Identity Politics | Kampf um liberale Identitäten

Die dumme Rede von »Identitätspolitik« stiftet Verwirrung. Man kann den Begriff auf zweihundertfach verschiedene Weisen verstehen. und es ist im politischen Diskurs nicht immer klar, was gemeint ist. Zwei Verständnisse sind besonders wichtig: Dem ersten Verständnis nach geht es dabei um die These, dass Identitäten und insbesondere kollektive Identitäten ein wichtiges Thema der Politik seien. Dem zweiten Verständnis nach bedeutet Identitätspolitik, dass politische Akteure bestimmte exklusive Identitäten konstruieren und im Interesse ihrer eigenen politischen Agenda bewusst Identitätskonflikte schüren. Es ist wichtig, diese beiden Verständnisse sauber auseinanderzuhalten. Denn Identitätspolitik nach dem ersten Verständnis ist offensichtlich eine wichtige Ressource, um Identitätspolitik nach dem zweiten Verständnis zu verhindern.

Fallstricke der Identitätspolitik

Dies zu leugnen, hieße, in eine von zwei Fallen der politischen Reflexion über Identität zu geraten. Die erste Falle entsteht durch die Anwendung eines ökonomistischen Identitätsverständnisses auf die Politik. Menschen werden als völlig unverbundene Individuen verstanden, denen es nur darum geht, ihre eigenen Interessen möglichst effizient zu verfolgen. Das gelingt dann besonders gut, wenn man auf kluge Weise miteinander kooperiert. Dieses simplizistische Gesellschaftsmodell übersieht jedoch, dass Menschen über Zugehörigkeitsgefühle und gruppenspezifische Loyalitäten verfügen, die sie auch dann verfolgen, wen dies ihrem rationalen Eigeninteresse widerspricht. Das ökonomistische Identitätsverständnis verkennt also die politische Bedeutung kollektiver Identitäten. Leider hat sich die Linke dieses Identitätsverständnis zu Eigen gemacht  – in der Hoffnung, damit die Interessen von Menschen, die aufgrund bestimmter Aspekte ihrer Identität übel benachteiligt werden, besser schützen zu können. Doch der Versuch, Identitätskonflikte durch so ein simples Modell von Gesellschaft loszuwerden, geht schief. Er hat der Gefahr, in eine konträre zweite Falle zu tappen, nichts entgegenzusetzen.

Diese zweite Falle besteht darin, dass man Identitäten als hermetisch geschlossene und essentialistisch zu verstehende Gruppenmerkmale interpretiert. Das ist die fehlgeleitete Reaktion auf jenes simple Gesellschaftsmodell, die wir gerade bitter zu spüren bekommen. Jeder Mensch gehört dann nur noch zu einer Gruppe, die seine Identität bestimmt, und diese Identität ist ihm vorgegeben. Er kann ihr nicht entkommen. Dieses Identitätsverständnis provoziert Identitätskonflikte, und es ist von skrupellosen Politiker*nnen, die oft etwas verniedlichend als »Populisten« bezeichnet werden, massiv missbrauchbar, um ihre menschenverachtende Agenda durchzusetzen. Menschenverachtend ist die Agenda dieser Demagogen allein deswegen, weil sie stets auf der Herabsetzung bestimmter kollektiver Identitäten beruht, um darüber Freund-Feind-Konstellationen konstruieren und manipulieren zu können.

Wege aus der Falle

Meiner Ansicht nach hat das einfache ökonomische Gesellschaftsmodell direkt zu der rechten Reaktion beigetragen. Das ist in Wahrheit aber nicht, wie derzeit oft behauptet, auf eine humanistisch, sozial und liberal ausgerichtete Identitätspolitik zurückzuführen. Diese muss sich allerdings verstärkt darum bemühen, dem Identitätskampf der demagogischen Scharfmacher selbstbewusst entgegenzutreten. Der indische Ökonom und Philosoph, Amartya Sen, hat dazu einen wichtigen Vorschlag gemacht. Er schlägt ein liberales Identitätsverständnis vor, dass die Bedeutung von kollektiven Identitäten für einzelne Menschen im Gegensatz zum Ökonomismus nicht verkennt, aber auch nicht in die Falle eines essentialistischen Identitätskonzepts tappt.

Echte Liberalität

Alle Menschen, so Sen,  verfügen, erstens, über eine Vielzahl verschiedener Identitäten. Sie sind männlich, weiblich oder beides oder nichts davon oder etwas anderes. Sie sind Deutsche oder Iraner oder beides oder Chinesen oder Schweizer. Sie sind leidenschaftliche Fußballliebhaber und Tennishasser oder umgekehrt. Sie sind religiös oder atheistisch oder unentschlossen. Sie sind Mütter und Väter oder Brüder und Schwestern. Sie sind Intellektuelle oder lebensfroh, leben in der Stadt oder auf dem Land. Sie sind Ingenieure, Friseure, Krankenpfleger oder Ärztinnen, lieben Wein oder Bier oder Wasser, sind dunkel- oder hellhäutig. Sie hören Klassik oder Metal und tragen Moccasins oder Latschen. Manche dieser Identitäten sind ihnen wichtig und andere nicht. Entscheidend ist, dass sie diese vielen verschiedenen Identitäten haben und dass dies alle Menschen miteinander verbindet. Sen betont jedoch, zweitens, dass uns unsere Identitäten nicht einfach nur vorgegeben sind. Vielmehr können wir uns aktiv zu ihnen verhalten. Einige Identitätsmerkmale sitzen »tiefer«, andere sind oberflächlicher, aber sie sind alle interpretationsoffen. Wir können unser religiöses, politisches und kulturelles Selbstverständnis, unser Familienbild und unseren Begriff von Freundschaft nicht einfach so von heute auf morgen austauschen. Aber es bleibt uns immer ein Interpretionsspielraum, die Dinge so oder so zu sehen. Diesen Spielraum können wir nutzen, um uns auf andere Menschen einzulassen. Das erlaubt eine dynamische Anpassung kollektiver Identitäten nicht einfach nur an ein friedliches Nebeneinanderherleben, sondern an ein wohlwollendes Zusammenleben.

Was tun?

Sen selbst ist allerdings nicht der Typ, der darüber nachdenkt, wie solch ein liberales Identitätsverständnis für eine Politik fruchtbar gemacht werden kann, die der grassierenden Xenophobie entgegentritt. Das ist jedoch genau die zentrale Frage, mit der sich vernünftige Politiker*innen beschäftigen sollten: Wie lässt sich die Pluralität der Identitäten unserer Mitmenschen besser darstellen? Wie lässt sich eine wohlwollende Begegnung der Menschen, in der sie ihre kollektiven Identitäten aufeinander ausrichten, politisch begleiten? Was sind die sozialen und materiellen Voraussetzungen dafür, dass eine Politik der offenen Identitäten möglich wird? Nur wenn wir auf diese Fragen eine Antwort finden, wird das liberale Identitätsverständnis aus dem gegenwärtig entbrannten Abwehrkampf gegen die Reaktion siegreich hervorgehen.

Foto: www.gibmich-diekirsche.de

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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