Identity Politics | Sterntaler

Es war einmal ein Kapitalismus in Deutschland, der so hässlich aussah, wie er war. Dicke weiße Männer mit Speckröllchen im Nacken rauchten Zigarren, gaben ihrer Sekretärin ein Klaps auf den Po und lachten des Abends in geselliger Runde mit ihrem ehemaligen Obersturmführer über so manchen Judenwitz. Tagsüber betätigten sie sich nicht nur als Fabrikanten oder Staatsminister, sondern zauberten auch täglich mindestens ein Wirtschaftswunder aus ihrem Homburg. Flink wie Greyhounds, zäh wie Wrigleys und hart wie US Steel kämpften sie für Freiheit statt Sozialismus.

Reformation

Die westdeutsche Linke dieser Jahre war vor allem sozialdemokratisch oder gewerkschaftlich organisiert und reformistisch gesinnt. Linke Kritik richtete sich primär auf die bestehende Ungleichverteilung ökonomischer Macht sowie auf die daraus resultierende Ungleichverteilung an materiellem Wohlstand, Bildung und politischer Mitbestimmung. Denn das Ziel der reformistischen Linke war es, die noch junge Bonner Republik zu einem demokratischen Wohlfahrtsstaat zu machen, in dem soziale Gerechtigkeit und kapitalistische Marktwirtschaft Hand in Hand am Rhein entlang schlenderten. Aber dieser Kampf für die ökonomisch Schlechtergestellten verflüchtigte sich seit den 1970er-Jahren zusehends. Er verblasste in den Amtsstuben der SPD-Parteisoldaten. Er kam auf den Lustreisen abhanden, die Betriebsräte mit freundlicher finanzieller Unterstützung der Geschäftsleitung unternahmen. Und er verschwand vollends, als sich ein großmäuliger Parvenü als Zigarre rauchender Genosse der Bosse in seinem Brioni-Anzug spreizte, um sodann den größten Sozialabbau seit Bestehen der Republik zu initiieren.

Revolution

Aus eigenem Verschulden war der Karren der reformistischen Linke zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig gegen die Wand gefahren. Erschwerend kam allerdings hinzu, dass die reformistische Linke seit den späten 1960er-Jahren außerparlamentarische Konkurrenz bekommen hatte. Jetzt gab es die »neue« Linke! Plötzlich waren da langhaarige Gammler, die die öde Reformorientierung durch fundamentale Systemkritik ersetzten. Und während man in irgendeiner Wohnküche am Berliner Stutti Mao las, konnte man nicht nur prima Gras rauchen, sondern auch noch alles poppen, was nicht bei Drei aus der Kommunarden-WG raus war. Im Vergleich zu dem Leben, das ein stellvertretender Vorsitzender des Tarifunterbezirks Niederrhein der Gewerkschaft »Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr« mit seiner Gattin in Grevenbroich führte, war das vermutlich revolutionär.

Doch dann spaltete sich die neue Linke. Einige traten den langen Marsch durch die Institutionen an, verfischerten mit den Jahren und waren am Ende selbst dicke weiße Männer. Andere, die zuvor Kolumnen geschrieben, Kleinverlage gegründet und Autos geklaut hatten, phantasierten das Projekt der Stadtguerilla herbei und begannen Menschen zu ermorden. Wieder andere fanden sich, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, in allerlei K-Gruppen zusammen und kämpften um die schönste Interpretation von »K«. Und dann gab es noch diejenigen, die nach Indien fuhren und erleuchtet wiederkamen. Oder auch die, die erkannt hatten, dass Frauen nicht nur benachteiligt werden, sondern dass sowohl der ganze Kapitalismus als auch die Systemkritik der Autodiebe nichts anderes war als das territorial pissing machthungriger Machos.

Resignation

Obwohl es immer noch Atomwaffen und Atommeiler gab, gegen die man vereint protestieren konnte, war mit Beginn der 1980er-Jahre ein wenig die Luft raus. Langsam, aber sicher begann die neue Linke sich aufs Altenteil einer kulturellen Linken zurückzuziehen. Zwar gab es noch ein paar ewig Junggebliebene, die am 1. Mai ganz autonom durch Kreuzberg rannten. Aber die kulturelle Linke war nicht aufzuhalten. Ihr kreativerer Teil wurde zur »Poplinken« und machte am Theater echt krasse Sachen mit Schweineblut und Mehl und so. Die übriggebliebenen Langweiler formierten sich indes zur akademischen Linken und beschäftigten sich jahrzehntelang und äußerst differenziert mit den Begriffen »Rasse«, »Geschlecht« und »Gender« – aber auf keinen Fall mit der Ungleichverteilung ökonomischer Macht. Das lag vermutlich nicht nur daran, dass den intellektuellen Mittelschichtkindern materielle Sorgen weitgehend unbekannt waren. Ausschlaggebend dürfte auch gewesen sein, dass sie durch das Verfassen von Aufsätzen über die Politik der Differenz und der Identitäten weiterhin dem sexy Gestus der radikalen Systemkritik frönen konnten, ohne dabei Gefahr zu laufen, jemals den sie nährenden Kapitalismus wirklich bekämpfen zu müssen.

Regression

Da der Kapitalismus zwar hässlich, aber nicht doof ist, dauerte es deshalb nicht lange, bis er die akademische Linke für ihre bloße Symbolpolitik zu lieben lernte. Nicht Brot und Spiele, sondern Asteriske, Unterstriche, ein paar Trigger-Warnings, Toiletten ohne Geschlechtertrennung und 60 Geschlechtsidentitäten zur freien Auswahl: Das ist es doch, was die Leute haben wollen! Und dafür nehmen sie auch gerne das bisschen Ungleichverteilung an ökonomischer Macht in Kauf! Und wenn sie noch ein paar quotierte Frauen wollen, die ihr Territorium genauso machthungrig markieren wie die Machos, dann packen wir die einfach auch noch gratis oben drauf! Und so geschah es dann auch. Vermutlich ist die politische Korrektheit der akademischen Linken das erfolgreichste Projekt innerhalb der neuen Linken. Denn es kostet dem Kapitalismus fast nichts und dem Rebellen noch weniger. Allerdings gibt es noch immer ein paar dicke weiße Männer mit Speckröllchen im Nacken, die sich selbst an der harmlosen Symbolpolitik stören, die die akademische Linke in den Mainstream trug. Und diese dicken weißen Männer haben gerade damit begonnen, die Macht wieder an sich zu reißen. Und bis sie nicht gestürzt sind, regieren sie noch morgen.

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Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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