Heimat | Hier im Wir

Margot Honecker soll kurz vor ihrem Tod gesagt haben, Heimat sei für sie der Geruch von Wald und Pilzen. Ich halte diese Begriffsbestimmung für fast ebenso bizarr, wie Frau Honeckers Bemerkung, dass Mauertote zwar bedauerlich seien, aber ja schließlich niemand gezwungen wurde, über die Mauer zu klettern. Auf die Gefahr hin, recht altbacken und olfaktorisch etwas unterbelichtet zu wirken, bin ich nämlich der Ansicht, dass der Begriff der Heimat keinen Geruch, sondern zuallererst Örtliches meint.

Orte

Um nun allerdings nicht noch altbackener als Margot Honecker zu erscheinen, möchte ich eiligst anfügen, dass der Begriff des Ortes keineswegs so simpel ist, wie sich Krethi und Plethi dies vorstellen mögen, wenn sie nachts in der Bar die Geokoordinaten ihrer Erstwohnsitze austauschen. Denn auch ein Ort ist, wie alles in der Realität Vorfindliche, an die erbarmungslose Schwester des Raums gebunden: die Zeit. Daher ist es auch durchaus möglich, mindestens zwei Heimaten zu haben. Heimat kann nämlich nicht nur der Ort sein, an dem man gegenwärtig lebt, sondern auch ein Ort, an dem man bereits lebte. Paradebeispiele für Orte letzterer Art sind all jene, in denen man aufwuchs und eine mehr oder minder glückliche Kindheit sowie Jugend verlebte, um schließlich in die Welt hinauszuziehen. So kann man zweifelsohne in Berlin, Boston oder Bangkok heimisch sein und dennoch nach Bad Homburg, Bautzen oder Bottrop heimkehren, sollte beispielsweise ein Weihnachtsfest oder eine Trauerfeier derlei erforderlich machen.

Menschen

Mit den zuletzt erwähnten Festivitäten und Feierlichkeiten ist ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Heimat angedeutet. Ist man nämlich nicht Margot Honecker und hat auch keine andere soziopathische Persönlichkeitsstörung, so konstituiert sich Heimat nicht primär mittels olfaktorischer Reize der ortsansässigen Flora und Fauna, sondern im Umgang mit ortsansässigen Menschen. Zu diesem Umgang kann ein heiteres Gespräch über Pilzgerüche freilich ebenso gehören wie ein klärendes Gespräch über Körpergerüche. Und auch über die Gerüche von am Körper befindlichen Pilzen lässt es sich plaudern, sofern man mit den in der Heimat lebenden Menschen recht eng vertraut ist. Entscheidend ist hierbei allerdings nicht der Geruch, sondern dass es sich bei solchen Gesprächen um eine der geteilten Praktiken des sozialen Nahbereichs handelt, welche Heimat zu dem konkreten Ort des gelingenden alltäglichen Miteinanders dort lebender Menschen machen.

Damit ist der Text nun an jenem Punkt angelangt, an dem der Begriff der Heimat verteidigt werden muss gegen seine Vereinnahmung durch islamophobe Hassbürger, identitär bewegte Rassisten, brandschatzende Nazitölpel, faschistische Totschläger, neurechte Vor»denker« und Deutschlandfähnchen über die Sesselarmlehne drapierende AfD-Propagandisten. All diesen Knallchargen ist nämlich gemein, dass sie »Heimat« völlig zu Unrecht mit Hilfe der Begriffe »Volk«, »Vaterland«, »Nation«, »Rasse«, »Kultur« etc. erläutern oder »Heimat« gar synonym mit diesen Begriffen verwenden. Der Begriff der Heimat hat jedoch nichts zu tun mit derlei Begriffen, die die braune Brut so gerne grunzt.

Abstraktionen

Während nämlich»Heimat« den konkreten Ort des gelingenden alltäglichen Miteinanders dort lebender Menschen meint, die ungeachtet aller willkürlich festgelegten Staatsgrenzen von überall herkommen und die unterschiedlichsten Götter, Propheten, Poeten, Mimen, Musikanten oder meinetwegen auch YouTuber anbeten können, stellen die Begriffe »Volk«, »Vaterland«, »Nation«, »Kultur«, »Rasse« geradezu aberwitzige Abstraktionen dar, die lediglich den etwas simpler gestrickten Zeitgenossen erfolgreich vorgaukeln mögen, konkret erfahrbare Gehalte aufzuweisen. Tatsächlich jedoch sind diese Begriffe bloß inhaltsleere Formen, bar aller Anschauung und konkreter Erfahrung. Denn niemand borgt dem Volk seinen Rasenmäher aus. Niemand geht mit dem Vaterland zum Ball der Freiwilligen Feuerwehr. Niemand fragt die Nation, ob sie vielleicht beim Bau der neuen Scheune behilflich sein könnte. Niemand regt sich über die ungeschnittene Buchsbaumhecke der Kultur auf. Und niemand kauft bei der Rasse Brötchen, Koteletts und das brandneue Landlust-Magazin ein.

Bekanntschaft

Dass das rechte Gegrunze von »Volk«, »Vaterland«, »Nation«, »Kultur«, »Rasse« sich auf inhaltsleere Abstraktionen beläuft, liegt kurz gesagt daran, dass so etwas wie Deutschland keine Heimat sein kann. Denn auch die größten Socializer, Netzwerker und Salonlöwen können keinen sozialen Nahbereich vorweisen, der 83 Millionen Menschen umfasst. Aber selbst die auch nur etwas größeren deutsche Städte können als solche keine Heimat sein. Denn nicht einmal der umtriebigste Einwohner von — sagen wir mal — Erlangen kann ein Leben führen, welches durch den alltäglichen Umgang mit 111.958 anderen Menschen gekennzeichnet ist. Und dass selbst hysterisch kontaktfreudige Berliner sich nicht ernsthaft der persönlichen Bekanntschaft mit 3,5 Millionen anderen Hauptstadtbewohnern rühmen können, bedarf wohl kaum mehr eigens der Erwähnung.

Wir

Schenkt man meiner jetzt so unvolkstümlich hingeworfenen Heimatgeschichte Glauben, so kann man nicht nur das rechte Gegrunze, für das man ohnehin nie empfänglich war, als inhaltsleere Abstraktion dekuvrieren. Vielmehr könnte man sich nun auch von dem notorischen Misstrauen befreien, welches man womöglich stets gegenüber dem Begriff der Heimat hegte. Ist Heimat nämlich der konkrete Ort unseres gelingenden alltäglichen Miteinanders, so ist sie weder ein nostalgisches Schnupperangebot für Diktatorenwitwen noch ein Konstrukt, dessen Namensrechte der braunen Brut gehören. Heimat ist vielmehr das, was wir daraus machen.

Foto: Haeferl, https://commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

0 Kommentare