Identity Politics | Sprachkritik linksherum

Kritik an »politischer Korrektheit« – insbesondere von rechts und mit der typischen Portion Schaum vorm Mund – ist nichts Neues. Was jedoch fehlt, ist eine kritische Bestandsaufnahme von links. Auch wenn der Kampf gegen diskriminierende oder ausschließende Sprache prinzipiell nichts Schlechtes ist, fällt meine Diagnose ernüchternd aus: Die Verve, mit der dieser Kampf derzeit betrieben wird, schadet nicht nur zentralen Zielen der Linken mehr, als er ihnen nützt, er steht auch im krassen Gegensatz zu wichtigen linken Werten und Haltungen.

Zentrale linke Ziele sind natürlich die Beseitigung von unverdienten ungleichen Lebensverhältnissen und die Garantie grundlegender individueller Freiheitsrechte, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Entsprechend stellen Probleme wie die unterschiedliche Bezahlung für gleiche Arbeit oder der schlechte Zugang zu Bildung, Gesundheitsfürsorge, angemessenem Wohnraum auf Grund von Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht usw. Übel dar, die es zu bekämpfen gilt. Dabei vergessen Linke nie, dass sich diese Übel ganz wesentlich bestimmten ökonomischen Umständen verdanken, und zwar solchen, die sich ändern lassen – sodass primär dort anzusetzen wäre.

Eine andere Welt ist möglich

Wenn dem so ist, was ist dann schlimmer? Auf Grund der Hautfarbe oder eines orientalisch klingenden Namens keinen Mietvertrag und keine Einladung zum Vorstellungsgespräch zu erhalten oder herabsetzenden Ausdrücken oder Anspielungen ausgesetzt zu sein? Angenommen, wir müssten zwischen zwei Welten wählen, und zwar einmal einer Welt, in der die zuerst genannten Benachteiligungen so alltäglich sind wie in unserer Welt, aber in der alle strikt die Regeln politisch korrekter Rede befolgten, und zum anderen einer Welt, die keine solchen Benachteiligungen kennt, in der sich aber keiner an diese sprachlichen Regeln hält: Müssten wir nicht klarerweise die zweite Welt wählen? Solange man nicht alle Probleme gleichzeitig lösen kann, sollte der Kampf gegen jene Benachteiligungen Vorrang haben.

Verzerrte Realitäten

Fragt sich nur, warum dann bei all den himmelschreienden Ungerechtigkeiten Forderungen nach politischer Korrektheit soviel Raum einnehmen. Ist es wirklich vordringlich, Süßigkeiten umzubenennen oder sich über dämliche Fußballfans zu erregen, die »black facing« betreiben? Politische Korrektheit leistet nicht nur einer falschen Hierarchie der Probleme Vorschub, sie begünstigt auch eine verzerrte Wahrnehmung der Realität: Wer ständig Fragen der politischen Korrektheit thematisiert, trägt zu dem Eindruck bei, dass wir in einer Welt leben, die ihre Probleme soweit im Griff hat, dass es vornehmlich noch um Fragen der Etikette geht. Würden sich Extraterrestrische über die Feuilletondebatten ein Bild von unserer Welt machen, könnten sie zu dem Schluss gelangen, dass wir eigentlich alle Probleme gelöst haben – bis auf Fragen des gehörigen Umgangstons. Hält man sich dies vor Augen, beschleicht einen schnell der Verdacht, dass politische Korrektheit letztlich ein Ausdruck linker Selbsttäuschung ist oder eine Art Ersatzhandlung darstellt, die ablenkt von den Misserfolgen auf dem letztlich entscheidenden Terrain der Ökonomie (z.B. beim Rückbau des Sozialstaats). Ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass das linke Anliegen der politischen Korrektheit just aufkam mit dem rechten Rollback durch Thatcher und Reagan?

Anstandswauwaus

Die Obsession mit der korrekten Sprache hat etwas Gouvernantenhaftes. Sollten Linke stattdessen nicht eher frech und provozierend sein, anstatt den Anstandswauwau zu geben? Früher nannten sich Interessengruppen von Querschnittsgelähmten »Krüppel-Initiative«, weil sie die Nase voll hatten von mitleidigen Attitüden und weil sie bloßstellen wollten, was viele Leute wirklich denken. Wenn Betroffene selbst so reden, können sie einem Ausdruck sogar die diskriminierende Kraft rauben. Bestes Beispiel dafür ist die Karriere des Ausdrucks »schwul« vom Schimpfwort zu einem Label, das sich auch Mainstream-Politiker nicht ohne Stolz anheften. Gehörig Abstand nehmen sollten wir auch von der Idee, Ausdrücke aus Kinderbüchern oder gar Klassikern wie Huckleberry Finn zu tilgen. Zu einem ungeschminkten Blick auf die Wirklichkeit gehört auch, dass einige Leute, die Hochleistungen in Literatur, Musik und Kunst vollbracht haben, nicht nur – inzwischen anrüchige – Worte benutzt, sondern auch problematische Einstellungen gehabt haben. Diejenigen, die jetzt an US-Unis auf »Triggerwarnungen« oder »Schutzräumen« bestehen, weil sie nicht mit diesen Aspekten der Wirklichkeit konfrontiert werden wollen, müssen sich fragen lassen, wie sie angesichts dieser Realitätsverweigerung die Kraft für notwendige Auseinandersetzungen aufbringen wollen, die jetzt mit Trump ins Haus stehen. Häufig dient die »richtige« Wortwahl auch als Erkennungszeichen unter ideal Gleichgesinnten (man erkennt sich z.B. daran, dass man »Geflüchtete« und nicht »Flüchtlinge« sagt). Um jedoch die Herausforderungen zu meistern, die der weltweit grassierende Rechtspopulismus stellt, wird es auch bei uns nötig sein, mit vielen Leuten zu kooperieren, denen solche semantischen Feinunterscheidungen wenig einleuchten. Es gibt also zahlreiche Gründe für Linke, bei der politischen Korrektheit ein paar Gänge zurückzuschalten und einen gelasseneren Umgang mit der Sprache zu pflegen.

Foto: www.thecollegefix.com

Zur Person Alexander Staudacher

Alexander Staudacher ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Magdeburg. Er denkt über alles Mögliche nach und hat bisher vor allem zu Wahrnehmung und Bewusstsein geforscht.

3 Kommentare

  1. Nora Kreft · Februar 13

    Wichtiges Thema und spannender Artikel. Aber ich teile die Kritik an Political Correctness nicht. Die Forschung zu Implicit Bias und Stereotype Threat zeigt doch ziemlich deutlich, dass Ausdrucksweisen und sprachliche Rituale direkten Einfluss auf ökonomische Verhältnisse haben. Das sind keine getrennten Sphären. Bestimmte Worte und Namen rufen (oft unbewusst) vorurteilsgeladene Bilder hervor, die die herrschenden Ungerechtigkeiten subtil rechtfertigen und weiter untermauern – in Jobinterviews, Seminarräumen, usw. Das ist ja bekannt. Deshalb ist der Versuch, diese Ausdrucksweisen zu ändern, ein wichtiger Beitrag zu dem Versuch, die ökonomischen Verhältnisse zu ändern. Also wenn linker Aktivismus vor allem um ökonomische Ungerechtigkeit kreist, dann sollte Political Correctness ein zentrales Anliegen für sie sein (wenn auch nicht das einzige, das ist klar).

    Und deshalb finde ich auch die Wahl zwischen den zwei Welten zu Beginn des Artikels fragwürdig. Ich bezweifle, dass es nahe mögliche Welten gibt, in denen es gerechte Verhältnisse und trotzdem verbreitete ‚herabsetzende Ausdrücke’ gibt – in denen also die Sprache keinerlei Einfluss auf die Verhältnisse hat. Wenn wir annehmen, dass die menschliche Psyche in diesen Welten ähnlich funktioniert wie in unserer, dann hat Sprache auch dort die Art von Einfluss, die die oben erwähnte Forschung belegt.

    Natürlich ist es blöd, wenn man ständig ‚gouvernantisch’ auf die unmöglichen Ausdrucksweisen der Anderen hinweist – aber das kann man ja vielleicht umgehen, ohne Political Correctness sofort als vergleichsweise nebensächlich zu erachten. Und ich stimme auch zu, dass in Feuilletons manchmal ein falscher Eindruck erweckt werden kann – als ob es nur um Worte und Empfindlichkeiten geht. Wahrscheinlich sollte die ökonomische Relevanz von Political Correctness einfach immer mit-erwähnt werden, wenn davon die Rede ist. Damit klar ist, dass der Grund für das Interesse an Worten die herrschende Ungerechtigkeit ist.

    Übrigens muss es ja auch einen Grund dafür geben, dass rechte Populisten Schaum vor dem Mund haben, wenn es um PC geht. Es gibt die Rechten, die es für eine empörende Zumutung halten, anders zu sprechen als bisher; und dann gibt es die Rechten, die das unglaublich absurd finden. Warum diese geschockten Reaktionen bei den Rechten? Warum kann man sie damit so leicht provozieren? Möglicherweise, weil es eben wirklich um mehr als Worte geht. Weil man durch die Veränderung der Sprache an Weltbildern und Vorurteilen kratzt, von denen manche Rechte meinen, dass sie ihre ‚Identität’ ausmachen. Deshalb finde ich, dass wir das Bemühen um eine gerechte Sprache nicht aufgeben oder hintanstellen sollten.

    • Alexander Staudacher · Februar 13

      Vielen Dank für den hilfreichen und interessanten Kommentar. Was die „möglichen Welten“ betrifft, liegt vielleicht ein Missverständnis vor. Ich wollte nicht sagen, dass die erste der beiden Welten, in der die genannten ökonomischen und sozialen Probleme gelöst sind, in der es aber herabsetzende Ausdrücke gibt, schlechthin gerecht ist; ich wollte darauf hinaus, dass man sie der zweiten Welt, in der lediglich die Ideale einer politisch korrekten Sprache umgesetzt sind, vorziehen sollte, und somit die erste Welt also zumindest gerechter als die zweite ist. Dies lässt ja offen, ob sie schon allen plausiblen Gerechtigkeitsstandards entspricht; es mag also sein, dass eine dritte Welt, in der außer den genannten ökonomischen und sozialen Probleme auch noch die Ideale einer politisch korrekten Sprache umgesetzt sind, ihrerseits noch gerechter ist als die erste Welt. (Ich frage mich allerdings, ob das Problem unangemessener oder herabsetzender Ausdrücke in einer Welt, in der all die anderen sozialen und ökonomischen Probleme gelöst sind, nicht erheblich an Relevanz verliert, aber ich bin mir in diesem Punkt nicht sicher und er erscheint mir für meine Argumentation auch nicht entscheidend). Wenn man aber nicht alle Probleme gleichzeitig lösen kann, und die erste Welt (so unvollkommen sie sein mag) der zweiten vorzuziehen ist, sollten wir dann unsere Mittel nicht erst einmal daran setzen, so viel wie möglich von der ersten Welt umzusetzen?
      Was Stereotype Threat und Implicit Bias betrifft, so habe ich Zweifel, ob die fraglichen Ergebnisse wirklich die Forderung nach politisch korrekter Sprache stützen. Meine Kenntnisse sind hier allerdings rudimentär und vielleicht lasse ich daher wichtige Punkte außer Acht. Das Problem des Stereotype Threat habe ich so verstanden: Leute, die von sich selbst glauben, dass auf sie bestimmte Gruppenstereotypen zutreffen, weil sie zu der fraglichen Gruppe gehören, bestätigen durch ihr Verhalten das Stereotyp, zumindest, wenn sie unmittelbar daran erinnert werden. Und dies gilt selbst dann, wenn das Stereotyp de facto gar nicht auf sie zutrifft, so dass z.B. eine Person, die überdurchschnittlich gut rechnen kann, die aber glaubt, dass Menschen mit ihrem Geschlecht schlechter rechnen können als der Durchschnitt, in einer Prüfungssituation schlechter abschneidet, wenn sie an dieses Stereotyp erinnert wird. (Ich habe gelesen, dass die Aussagekraft und der Wert der entsprechenden Studien umstritten ist; ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, und es spielt für meine Argumentation auch keine große Rolle.)
      Und geht es beim Implicit Bias nicht darum, ob jemand trotz anders lautender Bekenntnisse durch Handlungen und Verhalten zu erkennen gibt, bestimmte Vorurteile zu hegen (und deshalb gegebenenfalls einer Frau keine Führungsposition geben oder einem Mann nicht die Betreuung eines Kindes überlassen will usw.)?
      Vorurteile dieser Art über einen selbst (Stereotype Threat) oder über andere (Implicit Bias) scheinen in der Regel nicht besonders eng an bestimmte Worte gebunden und überleben daher deren Austausch häufig ziemlich unbeschadet, was auch z.T. die Suche nach immer neuen, sozusagen „besseren“ Ausdrücken erklärt (Weitere Gedanken zu diesem Punkt und anderen Fragen im Zusammenhang mit politischer Korrektheit finden sich hier: https://www.freitag.de/autoren/alexander-staudacher/political-correctness-die-kritik-von-links). Wer z.B. denkt, dass Afroamerikaner bestimmte negative Eigenschaften besitzen, wird dieses Vorurteil nicht unbedingt aufgeben, wenn er bestimmte Ausdrücke, die er von seinen weißen Eltern in den Südstaaten der USA gelernt hat, nicht mehr verwendet und stattdessen „PoC“ sagt. Das Phänomen des Implicit Bias scheint dies sogar zu bestätigen: Selbst Leute, die „korrekt sprechen“, zeigen womöglich durch ihr Handeln, dass es mit dem Abbau der Vorurteile nicht sehr weit her ist.
      Was den Schaum vorm Mund der Rechten betrifft, so stimme ich teilweise zu; natürlich gibt es da viele, die das einfach absurd finden, die sich provoziert fühlen oder die gar an eine weit reichende politische Hegemonie glauben, welche die Linke mittels der politischen Korrektheit erlangt haben soll. Auf der anderen Seite kann die Rechte aus den „gouvernantenhaften“ Aspekten der politischen Korrektheit auch noch Kapital schlagen: Sie bezieht ja einen nicht unerheblichen Teil ihres gegenwärtigen Schwungs aus ihrem Kassenschlager „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Ich finde, wir sollten den Sarrazins und Broders nicht gönnen, sich in dieser Weise als Freiheitskämpfer gegen Regeln und Konventionen gerieren zu können. Auch aus diesem Grund plädiere ich für mehr Gelassenheit beim Thema Sprache (was übrigens gar nicht ausschließt, dass man sich selbst politisch korrekter Ausdrucksweise bedient). Und wäre es nicht besser, die Vorurteile einfach direkt anzusprechen und auszuräumen? Klar, das ist eine ziemlich schwierige Aufgabe, womöglich schwieriger als Sprachregeln durchzusetzen, aber wäre es nicht die eigentliche Aufgabe?

  2. Friedrich Burda · Februar 13

    Perspektive Nr. 3212
    Ausgehend davon, dass die sogen. political correctness ein Ausfluss linker Laune war, ist mein Eindruck gegenwärtig, dass sich inzwischen „der Mainstream“ dieses Sachverhaltes längstens wohlwollend bemächtigt und ihn durchaus auch mit vordergründig einleuchtenden Argumenten versehen hat, wie z.B. die Gewalt in der Sprache erleichtere und bereite mögliche folgende Taten. Wobei Intellektuelle gerne so tut als wären mögliche Gewalttaten eine Bedrohung unseres Friedens, und nicht tatsächlich schon täglich ein ständiger Begleiter westlicher Politik, und das oft in unserem breiten westlichen Interesse. – Wie auch immer die (linken) Intentionen ursprünglich gewesen sein mögen, political correctness und auch Floskeln wie „Es gibt keine einfachen Lösungen“ dienen heute m.E. auch und das immer mehr zu „Totschlags“-Argumenten, damit man unangenehmen und vom Mainstream abweichende (kurzgefasste oder volksnahe spröde) Meinungen wissenschaftlich und moralisch „begründet“ desavouieren und damit auch unterdrücken kann. Dass als Gegenreaktion volkstümlich von „Lügenpresse“ die Rede ist, sollte daher nicht mehr verwundern, eben weil manche Medien, political correct gesagt, Realitäten abbilden bzw. Narrative erzählen, in denen sich große Bevölkerungsschichten einfach nicht mehr wiederfinden können. Auf der anderen Seite des Atlantiks wird ähnliches m.E. gar nicht so abwegig mit „alternativen Fakten“ skizziert. Und da ist „political correctness“ mitten drin, jedoch nicht zu beschreiben was „Wirklichkeit“ oder was „Fakten“ sind, es geht m.E. im Streit darum, wer denn da letztlich die Deutungshoheit über die Wirklichkeit hat. Dementsprechend wird „political correct“ von manchen, auch öffentlich-rechtlichen Medienbetreibern in etwa wie folgt interpretiert: Machen darf man fast alles, aber reden/berichten darf man – wenn überhaupt – nur nett darüber. (Zu dieser Nettigkeit gehört natürlich auch die mitgelieferten als Skandal inszenierten Kritiken. Motto: Wir passen auf, ihr könnt weiterschlafen!) –
    Wenn folglich einige, so wie ich, diesen ausgeübten Druck durch obige „Schlag“-Worte und auch den „originären“ und oft „ordinären“ Wut-Gegendruck (Straße, Internet) bedauern, dann vor allem deshalb, weil diese, historisch gesehen nicht ungewöhnlichen, unterschiedlichen Wirklichkeitswahrnehmungen „im kleinen“ m.E. gegenwärtig Abbild einer „stolpernden, taumelnden“ (geopolitisch / (finanz)wirtschaftlich) westlichen Welt im großen sind. –
    Stolpern kann auch die Beschleunigung des Schrittes sein, sagt der Optimist. –
    Hoffentlich irre ich mich, sagt der Realist. –
    Einen Pessimisten lasse ich, eingedenk der von mir erwähnten, m.E. weit verbreiteten de-facto Interpretation von „political correctness“, hier gar nicht erst zu Wort kommen.