Identity Politics | Rechthaberischer Relativismus

Grüne Spitzenpolitiker*innen haben gleich zu Beginn des neuen Jahres ein paar brandheiße Eisen angefasst: »Racial Profiling bei der Kölner Polizei«, »Sex auf Rezept für Seniorenheime«, »Unisex-Toiletten in Berliner Behörden«. Was Andersdenkenden wie eine Priorisierung von Pipifax vorkommen mag, folgt einer linken Logik: »Antidiskriminierung beginnt bei den kleinen Dingen des Alltags« (der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt). Wer sich politisch gern an größerem »Mist« abarbeitet, mag einwenden, dass diese Prioritätensetzungen neues Wasser auf die Mühlen jener sind, die seit dem Wahlsieg Trumps und unter dem Stichwort »Identity Politics« die Befürchtung diskutieren, die »kulturwissenschaftliche Linke« (Michael Hampe) sei derzeit ein wenig zu sehr mit sich selbst und den eigenen Ausscheidungen beschäftigt – und damit mitverantwortlich für den Siegeszug des Rechtspopulismus.

Fehlender Blick fürs Grobe

Zunächst ist festzuhalten, dass die viel zitierte »Identitätspolitik« keineswegs eine typisch linke Domäne ist. Sie wird hüben wie drüben betrieben, und als Faustregel darf gelten: Linke Identitätspolitik zielt auf die Inklusion von Minderheiten durch deren sukzessive Aufwertung, rechte Identitätspolitik hingegen dient der Exklusion von Minderheiten durch deren sukzessive Abwertung. Und die in den letzten Wochen geführte Debatte betrifft die Sorge, dass ein Übermaß an (Selbst‑)Beschäftigung mit linker Identitätspolitik zu einer sukzessiven Aufwertung rechter Identitätspolitik geführt haben könnte.

Diese Sorge ist sehr häufig kausal missverstanden worden, so als habe linke Identitätspolitik den Durchmarsch der rechten unmittelbar verursacht. Das ist natürlich Unsinn. Hat aber auch niemand behauptet. Die betreffende Sorge ist aber auch insofern falsch verstanden worden, als ginge es den Kritiker*innen darum, linke Identitätspolitik als unwichtig abzutun (»Willst du etwa sagen, Gender-Fragen seien belanglos, oder was?«). Auch das ist natürlich Unsinn. Richtig verstanden, besagt die These nur, dass eine falsche Prioritätensetzung innerhalb des linksliberalen Lagers, und zwar zu Gunsten einer Klientel von Minderheiten sowie zu Ungunsten einer sich zunehmend »abgehängt« fühlenden Mehrheit, mitverantwortlich dafür ist, dass der Durchmarsch rechtspopulistischer Identitätspolitik derzeit nicht auf genügend progressive Gegenwehr stößt. Und das stimmt ganz einfach!

Wechselseitige Hysterie

Hinzu kommt, dass die mediale Öffentlichkeit schwer beschädigt oder sogar »kaputt« ist, denn das allgemeine Gesprächsklima ist hyperneurotisch aufgeladen: Zwanghaft rechthaberische Reaktionen auf der einen Seite lösen unmittelbar zwanghafte Überreaktionen auf der anderen Seite aus. Man zieht sich gegenseitig magisch an und verstrickt sich so in wortgewaltige Exzesse; in eine Symbiose des besserwisserischen Krawalls. Dieses Klima diskursiver Hysterie mag auf fatale Weise immer mehr auch unabhängige Geister davon abhalten, sich überhaupt noch öffentlich zu äußern, um nicht Opfer eines Shitstorms oder aber von einer der hysterischen Seiten vereinnahmt zu werden. Diese Vermeidungshaltung ist fatal, denn sie erinnert an den Reinlichkeitswahn vieler moderner Eltern, die glauben, dass sie ihre Kinder möglichst von jeder Art von Schmutz fernhalten müssen, um fiese Krankheiten zu vermeiden. Letztlich aber tragen sie gerade dadurch zu einem vermehrten Aufkommen von Immunschwächen bei.

Fehlende Angriffslust

Somit ist kaum mehr zu übersehen, dass im linksliberal »aufgeklärten« und besonders auch im universitären Milieu längst eine panische Übervorsicht zu verzeichnen ist, in wichtigen politischen Fragen bloß nicht den korrekten Ton zu verfehlen. Unter dem Deckmantel aufgeklärter Vernunft und Toleranz hat sich ein unaufgeklärter und letztlich unvernünftiger Relativismus der noblen Zurückhaltung breit gemacht hat, der sich vielerorts mit einer enormen Selbstgerechtigkeit paart. Dieser besserwisserische Relativismus wendet sich gegen die historische Übermacht vermeintlicher »Wahrheiten« des weißen, europäischen, heterosexuellen, christlichen usw. Mannes, von dem ja tatsächlich vollends unstrittig ist, dass er für ungeheure Verbrechen verantwortlich ist. Man kann diese (Selbst‑)Kritik aber auch übertreiben, denn ebenfalls schädlich ist der Fehlschluss, dass sämtliche Meinungen, die von Menschen vorgebracht werden, die nicht weiß, europäisch, männlich usw. sind, von vornherein wahr und mit enthusiastischem Respekt zu behandeln sind. Mit diesem Fehlschluss wird aus einer historisch notwendigen und vernünftigen Aufklärungskritik an diskriminierenden Herrschaftspraktiken eine letztlich völlig unkritische und unvernünftige Absolution des ominösen »Anderen«.

Massive Abwehrschwäche

Dem Siegeszug des rechten Populismus hat diese hypersensible Identitätspolitik kaum mehr echte Gegenwehr zu bieten. Die linksliberale Übervorsicht, anderen im Diskurs »weh« zu tun, mag angesichts der Grobheiten am rechten Rand nicht das zentrale Problem sein. Aber wenn sie auf Seiten kritischer Geister phobische Rückzugsreaktionen provoziert, führt dies unweigerlich zu einer inhaltlichen Verarmung und Entschärfung der Debatte. Und was noch schlimmer ist: Wenn sich kritische Intellektuelle nicht länger trauen, im Diskurs anzuecken, dann werden mehr und mehr bloß noch diejenigen, die diese Bedenken nicht haben, als letzte Verteidiger »moderner« Werte, wie etwa der Meinungsfreiheit, wahrgenommen – und das sind nun mal oft auch Reaktionäre, Rechte, Rassisten und all die selbst ernannten Retter und Ritter des Abendlandes.

Foto: Quelle unbekannt

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

0 Kommentare