Haustiere | Ich bin dann mal veg

Wie oft habe ich mich schon gefragt, warum ich noch immer kein Vegetarier bin? Die ethischen, ökologischen, medizinischen und ästhetischen Gründe für den Fleischverzicht sind derart offenkundig, dass man als Moralphilosoph_in unmöglich intellektuell redlich und doch zugleich fleischfressend sein kann. Es fühlt sich an, als wäre man »von gestern«. Und wann immer ich, vermeintlich ehrlich, in mich gehe, verheddere ich mich in ein Wirrwarr aus akratischen Abwehrmaßnahmen („Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist lecker“), Selbsttäuschungen („Ich esse kaum noch Fleisch, dafür aber Bio“) und entmutigenden Konsistenzerwägungen („Wenn ich Vegetarier wäre, müsste ich dann nicht gleich auch Veganer werden?“).

Animal Irrationale

Vor allem diese (In-)Konsistenzerwägungen haben es mir angetan. Immer wieder trifft man auf mutmaßlich radikale Veganer_innen, die Tiere offenbar derart lieb haben, dass sie sich daheim einen riesigen wuscheligen Hund oder auch ein possierliches Nagetier halten und auf Facebook zuckersüßen »Cat Content« posten. Dann frage ich mich: Ist das nicht irgendwie auch inkonsequent? Nur um nicht missverstanden zu werden: Die Frage der Haustierhaltung stellt sich keineswegs am Anfang der Tierethik. Zuvor wäre über Tierversuche, Tiertransporte, Massentierhaltung etc. zu reden. Aber am Ende stellt sich diese Frage eben doch: Ist eine Person, die ihren Hund oder ihre schnuckelige Katze liebt, die aber gleichwohl Fleisch vom Schwein oder Rind futtert, tatsächlich so viel inkonsequenter als jene, die den Konsum von Fleisch verwirft, sich aber ebenfalls einen Hund oder eine Katze in ihrer engen Stadtwohnung hält?

Unklare Besitzverhältnisse

12 Millionen Katzen, 7 Millionen Hunde, 2 Millionen Vögel, 4.5 Milliarden Euro Jahresumsatz im Heimtierbedarf. Allein in Deutschland. Will man in der Haustierhaltung ein moralisches Problem sehen, kommt ein doppelter Verdacht auf: Zum einen mag nicht nur das widernatürliche Einsperren, sondern allein schon der Besitz von Haustieren ein »Recht« der Tiere auf Eigentum am eigenen Körper verletzen. Entsprechend fordert der tierethische »Abolitionismus«: »We don’t want bigger cages, we want empty cages!«. Und auch das Haus ist nur ein Käfig! Zum anderen ist jedes Haustier das kulturhistorische Resultat einer Jahrtausende währenden Geschichte der Domestizierung, und damit einer fraglos erzwungenen Kasernierung, Selektion, Züchtung und auch Züchtigung ehemals »freier« Wildtiere. So auch erklärt sich die Selbstkennzeichnung der genannten Tierrechtsbewegung – in der Tradition der Anti-Sklavereibewegung – als »abolitionistisch«.

Wider die Natur?

Zu den anatomischen Folgen dieser Domestizierung: Das Gebiss der Tiere entwickelt sich zurück, das Fell wird weniger, Tarnfarben weichen auffälligen Farbvarianten. Hängeohren entstehen, die Gehirnmasse nimmt ab, der Verdauungstrakt wird anfälliger. Dafür verbessern sich die für den Menschen nützlichen Eigenschaften (z.B. die Milchleistung bei der Kuh). Vor allem aber verändert sich der Habitus: Aggressionspotenziale nehmen ab, die Tiere werden »zahm«, das Flucht- und Verteidigungsverhalten degeneriert, dafür wächst die Bereitschaft, sich fortzupflanzen, wenngleich bei weniger stark ausgeprägtem Brutpflegeverhalten usw. Man muss kein Hardcore-Naturalist oder grüner Fundi sein und menschliche Eingriffe in die Natur per se für problematisch halten. Es reicht, dem auch innerhalb der Tierethik emphatisch bejahten Motto zu folgen: »Artgerecht ist nur die Freiheit« (Hilal Sezgin). Oder um es mit Horkheimer und Adorno zu sagen: In jedes verhätschelte Haustier ist eine Spur gewaltsamer Naturbeherrschung eingeschrieben, die das Mensch-Tier-Verhältnis insgesamt im zivilisatorischen Bann totaler Unfreiheit gefangen hält.

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Gegen die naheliegende Forderung, der Haustierhaltung ein Ende zu bereiten, werden oft zwei Einwände vorgebracht. Erstens: Dies wäre das Ende einer außergewöhnlichen Kulturleistung, die unsere Zivilisation allererst ermöglicht hat (z.B. durch die Nutzung der Tiere in der Landwirtschaft). Was würde aus der Menschheit werden? Und das zweite Argument kommt selbst von haustierhaltenden Tierrechtler_innen: Viele Tiere, z.B. Hunde, genießen das Zusammensein mit Menschen. Man würde diesen Tieren die Möglichkeit nehmen, ein für sie gutes Leben zu führen; abgesehen davon, dass sie in wilder »Freiheit« ohnehin nicht mehr zurechtkämen. – Mit ähnlichen Argumenten hat man im 18. und 19. Jahrhundert auch für die Aufrechterhaltung der Sklaverei plädiert.

Alles kann, nichts muss

Gewiss hat die Befreiung der Sklaven seinerzeit für ein gewisses Chaos gesorgt. Doch die heute lebenden Haustiere müssten weder in die freie Wildbahn entlassen noch eingeschläfert werden. Wir müssten uns lediglich entscheiden, keine weiteren Tiere mehr in Gefangenschaft zu halten, zu züchten oder in Besitz zu nehmen. Sollte dann aber doch einmal ein wildes Tier, z.B. Cheeta, freiwillig die Nähe eines Menschen suchen und bei ihm bleiben, obwohl dem Tier buchstäblich alle Türen offenstehen, so wäre nichts dagegen einzuwenden. Wahrscheinlicher aber ist, dass das freiheitsliebende Tier schon bald sagen wird: Ich bin dann mal weg.

Foto: www.erbzine.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

2 Kommentare

  1. Bernd Ladwig · März 10, 2016

    Ein schöner Text, auch wenn ich mich da an einen jüngeren Restaurantbesuch erinnere, wo vor allem von der Vorzugswürdigkeit von Mettbrötchen die Rede war. Dies zum Autor. Und zur Sache selbst: Hunde sind nun mal keine Wölfe mehr, sie sind, anders als letztere, genetisch auf den Umgang mit uns eingestellt. Wer das problematisch findet, müsste eigentlich für ihr Aussterbenlassen oder ihre gezielte Rückverwilderung eintreten. Einen zwingenden tierethischen Grund kann ich dafür nicht erkennen. Menschen können Hunde halten, ohne dadurch deren Grundbedürfnisse zu missachten, und darin liegt ein grundsätzlicher Unterschied zur Sklavenhaltung. Menschen sind zur Selbstbestimmung bestimmt (Fichte), die Freiheitsbedürfnisse anderer Tiere sind von einfacherer Art. Sie sprechen zum Beispiel gegen generellen Leinen- und Maulkorbzwang im Freien oder gegen die Tierhaltung in zu engen Wohnungen. Aber Thomas Hoffmann darf seine Rauhaardackelhündin behalten, ohne an der Konsistenz seines Sinns für Moral und Rechte zu zweifeln.

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