Haustiere | Dackelblick

Haustiere | Dackelblick

Der bekannte Journalist Horst Stern beschloss sein Anfang der 1970er Jahre erschienenes Werk Sterns Bemerkungen über Hunde mit den Worten: »Dackel? Nichts über Dackel. Ich kann Dackel nicht leiden: Sie brechen einem das Herz, dann heben sie an den Bruchstücken ein Bein auf. Man weiß bei einem Dackel nie, welche Sorte Tränen man gerade in den Augen hat: solche des Lachens, der Liebe oder der Wut. In einer Dackelseele menschelt es wie in keiner anderen Hundeseele. Sie kriegen sogar Bandscheibenleiden. Und Schwäbinnen rufen ihren Dackel Männle, während sie zu ihrem Mann nicht selten Du Dackel sagen. Was also hat ein Dackel in einem Hundebuch verloren?«

Dackelblick

Ich muss gestehen: Mir geht es genauso. Auch ich mag Dackel nicht. Genauso wenig wie andere Hundeartige. Dem Tierethiker aber bleibt auch der Dackelblick nicht erspart. Reden wir also über die Männles – und die anderen rund 25-30 Millionen »Haus«-Tiere, die es in Deutschland schätzungsweise gibt.

Grenzverläufe

Unser Umgang mit Tieren zeichnet sich durch nicht immer leicht zu erklärende Grenzverläufe aus. Dabei spielt zum einen die Spezieszugehörigkeit eine Rolle: Menschliche Tiere behandeln wir gänzlich anders als nicht-menschliche Tiere; aber auch bei den nicht-menschlichen Tiere machen die meisten von uns erhebliche Unterschiede. Zwischen den Arten, ja, sogar im Hinblick auf ein und dasselbe Individuum, machen wir mitunter durchaus feine Unterschiede. Je nachdem, ob uns ein Tier als »Heim«-, als »Wild«-, als »Nutz«- oder als »Versuchs«-Tier usw. begegnet, ändert sich nicht nur unsere Einstellung, sondern auch unser Umgang. Dabei spielen im Wesentlichen zwei Gesichtspunkte eine Rolle: zum einen der instrumentelle Wert eines Tiers für den Menschen, zum anderen affektive und emotionale Reaktionen gegenüber dem jeweiligen Tier. Kurzum: Wer nützlich ist, hat bessere Karten als der Rest. Wer possierlich, attraktiv oder zumindest exotisch ist, auch. Und wer sogar Bandscheibenleiden kriegen kann, erst Recht.

Bürger Dackel

Von Seiten zahlreicher Tierethikerinnen und Tierethiker ist kritisiert worden, dass derartige Grenzziehungen willkürlich seien. Wenn empfindungsfähige nicht-menschliche Tiere ein subjektives Wohl besitzen und entsprechend um ihrer selbst Willen moralisch zählen, dann könne ihre Behandlung nicht davon abhängen, ob sie nützlich oder attraktiv oder was-auch-immer für den Menschen sind. Sue Donaldson und Will Kymlicka haben in ihrem Buch Zoopolis dagegen für einen relationalen Ansatz in der Tierrechtsdebatte plädiert, der der Vielfalt der konkreten Beziehungen zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren besser gerecht werden soll als herkömmliche Theorien. Um bestimmen zu können, welche Rechte Tiere haben, sei es erforderlich, die verschiedenen Arten politischer Beziehungen genauer in den Blick zu nehmen, in denen Tiere zu menschlichen Gemeinschaften stehen. Tiere, die in Gemeinschaft mit dem Menschen leben, sollten entsprechend als Mitbürger betrachtet werden, andere als Bürger eigener souveräner Gemeinschaften und wieder andere als sogenannte Grenzgänger-Tiere.

Beziehungen und Fähigkeiten

Sollten wir Männle also als Mitbürger unserer politischen Gemeinschaft ansehen, der nicht nur das Recht hat, dass seine Interessen berücksichtigt werden, sondern als Staatsbürger auch das Recht darauf, die Geschicke der Polis, der alle gemeinsam angehören, nach Möglichkeit mitzugestalten? Und was genau könnte dies bedeuten? Dass durch die Idee einer Zoopolis und die Forderung nach Bürgerrechten für nicht-menschliche Tiere tatsächlich viel gewonnen ist, scheint zweifelhaft. Fraglich ist nicht nur, welche nicht-menschlichen Tiere die erforderlichen Fähigkeiten besitzen, in Kooperationsprozesse mit dem Menschen einzutreten und Bürger- oder insbesondere Partizipationsrechte wahrzunehmen. Fraglich ist auch, welche konkreten Rechte und Pflichten nicht-menschlichen Tieren aus ihrem Mitbürgerstatus erwachsen sollen. (Donaldson und Kymlicka zufolge schließt dieser Status einen Gebrauch der Arbeitskraft und der Produkte von Tieren durch den Menschen nicht grundsätzlich aus.)

Rücksicht auf die Hundeseele

Vor allem aber ist die Idee einer Zoopolis weniger relational, als man auf den ersten Blick denken könnte. Grundlegend bleiben auch in diesem Ansatz bestimmte Grundrechte, die Tiere nicht als Mitglieder einer spezifischen Gemeinschaft, sondern als Wesen mit einem eigenen Wohl haben. Unverletzliche Rechte, zu denen insbesondere das Recht gehört, nicht als (bloßes) Mittel zu menschlichen Zwecken benutzt zu werden. Es macht zudem, wie man in Zoopolis lernen kann, einen Unterschied ums Ganze, ob man behauptet, dass unsere Pflichten gegenüber anderen Lebewesen durch die Art der Beziehung, die wir zu ihnen haben, bloß eingefärbt oder spezifiziert werden, oder ob man meint, dass diese Pflichten durch die Art unserer Beziehungen konstituiert werden. Aber was folgt daraus für Dackel? Vor allem dies, dass es die konkreten Bedürfnisse und Eigenschaften sind, die unseren Umgang mit Dackeln (und den anderen rund 25-30 Millionen »Haus«-Tieren) bestimmen müssen. Das aber setzt zu allererst die Einsicht voraus, dass es in der Dackelseele – pace Horst Stern – ebenso wenig menschelt wie in jeder anderen Hundeseele.

Foto: geckoam, www.flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0

Zur Person Johann Ach

Johann S. Ach ist kein Tierfreund. Trotzdem schreibt er manchmal über Lassie, Dolly und den Bullen Herman. Er lebt in Münster und ist dort Geschäftsführer und Leiter des Centrums für Bioethik der WWU.

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