Haustiere | Death of Donald

Eigentlich habe ich keine Haustiere, zumindest keine, die mir bekannt wären. Doch vor ein paar Wochen, da kam ein Tier in unser Haus und hat sich ganz uneingeladen und ohne zu fragen bei uns einquartiert. Dann hatte ich plötzlich doch ein Haustier, allerdings nur für einen Tag und ein halbe Nacht. Dann habe ich es erschlagen. Vorher habe ich dem Tier jedoch noch einen Namen gegeben. Es hieß Donald. Donald war eine Gemeine Stubenfliege. Jetzt ist Donald tot. Wie konnte es nur dazu kommen?

Sarcophagid_fly_Portrait

Zunächst begann alles ganz friedlich. Irgendwann am Vormittag bemerkte ich zum ersten Mal, dass die Fliege im Arbeitszimmer herumsummte. Das war nicht besonders aufregend und hat mich in keinerlei Weise von meiner wichtigen philosophischen Arbeit abgehalten. Ich habe das – zu diesem Zeitpunkt noch namenlose – Tier einfach ignoriert. So lief es eigentlich den ganzen Tag. Am Abend bemerkte ich irgendwann, dass die Fliege uns ins Schlafzimmer begleitet hatte und jetzt dort herumsummte. Auch das war im Grunde ganz unproblematisch. Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, dass wir zumindest für einige Tage doch ein Haustier haben würden. Das fand ich ganz ok, denn ich war davon überzeugt, dass das sicher eine friedliche Koexistenz werden würde. Ein besseres Haustier als eine Gemeine Stubenfliege kann man sich gar nicht vorstellen, fand ich. So eine Fliege verlangt nicht, mit Nahrungsmitteln versorgt zu werden, sie will nicht Gassi gehen, nicht gestreichelt werden, und sie glaubt auch nicht, dass die Wohnung eigentlich ihr gehört.

Krieg im Schlafzimmer

Doch ich hatte mich gehörig getäuscht. Es sollte überhaupt nicht friedlich bleiben und äußerst gewalttätig enden. Irgendwann mitten in der Nacht startete die Fliege nämlich ihren Angriff auf mich und meine Frau, indem sie nicht mehr irgendwo im Zimmer herumschwirrte, sondern es plötzlich auf unsere Gesichter abgesehen hatte. Das weckte uns beide immer wieder auf und führte irgendwann zu dem folgenden Gespräch im Originalton. Meine Frau: »That is annoying. Kill it.« Ich: »But it is alive.« Meine Frau: »I don’t care. Kill it.« Ich: »But is has interests too.« Meine Frau: »I don’t care. Kill it.« Mir gingen langsam die Argumente aus. Also wagte ich einen letzten Versuch und gab dem Tier einen Namen: »But it has a name. It’s called Donald.« Die Antwort, die ich darauf von meiner Frau erhielt, können Sie sich wahrscheinlich schon denken. Ich beugte mich also dem Druck, kramte die Fliegenklatsche hervor und erschlug Donald. Seitdem haben wir kein Haustier mehr.

Fliegenspeziesismus?

Manchmal muss ich noch an Donald denken und frage mich, ob es in Ordnung war, ihn zu erschlagen. Ich muss zugeben, dass ich überhaupt kein schlechtes Gewissen habe. Er hat mir den Schlaf geraubt. Und meiner Frau auch. Wenn Donald jedoch keine Gemeine Stubenfliege, sondern ein Hund, eine Katze oder auch nur ein Goldfisch gewesen wäre, dann hätte ich ihn nicht erschlagen. Wahrscheinlich hätte ich ihn aus dem Schlafzimmer ausgesperrt. Aber das wäre es dann schon gewesen. Doch was macht hier den Unterschied? Gibt es überhaupt einen oder diskriminiere ich Gemeine Stubenfliegen und bin daher ein Speziesist? Mal sehen: Die Lebendigkeit kann es nicht sein. Denn wäre Donald nicht lebendig gewesen, dann hätte ich ihn auch nicht erschlagen können. Der Unterschied hat auch nichts mit Natürlichkeit zu tun. Denn es liegt sicher nicht in der Natur einer Gemeinen Stubenfliege, von einer Fliegenklatsche erschlagen zu werden. Das bloße Interesse kann es ebenfalls nicht sein. Auch Donald wollte noch ein paar Tage weiterleben. Es muss also irgendetwas anderes sein, wenn es tatsächlich einen Unterschied gibt.

Interessen und Lebensgeschichten

Meiner Meinung nach könnte der Unterschied etwas mit der Bedeutung der Interessen eines Tieres zu tun haben. Dann kommt es nicht nur darauf an, welche einzelnen Interessen situativ bestehen. Vielmehr geht es darum, wie sich diese Interessen zu so etwas wie einer Lebensgeschichte verdichten. Abhängig davon, wie komplex diese Lebensgeschichte ist, und abhängig davon, welche Bedeutung ein Interesse für eine Lebensgeschichte besitzt, sind Interessen als unterschiedlich stark oder schwach zu bewerten. Die Interessen von Stubenfliegen wären dann sehr schwach, die von Goldfischen schon stärker und die von Hunden und Katzen noch stärker. Solch eine Position hätte allerdings die Konsequenz, dass die Moral ziemlich unübersichtlich wird, weil man sehr genau zwischen verschiedenen Tierarten, ihren Lebensgeschichten und der Stärke ihrer Interessen unterscheiden müsste. Gerade bei Haustieren stellt sich zudem die Frage, wer eigentlich die Lebensgeschichte dieser Tiere erzählt. Außerdem kann man Geschichten immer so oder so erzählen. Oder könnte ich vielleicht Notwehr gegen den Angriff von Donald geltend machen? So richtig überzeugend ist auch diese Erklärung nicht. Meine Haustiergeschichte ist noch nicht an ihrem Ende angelangt. Auch in Zukunft werde ich wohl noch öfter an Donald denken müssen. Denn eins ist klar: Die nächste Gemeine Stubenfliege kommt bestimmt.

Foto: JJ Harrison, https://commons.wikimedia.org, CC BY-SA 1.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

0 Kommentare