Kompromisse | Vorauseilende Fäulnis

Da das Schland seit der Bundestagswahl unter dem Fluch der Karibik leidet, können wir derzeit den vermehrten Gebrauch des Wortes »Kompromiss« in den hiesigen Medien beobachten. Damit feiert ein Begriff, von dem man befürchten musste, Donald Trump hätte ihn im Alleingang für immer aus der Politik verbannt, hierzulande sein öffentliches Comeback. Und das ist gut so! Denn erfahrene Beobachter des Weltgeschehens wissen schon seit Langem, dass man ohne Kompromissbereitschaft in der Politik keinen Blumentopf gewinnt und dass nicht jeder Kompromiss so gefährlich ist wie Kim Jong Un.

Allzeit kompromissbereit

Bedenkt man die Rückkehr des Kompromisses auf die große Bühne der Politik mit Applaus, so kommt man allerdings nicht umhin, zugleich auch die Rolle kritisch zu betrachten, die er auf all den kleinen Probebühnen der persönlichen Lebensführung spielt. Denn auf den Brettern, die den Alltag bedeuten, sind die Lebenswege der meisten Zeitgenossen mit Kompromissen geradezu gepflastert. Motto und Mantra des postmodernen Normalsterblichen scheint nämlich die vermeintliche Vernunfteinsicht zu sein, dass man da natürlich Kompromisse machen muss. Und hierbei fungiert »da« durchaus als eine Variable, für die nahezu alles aus nahezu allen Lebensbereichen eingesetzt werden kann. Während jedoch das mögliche Material der Kompromisse recht beliebig ist, ist es ihre Form keineswegs. Vielmehr handelt es sich für gewöhnlich um einem ganz bestimmten Typus von Kompromiss, der mit Fug und Recht als charakteristisch gelten kann für das Zeitalter der zynischen Vernunft ‑ also für jenes Zeitalter, in dem wir gegenwärtig leben und in dem wir so relativistisch vor uns hinwurschteln. Dieser Typus geht aus der Kreuzung des faulen Kompromisses mit dem des vorauseilenden Kompromisses hervor.

Strategische Selbstbenachteiligung

Ein fauler Kompromiss ist ein Kompromiss, der den beteiligten Personen wechselseitige Zugeständnisse und daraus erwachsene allseitige Vorteile vorgaukelt, tatsächlich jedoch mindestens eine der involvierten Personen deutlich benachteiligt, da mindestens einer anderen involvierten Person deutlich weniger Zugeständnisse abverlangt werden, als dies den Anschein hat. Ein vorauseilender Kompromiss ist hingegen ein Kompromiss, den die Erste Person allein für sich und von sich aus eingeht, wobei sie die mutmaßlichen Wünsche, Interessen und Bedürfnisse Zweiter sowie Dritter Personen antizipiert und sich mit ihnen arrrangiert, um bereits im Vorhinein etwaigen Widerständen, Konflikten und Konfrontationen zu entgehen, die zu ihrem Nachteil sein könnten. Ein vorauseilender fauler Kompromiss läuft demnach auf folgendes hinaus: Um etwaige Nachteile zu vermeiden, antizipiert die Erste Person für sich und von sich aus die mutmaßlichen Wünsche, Interessen und Bedürfnisse Zweiter sowie Dritter Personen und arrangiert sich mit diesen, wobei das Arrangement zum Nachteil der Ersten Person ist, ohne dass dies von ihr bemerkt wird. Man zieht sich also selbst über den Tisch, weil man vor lauter Angst, benachteiligt zu werden, sich vorab unbemerkt selbst benachteiligt.

Korsett der Angst

Vorauseilende faule Kompromisse sind typische Bewohner des Schattenreichs zwischen Selbsttäuschung und strategischer Instrumentalisierung anderer Personen. Man findet sie vor allem im Arbeitsleben. Ganz besonders deutlich treten sie dann hervor, wenn es starke asymmetrische Abhängigkeiten zwischen den beteiligten Personen gibt. Nicht selten werden diese Abhängigkeiten durch butterweiche Piep-piep-piep-wir-haben-uns-alle-lieb-Umgangsformen verschleiert. Die aus diesen Umgangsformen resultierenden Unklarheiten verstärken auf Seiten des Abhängigen allerdings nur seine Angst, ins Hintertreffen zu geraten und befeuern seinen Drang zum vorauseilenden faulen Kompromiss. Um der eigenen Karriere willen, begibt er sich dann in Kontexte und Situationen, die ihn so steif, verklemmt und unwohl sein lassen, als trüge er stets ein zu enges Korsett. Denn er erhofft sich davon allerlei Nutzen für sein eigenes Vorankommen. Er redet Menschen nach dem Mund, die er bestenfalls für autistisch und schlimmstenfalls für sadistisch hält. Gute Kontakte sind nämlich nicht nur das A und O, sondern auch eine unausweichliche Notwendigkeit, um nicht vom großen Karrieren-Klüngel-Karussell geschleudert zu werden.

Exemplarisch lässt sich der Drang zum vorauseilenden faulen Kompromiss kaum deutlicher ausmachen als unter DoktorandInnen und HabilitandInnen. Die eigentümliche akademische Mischung aus Angstschweiß, Gefallsucht und Profilierungsneurose, die diesen Personenkreis umweht, reift über Jahre hinweg in Schulen bildender Servilität gegenüber Doktorvätern, Vorgesetzten und einflussreichen Altvorderen. Ausdauernd wird jeder Pups desjenigen, dem man sich strategisch geschickt als Protegé andienen will, daraufhin interpretiert, ob man nun gerade in seiner Gunst gestiegen oder ‑ Gott bewahre ‑ gesunken ist. Und dabei kennt die nach oben hin offene Skala vorauseilender fauler Kompromissbereitschaft freilich keine Grenzen. Denn selbstverständlich ist da immer jemand, dem der potenzielle Mentor noch geneigter zu sein scheint als einem selbst.

Kompromisslose Alternativen

Was am Ende eines Lebens der vorauseilenden faulen Kompromisse vom eigenen Denken und Sein übrigbleibt, ist nicht mehr sehr viel. Und sofern man das überhaupt irgendwann bemerkt, ist es meist schon zu spät. Dann wünscht man sich vielleicht, man hätte nur einmal im Leben so herrlich kompromisslos sein können wie Donald Trump. Liegt hierin etwa die Ursache, dass die AfD einen so relativ hohen Anteil an ältlichen Akademikern in ihren Reihen hat?

Bild: www.shutterstock.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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