Heimat | Der Riss in uns

Die frisch gewählte CDU-Regierung in NRW hat soeben ein »Ministerium für Heimat« eingerichtet. Man darf dies getrost als eine politische Spätfolge der Flüchtlingskrise und der neuerlich aufgeflammten Leitkultur-Debatte verstehen, die ja stets aufs Neue rechte Sehnsüchte nach einem aufgerüsteten Heimatschutz weckt: »Wir sind nicht Burka«, »Heimat und Patriotismus sind Kraftquellen« oder »Wir wollen, dass die christlich-abendländische Kultur die Leitkultur bleibt und nicht aufgeht in einem Mischmasch«. Zugleich aber ist festzustellen, dass das Reizwort der Leitkultur auf der linken Seite immer wieder dieselben albernen Trotzreaktionen aus: »Rechte Stimmungsmache«, »Antreten zum Integrieren!«, »Operation Sauerkraut« oder »Ist es etwa deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?«. Eine seriöse Diskussion darüber, ob gelingende Integration so etwas wie Spielregeln braucht, wird dadurch unmöglich gemacht.

Wer den Streit sucht

Über so viel Zwietracht dürften zumindest die Anhänger der derzeit in der Politischen Philosophie angesagten Theorie »agonaler Demokratie« (Chantal Mouffe) hocherfreut sein. Zumal derzeit ja auch für viele andere Länder, wie etwa die USA, Frankreich, die Niederlande, Großbritannien, die Türkei, Ungarn oder Polen, gilt: Mit dem Antagonismus von nationalistischer Abschottung und liberaldemokratischer Weltoffenheit scheint endlich wieder der traditionelle Widerstreit zwischen »rechts« und »links« in die Postdemokratie zurückgekehrt zu sein. Und doch ist dieser Eindruck doppelt irreführend. Denn weder verläuft die derzeit entscheidende Frontlinie tatsächlich entlang des alten Rechts-Links-Schemas, noch handelt es sich um eine politische Lagerbildung im engeren Sinn. Denn der »Riss«, der unsere demokratischen Gesellschaften zu teilen droht, verläuft mitten durch uns alle hindurch.

Das Problem lässt sich anhand der anhaltenden Flüchtlingsdebatte illustrieren. Auch hier stehen sich – bei oberflächlicher Betrachtung – zwei unversöhnliche Lager gegenüber. Das eine plädiert für eine hermetische Abrieglung der Grenzen. Man fürchtet sich vor dem Verschwimmen identitätsstiftender Konturen des »Eigenen« und spottet: »Wenn ich einen Ausländer sehen will, fahre ich in den Urlaub«. Hier versammeln sich Wutbürger, Globalisierungsverlierer, verunsicherte Mittelschichtler der »Abstiegsgesellschaft« (Oliver Nachtwey). Deren zentrales Credo lautet: Das Eigene, das Traditionelle, das Lokale, ja, die Heimat muss gegen die Zumutungen des Globalen und Fremden verteidigt und abgeschottet werden. Gegenüber stehen jene, die eine vollständige Öffnung der Grenzen samt enthusiastischer Willkommenskultur herbeisehnen. Das sind die sogenannten Kosmopoliten. Sie eint ein buchstäblich grenzenloser Optimismus in Fragen der multikulturellen Integration; eine Vielfaltseuphorie, die sich gegen die Engstirnigkeit, Heimatverbundenheit, Piefigkeit und Provinzialität der anderen in Stellung bringt und vielerorts mit der bizarren Furcht einherzugehen scheint, dass man am Ende allein unter dumpfen »Biodeutschen« zurückbleiben könnte.

Kosmopolitisch reden, provinziell leben

Diese Frontstellung ist symptomatisch für die politische Debatte insgesamt. Immer häufiger kollidieren zwei ideologische Weltanschauungen: ein weltoffener, globalistischer Universalismus und ein protektionistischer, globalisierungskritischer Partikularismus. Diese Weltbilder lassen sich gerade nicht auf den alten Rechts-Links-Gegensatz bringen, denn sie finden sich auf beiden Seiten: Viele Linke setzen sich für globale Menschenrechte ein, man befürwortet emphatisch die Willkommenskultur, schickt seine Kinder aber in Schulen mit möglichst geringem Migrationsanteil. Das ist mit dem in diesen Kreisen so beliebten Motto »Global denken, lokal handeln« sicher nicht gemeint! Auf der rechten Seite treffen wir auf protektionistische Globalisierungskritiker, die sehnsuchtsvoll auf den Verkaufsstart des neuen Iphones warten. Und die rechtsradikale Blase trifft sich beim Asia-Imbiss, um zu beraten, wie aus dem eigenen sächsischen Heimatdorf eine national befreite Zone wird.

Kosmopolitische Heimatverbundenheit

Es geht dabei stets um den »gefühlten« Gegensatz von »uns« und den »anderen«, zwischen dem Eigenen und dem Fremden, dem Lokalen und der großen weiten Welt, zwischen Heimat und Fremde, den »guten Sitten« hier vor Ort und dem moralischen Universalismus. Und die entscheidende Frage lautet: Sind das nicht immer auch innere Widersprüche? Ist das nicht ein Graben, der sich derzeit in vielen Menschen auftut? Zumal sich heute zeigt: Das Globale ist lokal – und umgekehrt. Schließlich muss die Flüchtlingsfamilie hier vor Ort, in unserem Dorf oder Kiez, integriert werden. Das global operierende Unternehmen will hier, in unserer Region, in unserem Betrieb, Arbeitsplätze vernichten, während sich der lokale Protest im World Wide Web formiert. Allerorts ist die für politischen Sprengstoff sorgende Unfähigkeit zu spüren, das zugleich schützende wie spießige Lokale, die Heimat, mit dem aufregenden, aber auch prekären Globalen, der Fremde, zusammenzudenken. Was fehlt, das wäre so etwas wie ein lokalpatriotischer Globalismus oder umgekehrt: eine kosmopolitische Heimatverbundenheit. Das klingt schon begrifflich widersprüchlich. Aber wenn das katastrophale Auseinanderdriften der Gesellschaft gestoppt werden soll, wird politische Fantasie vonnöten sein; eine Fantasie, die zwischen dem berechtigten Anliegen lokaler Selbstbestimmung und dem ebenso berechtigten Ansinnen kosmopolitischer Weltoffenheit zu vermitteln weiß.

Foto: Quelle unbekannt

Dieser Text geht auf einen Wochenkommentar im Politischen Feuilleton von Deutschlandfunk Kultur vom 31. März 2017 zurück.

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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