Kompromisse | Wider die Gesinnungstäter

Die Welt der Manager und der paar Managerinnen ist ziemlich eigenwillig. Das ist gut, denn wenn man sich dort auf Wanderung begibt, stößt man auf ganz verrückte Sachen. Eine dieser verrückten Einfälle der Managerzunft ist das sogenannte DISC-Leadership Profile. Da werden vier verschiedene Grundtypen von Führungspersönlichkeiten nach den Kriterien »Dominance«, »Influence«, »Conscientiousness« und »Steadiness« eingeteilt. Es gibt also dominante, beeinflussende, pflichtbewusste und zuverlässige Managertypen. Wenn Sie jetzt freudig überrascht denken, dass Sie Managern gar nicht so viel Selbstironie zugetraut hätten, dann muss ich Sie enttäuschen. Das ist wirklich ganz ernst gemeint.

Neben diesen vier Grundtypen gibt es auch noch drollige Mischformen. Dominanz und Einfluss können beispielsweise gemischt werden, ebenso Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit. Zwei Mischungen sind jedoch nicht vorgesehen: Überhaupt nicht zusammen gehen Einfluss und Pflichtbewusstsein. Dasselbe gilt für Dominanz und Zuverlässigkeit. Das ist schon ziemlich kurios. Der hier wichtige Punkt ist jedoch, dass die allermeisten tatsächlichen Manager und die paar Managerinnen einen Schwerpunkt auf Dominanz haben. Keine Überraschung, ich weiß. Interessant ist aber, dass ein zentrales Merkmal dieser Dominanz knallharte Kompromisslosigkeit ist. Damit ist der offensichtlich immer noch reichlich heroische Manager das genaue Gegenteil der modernen Politikerin. Die muss nämlich eine Meisterin der klugen Kompromisse sein.

Politik als Beruf

Politik unterscheidet sich von Moral und offensichtlich auch vom Management durch ihre Kompromissorientierung. Während es in der privaten Moral völlig in Ordnung ist, als Veganer, Sozialistin, Kosmopolit keine Kompromisse zu machen, geht es in der Politik genau darum. Wer das nicht begreift, versteht Politik nicht und macht sich des politischen Moralismus schuldig. Er wird, wie Max Weber so schön erklärt hat, zum »Gesinnungsethiker«, der nicht bereit ist, für seine Einstellungen, Handlungen und deren Konsequenzen auch Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen muss die Politikerin als »Verantwortungsethikerin« agieren, sagt Weber. In seinem berühmten Vortrag über »Politik als Beruf« drückt er das so aus: »Der Verantwortungsethiker dagegen rechnet mit eben jenen durchschnittlichen Defekten der Menschen, – er hat, wie Fichte richtig gesagt hat, gar kein Recht, ihre Güte und Vollkommenheit vorauszusetzen, er fühlt sich nicht in der Lage, die Folgen eigenen Tuns, soweit er sie voraussehen konnte, auf andere abzuwälzen. Er wird sagen: diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet.« Die Politikerin muss also damit rechnen, dass sehr viele Menschen, mit denen sie zu tun hat, sich selbst die nächsten sind. Daraus folgt unmittelbar, dass sie bereit sein muss, unter Umständen auch schwierige Kompromisse einzugehen. Wenn sie das nicht tut, dann ist sie für die Konsequenzen ihrer Weigerung verantwortlich.

Kompromissbereitschaft und ihre Grenzen

Der stets hochaktuelle Weber arbeitet hier auf kluge Weise heraus, um was es in der Politik geht: Weil wir fundamental unterschiedliche Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichen Interessen sind, die wir auch durchsetzen wollen, offenbaren sich in der Politik tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten. Das kann schnell zu einer unversöhnlichen Politik und letztlich zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln führen. Wie die Manager kämpfen in diesem Szenario dann auch die Politikerinnen knallhart darum, ihre Interessen kompromisslos durchzusetzen. Am Ende untergräbt das den demokratischen Rechtsstaat. Die einzige Möglichkeit, ihn zu bewahren, besteht darin, schwierige Kompromisse auch mit solchen Menschen zu schließen, die ganz andere Lebensweisen pflegen. Weber selbst war allerdings skeptisch, ob das gelingen kann. Aber er selbst hat mit seinen tiefen Einsichten vielleicht auch dazu beigetragen, dass wir in der Politik kompromissfähiger und daher weniger kämpferisch sind als in der Vergangenheit. Allerdings muss es auch eine klare Grenze für politische Kompromisse geben, einen Bereich des Inakzeptablen. Dieser Bereich darf jedoch nicht zu groß sein, wenn das Zusammenleben trotzdem gelingen soll. Der israelische Philosoph Avishai Margalit hat vorgeschlagen, dass Kompromisse dann »faul« und daher inakzeptabel sind, wenn sie mit Gruppen und Parteien geschlossen werden, zu deren Selbstverständnis die systematische Missachtung der gleichen Würde bestimmter Menschen gehört. In Deutschland ist ziemlich klar, mit wem man dann auf keinen Fall irgendwelche Kompromisse eingehen darf. Jenseits dieser klaren Grenze gilt es jedoch, unsere Kompromissfähigkeit zu stärken und unseren selbstgefälligen Moralismus entsprechend zurechtzustutzen.

Den Laden zusammenhalten

Vielleicht besteht in der starken oder aber fehlenden Kompromissorientierung der zentrale Unterschied zwischen Politikerinnen und Managern. Der Manager soll knallhart sein, so jedenfalls scheint es, um mit aller Macht seine Deals durchzudrücken. Wenn er sich dann einmal so richtig verzockt hat, geht im schlimmsten Fall sein Unternehmen pleite. Danach macht er einfach mit dem nächsten weiter. Politikerinnen können sich diese Rücksichtslosigkeit jedoch nicht erlauben, denn sie müssen den ganzen Laden zusammenhalten. Doch diese Stilisierung der Kompromisslosigkeit im Management beruht auf dem immer noch sehr verbreiteten Bild von Wirtschaft als Wettkampf. Vielleicht könnte es auch in der Wirtschaftswelt etwas korporativer zugehen? Demnach wäre es auch für die Managementzunft ratsam, über etwas mehr Kompromissfähigkeit zu räsonieren und die Kompromisslosigkeit nicht so maßlos zu zelebrieren. Vielleicht ginge es dann im Wirtschaftsleben auch etwas zivilisierter zu.

Foto: Thomas Leuthard, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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