigkeit, Integrität und Konsequenz. Für sie gilt das Gegenteil: Man hasst die Inkonsequenz, aber mitunter hat man vielleicht doch ein wenig Mitleid mit den Inkonsequenten (aus Würselen).

Brett-à-porter

Zudem spürt die Öffentlichkeit sehr schnell, wenn Konsequenz und Gradlinigkeit nur simuliert sind – etwa von Seiten einer Kanzlerin, die gar kein Rückgrat hat, das sich verbiegen ließe (daneben wirkt die neue Generalsekretärin geradezu authentisch und spontan, obgleich auch sie nur eine angepasste Parteisoldatin ist). Dass die Zeit dieses charakterlich biegsamen Typus der Politikerin bzw. des Politikers perdu sind, scheint das Personal in Berlin (siehe dazu prototypisch den vor Charisma nur so strotzenden Olaf Scholz) noch gar nicht mitbekommen zu haben. Sie warten einfach weiter ab, bis die Vorderleute Fehler machen, dann stechen sie hinterrücks zu, simulieren die Erneuerung, nur um dann irgendwann das gleiche Schicksal zu erleiden: Sie verstricken sich in Widersprüche, weil auch sie von Anfang an nicht konsequent und integer genug gewesen sind. (Und weil sie sich fast nie beraten lassen von unabhängigen Experten_innen, die sich nicht in besagter Schlangengrube tummeln.) Diese Fehler werden dann erneut ausgenutzt usw. Wieso kapieren die das eigentlich nicht? Wollen sie es einfach nicht verstehen, weil sie sonst einsehen müssten, dass ihre Charaktere in der heutigen Politik allesamt gar nichts zu suchen haben? Für viele Protagonisten im Raumschiff Berlin jedenfalls scheint zu gelten: In der Politik ist das dickste Brett oft das vor dem eigenen Kopf.

Foto: Alex Jones, https://unsplash.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

0 Kommentare