Heimat | Haben und Sein

Du sollst dir kein Bildnis machen. Zuweilen wäre eine etwas beflissenere Besinnung auf dieses in mancherlei Kontexten durchaus sinnvolle Gebot religiöser Provenienz wünschenswert. So etwa neulich in Leipzig: Auf einem öffentlichen Platz wurde eine Attraktion namens »German Village« beworben, welche das vergnügungssüchtige wie -selige Volk in die Gefilde bajuwarischer Gediegen- und Gemütlichkeitsverklärung zu locken hatte, damit dieses, unter blau-weißen Wimpeln an standardisierten Baumarkt-Biertisch-Garnituren sitzend, der heimatverbundenen wie biersinnigen Fröhlichkeit des deutschen Feierwesens frönen könne. Nun bewiesen die international versierten Event-Manager zwar ein Minimum an sprachlicher Sensibilität, indem sie die zu veranstaltende Gaukelei nicht in ein »Deutsches Dorf« versetzt wissen wollten. Die alternative Bezeichnung entbehrt jedoch nicht einer treppenwitzigen Ironie der Geschichte: »German Villages« erlebten Anfang der 1940er-Jahre in Amerika immerhin eine entscheidende Renaissance, als ein US-Korps solche Nachbauten regionaler Baukunst als »dugway proving ground« errichtete, um die erfolgversprechende Wirkung von Brandbomben zu testen. Einmal abgesehen von derart geschichtsvergessenem Sprachgebrauch, stellt sich angesichts der landauf, landab allfällig zu vernehmenden Eventisierungen deutscher Geselligkeitskultur dieser und vergleichbarer Art die drängende Frage: Welches Bild von Heimat offenbart sich hier eigentlich?

Eigentum des Volkes

»Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer« – wer wollte das bestreiten? Man mag die Zeilen dieses Liedes, welches der Parteiorganisation Ernst Thälmann bereits seit den frühen 1950er-Jahren als wegweisende Heimatbewusstseinshymne erklang, für ein frühes Paradigma naiver Schlagerlyrik halten. Doch zumindest wussten die Kommunisten unmittelbar nach der Zerschlagung einer grausam volkstümelnden Blut-Rasse-Boden-Reichsideologie sehr genau, dass  sich Heimat fortan nicht in schlechter Analogie zum Ariernachweis oder diversen historio-kartographischen Rechtfertigungen einfach ummünzen und nun als kollektivistisches Volkseigentum an Produktionsmitteln verstehen ließ. Deshalb wurden nicht nur die Städte und Dörfer, sondern in einer bemerkenswerten Erweiterung auch die Landschaft sowie alle Naturgeschöpfe dem liebenden Schutz des Volkes unterstellt – obwohl die Bitterfelder Seen und die Wüstenei der Braunkohletagebaue einem solchen Verständnis reichlich Hohn sprachen. Allerdings hielt selbst der real existierende Sozialismus mit diesem Bekenntnis noch an einer immanenten Logik des Besitzens fest, die bis heute Bestand hat: Wer von »Heimat« spricht, meint damit in der Regel eine bestimmte Region mit typischen Landschafts- und Bebauungsmerkmalen sowie vor Ort etablierten Traditionen und Gebräuchen. Und zumeist ist damit der Anspruch verbunden, eine dieser »Heimaten« als etwas Eigenes zu haben, auf ihren Bestand zurückgreifen und immer mal wieder dorthin zurückkehren zu können.

Gelebte Wirklichkeit

Dieser Logik zufolge wäre Heimat so etwas wie eine Vermögensanlage auf den Virgin Islands, die so lange sicher ist, bis ein windiger Whistleblower dem steuerlichen Nullsummenspiel ein jähes Ende bereitet – oder Energiekonsortien die halbe Lausitz um der Braunkohleflöze willen weggebaggert haben. Aber Heimat ist offenbar grundsätzlich mehr, nämlich gelebte soziale Praxis und damit aktiv am Leben gehaltene Kultur. Und genau das wollen die landflüchtenden Großstadthipster, die sich wochenends in »German Villages« einem kommerzialisierten Heimatgefühl hingeben und neuerdings auf Instagram ungebrochen expressiv eine vollkommen unreflektierte Naturromantik zelebrieren (#woid, #dahoam, #heimatliebe etc.pp.), einfach nicht verstehen. Denn in Regionen, aus denen die junge Generation in Scharen flieht und wo die trostlosen Konsumknäste der auf einstmals grüne Wiesen gerammten Gewerbegebiete die nunmehr real existierende Heimat verkörpern, hilft auch keine weichgezeichnet-landlüstige Sehnsucht nach den vermeintlich guten alten Zeiten.

Was folgt daraus? Entweder verkommt »Heimat« zu einer instagramisierten Projektionsfläche, weil sich zwar alle nach den regionalen kulinarischen Köstlichkeiten und der ach so herrlichen, gern wochenends und feiertags visitierten (Kultur-)Landschaft sehnen, sich aber keiner mehr vorstellen kann, ernsthaft dort zu leben und diese Heimat mit Leben zu füllen. Diejenigen, die geblieben sind, werden damit zu bloßen Sachwaltern heimatlichen Inventars degradiert, auf die man mit bedauerndem Blick herabschaut, um zugleich mit hedonistischer Gier temporär alle schönen Seiten des Landlebens auszukosten. Diese Haltung ist mindestens unanständig und zudem nicht konsequent: Es ist wie mit der gemütlichen Kneipe im Ort – jeder findet derlei regionale Refugien schön, kauft sein Bier dann aber doch im Supermarkt, weshalb das Bedauern über die Schließung immer einen verlogenen Beiklang hat. Oder noch viel schlimmer: »Heimat« wird als profitträchtige Marke zu einem hässlich standardisierten Abziehbild vermeintlich typisch deutscher Heimatkultur (siehe das »German Village«), von denen die berühmt-berüchtigten Heimat- und Bergfilme in ihrem persilreinen Romantikkitsch bloß ein harmloser Vorgeschmack waren. Quo vademus?

Foto: Stefan Herfurth, https://schwedentagebuch.blogger.de

 

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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