Kompromisse | Consensus interruptus

Der Kompromiss hat gegenwärtig mächtig Konjunktur, sein aufsehenerregender Ansehensgewinn steigt schneller als jeder deutsche Rekord-Dachs. Die sichere Währung dieses phänomenalen Aufschwungs ist die KB (Kompromissbereitschaft) und wird vor allem von PolitikerInnen gehandelt wie ein ewig gültiger Goldstandard. Wer nicht genügend KB in petto hat, sieht sich etwa als zur Regierungsbildung willig genötigter Beinahe-Koalitionär im Sondierungsmodus fast schon zwangsläufig dem Vorwurf ausgesetzt, die schizophrene Zwitterexistenz einer manisch-depressiven Ideologie-Gurke zu verkörpern. Doch zahlreiche periodisch wiederkehrende Finanzkrisen mahnen uns zur Vorsicht: Ist dieser Währung eigentlich zu trauen? Oder werden wir gerade Zeugen einer gewaltig anschwellenden Kompromissbereitschaftsblase, die nicht seicht entschwinden, sondern mit explosiver Wucht platzen wird?

Was hat Euch bloß so ruiniert?

Als Faustregel zum Verständnis dieser ziemlich komplexen Materie kann man sich einfach merken: Kompromiss ist der neue Konsens. Warum? Von Leuten, die meinen, etwas vom Diskurs (zumal dem politischen) zu verstehen, haben wir einmal lernen dürfen, dass jedermann und jedefrau sich früher oder später schon im eigenen wohlverstandenen (!) Interesse dem ungezwungen zwanglosen Zwang des besseren (eigentlich: des mehr oder wenigen guten) Arguments im vernünftig-konsensuellen Gespräch ergeben wird. Der entscheidende Pluspunkt: Bei diesem Procedere sind alle Beteiligten gleichermaßen zu berücksichtigen, weshalb auch alle etwas davon haben und es allen in allem gut geht. Deshalb galt der Konsens einmal als der Standard einer verständigungsorientierten Diskurskultur schlechthin. Doch wieso konnte es bei einer offenbar so guten Ausgangslage zu dem aufhaltsamen Aufstieg des Kompromisses kommen, dessen desaströser Fall uns möglicherweise noch bevorsteht?

Nun, jener diskursethische Spirit ist in theoretischer Hinsicht nicht einmal unplausibel, aber in der praktischen Umsetzung reichlich anspruchsvoll. Wer nämlich einen echten Konsens anstrebt, muss die Debatten und Diskussionen über zum Teil sehr verschiedene Überzeugungen, Werte, Interessenlagen und Bedürfnisse konsequenterweise bis zum (zuweilen bitteren) Ende führen. Hier ist also wirkliche diskursive Kärrnerarbeit vonnöten, wobei ein Scheitern dieser Bemühungen nicht auszuschließen ist. Allerdings wurde über diesen Punkt im beständig beschwörenden Mantragesang auf den intersubjektiven Konsens als dem heiligen Gral verständigungsorientierten Sprechens stillschweigend hinweggesehen.

Kompromiss gefällig?

Und dann passierte es eben irgendwann: Die von der Aura des idealen Konsenses Beseelten wussten zwar vielleicht noch, dass sie eigentlich alles tun sollten, um einen wirklichen, mit Anstrengung verbundenen Konsens zu erzielen – allein, der Geist mag willig sein, das belastete Fleisch bleibt schwächlich und neigt zum Kompromiss. Dieser war zu Zeiten seiner philosophischen Begründung einmal dafür vorgesehen, eine schwierige und langwierige Konsensfindung an einem bestimmten kritischen Punkt gütlich einzustellen, um unter Entscheidungsdruck noch handlungsfähig bleiben zu können. Der Kompromiss fungierte somit lediglich als Nothalt in einem Zug, der mit voller Geschwindigkeit auf ein Hindernis zurast. Es kommt seitdem jedoch immer häufiger vor, dass der Zug gar nicht erst richtig Fahrt aufnehmen kann, weil einige Schisshasen bereits präemptiv den Nothalthebel gezogen haben. Ein derart interruptierter Konsens-Koitus lässt den Kompromiss allenthalben zu einer Schwundform des redlichen Bemühens um einen in der Sache fundierten und an bestimmten Prinzipien orientierten Diskurs verkommen. Denn es ist natürlich wunderbar bequem, den Zug um der notwendigen Zugfahrt willen mal kurz in Schrittgeschwindigkeit – nicht zu schnell, die eigenen Überzeugungen könnten Schaden nehmen! – in Bewegung zu setzen, um dann das ganze Verfahren zügig abzukürzen und zu Potte – also zu den Fleischtöpfen der Macht – zu kommen.

Lob der Kompromisslosigkeit

Perfiderweise legitimiert sich der eilfertig Kompromissbereite auch noch dadurch, dass er sein Handeln als Gebot der Klugheit in einen positiv konnotierten Wert an sich verwandelt. Doch wir wissen nun: Dieser Bauernschläue, wonach der Klügere stets nachgebend einen Distinktionsgewinn vor dem vermeintlich ideologisch-verbohrten Konsens-Sturkopf erheischt, ist auf die Schliche zu kommen, indem man zeigt, wie verlogen eine allzu willfährige Kompromissbereitschaft das eigene schwache Schwanken vor dem diskursiven Sparringspartner zu kaschieren sucht. Die KB könnte sich somit als eine künstlich aufgeblähte Währung erweisen, der keine real-konkreten Werte des soliden Denkens, Streitens und Argumentierens mehr entsprechen. Wer den Kompromiss auf diese Weise als mit wenig Aufwand verbundene Abkürzung missbraucht, verhält sich wie ein Börsenspekulant, der die kurzfristigen Gewinne mitnimmt und sich dann rasch zurückzieht, um sich selbst schadlos zu halten, während alle anderen darunter leiden. Wer nach einer fairen und redlichen Anlageform sucht, sollte sich deshalb am Wert einer vernünftig agierenden Kompromisslosigkeit orientieren: Wie eine umsichtige schwäbische Hausfrau weiß diese um die Solidität und Bodenständigkeit bestimmter Prinzipien und Überzeugungen, die mutwillig aufzugeben ihr nicht in den Sinn käme, weil ihr der Kompromiss tatsächlich nur die wohlbedachte ultima ratio ist. Nicht umsonst lautet ein schwäbisches Sprichwort: Scheißen und Krauthacken geht nicht!

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Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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