Haustiere | Sexismus auf der Hundewiese

Mit Haustieren verhält es sich in mancherlei Hinsicht nicht anders als mit Kindern. Eine Hinsicht betrifft die Frage, ob man eigentlich Haustiere haben darf. Träfen Eltern etwa auf einen tiefsinnig dreinblickenden Jüngling, der im ersten Semester Philosophie studiert, so könnte es passieren, dass er sie in bloß rhetorischer Absicht fragte, ob man denn heutzutage eigentlich noch Kinder in die Welt setzen dürfe. Ignorierten besagte Eltern geflissentlich die rhetorische Absicht und antworteten mit entwaffnender Ehrlichkeit, so würden sie nun keineswegs auf den demographischen Wandel und die Rentenversicherung zu sprechen kommen. Stattdessen würden sie schlicht sagen: Ja, man darf heutzutage durchaus noch Kinder in die Welt setzen, sofern man gut zu ihnen ist, denn Kinder zu haben, ist (alles in allem) wundervoll. Ganz ähnlich fiele auch meine Antwort aus, liefe mir solch ein Jüngling über den Weg, während ich z.B. gerade einen Kotbeutel über die Exkremente der schönsten und intelligentesten Rauhaardackelhündin der Welt stülpte. Ich würde auf seine Frage, ob man eigentlich Haustiere haben darf, nämlich auch schlicht antworten, dass man Haustiere durchaus haben darf, sofern man gut zu ihnen ist, da Haustiere zu haben (alles in allem) wundervoll ist.

Falsche Fragen

Nicht nur, weil ich beim Auflesen von Exkrementen selten meine kommunikativsten Momente habe, sondern allein schon aus Prinzip verzichtete ich darauf, großartig herumzuargumentieren, dass Dackel mitnichten Wölfe sind und dass es im Gegensatz zu diesen zur Natur jener gehört, mit dem Menschen zusammenzuleben. Denn das würde den Jüngling nur dazu verleiten, altklug anzumerken, dass man hier ja wohl kaum von »Natur« sprechen könne, da der Dackel durch Züchtung in die Welt kam. Und jetzt sähe ich mich gezwungen, langatmig auseinanderzulegen, weshalb auch Exemplare solcher Lebensformen, die aus vom Menschen kontrollierter Fortpflanzung hervorgingen, ein Wesen besitzen. Zudem könnte ich mich vermutlich auch nicht des Vorwurfs enthalten, der Jüngling sei dem Mythos der Wildnis aufgesessen, da er Natur mit Urwüchsigkeit verwechsle. In der Zwischenzeit wäre die schönste und intelligenteste Rauhaardackelhündin der Welt allerdings schon längst abgehauen, und ich müsste jetzt panisch hinter ihr her rennen. Damit derlei jedoch gar nicht erst passierte, begnügte ich mich mit der oben angeführten Kurzantwort, verknotete gekonnt die Schlaufen des Kotbeutels und haute gemeinsam mit der schönsten und intelligentesten Rauhaardackelhündin der Welt ab, die übrigens mit Vornamen »Lotta« heißt.

lotta

Manch*_Er Leser*_In mag nun meine soeben imaginierte Konversation mit einem besserwisserischen Erstsemester für reichlich an den Haaren herbeigezogen halten. Das meint man allerdings nur, solange man nicht selbst – volksmundig gesprochen – »Herrchen« oder »Frauchen« ist. Denn als Hundehalter*_In kommt man innerhalb von 14 Tagen mit mehr unbekannten Passanten ins Gespräch als in 14 Jahren ohne Hund. Bei mir zumindest ist das so, wenn ich mit Lotta Gassi gehe. Dabei treffe ich sehr viele nette Menschen und natürlich auch einige Unsympathen. Vor allem jedoch erhalte ich dabei auch einen schnellen und unverstellten Einblick in den Zustand unserer Gesellschaft. Auf der Hundewiese führte ich schon instruktive Gespräche über die Anschläge von Paris, über AfD, Pegida und Nazis, über alternative Heilkunde, über gesunde Ernährung und über Sexismus. Letzterer war jedoch nicht nur Thema eines Gassi-Gesprächs mit einer quotenkritischen Philosophiestudentin, die zudem Asteriske, Unterstriche und Binnen-Versalien ablehnte. Denn Sexismus erlebte ich auf der Hundewiese auch schon ganz hautnah.

Richtige Rüden

Das erschütternde Vorkommnis, das verdeutlicht, wie sich im Umgang mancher Hundehalter mit ihrem Hund ihre Weltsicht zeigt, widerfuhr mir im Zuge der einsetzenden Geschlechtsreife Lottas. Verfolgt von einem Irish-Setter-Rüden, dessen Halter durch Abwesenheit glänzte, floh ich mit der läufigen Lotta auf dem Arm durch den Park, während der vor fleischlicher Begierde geifernde Rüde an mir hochsprang und seinen Speichel auf Lottas Hinterteil und meiner Jacke verteilte. Barsche Ermahnungen ausstoßend, musste ich das kopulationswütige Tier schließlich eigenhändig auf die Hundewiese zu seinem Halter zurückbringen, der sich dort der völligen Ignoranz hingab. Als ich eben dies monierte, erhielt ich jedoch zur Antwort, dass richtige Rüden nun einmal so sind und ich mit einer läufigen Hündin selbstverständlich nicht dort Gassi gehen dürfe, wo sich Rüden aufhalten. Aber wo halten sich Rüden denn nicht auf? Soll ich mich mit Lotta während ihrer Läufigkeit auf den Mond schießen lassen, weil »richtige Rüden« nun einmal so sind, wie sie sind, und ihre Halter sich auch nicht darum kümmern müssen, was ihre Hunde so treiben? Demnächst fordert noch irgendwer die Burka oder gleich das totale Ausgehverbot für läufige Hündinnen. Ich dagegen fordere hiermit, dass es nicht nur Frauenparkplätze, sondern auch endlich Hündinnenwiesen geben muss!

Foto: Jana Burmeister-Hoffmann

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

2 Kommentare

  1. Simon Aeber · März 1, 2016

    Wobei im Winter eine Burka der Hündin sicherlich auch nicht schaden würde; denn im Gegensatz zum unausweichlichen Verrichten des Geschäfts, hegen unsere Haustiere womöglich nicht den Wunsch, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt eine Pfote vor die Türe zu setzen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Hunde und Hündinnen diesbezüglich die gleichen Rechte einfordern – und auf das viel bequemere Katzenklo verweisen. Zudem könnte ja Herrchen/Frauchen auch beim Reinigen des hauseigenen Hundeklos seinen/ihren philosophischen Gedanken nachgehen – gegebenfalls sogar in Form eines interaktiven Diskurses via Video-Chat. Wir müssen also auf der Hut sein; ansonsten laufen wir Gefahr, in ein paar Jahr(zehnt)en dem Terrorregime militanter Haustiere ausgesetzt zu sein. Deshalb sollten wir die Schliessung der Grenzen um jeden Preis vermeiden: Wir werden irgendwann froh darüber sein, ein paar Flüchtlinge auf unserer Seite zu haben – im Kampf gegen die Herrschaft der Haustiere.

  2. Peter Zweigelt · März 1, 2016

    Da gäbe es aber schon ein paar gute Argumente dafür, dass man bestimmte Haustiere nicht halten darf… Zum Beispiel solche, die man gekauft hat und mit dem Geld das Business-Model von Züchtern unterstützt, die überzählige Welpen oder Kätzchen einfach ersäufen oder in unwürdigen Umständen dahinvegetieren lassen. Oder solche, denen man ein würdiges Dasein schon aus Platz- und Beschäftigungsgründen nicht bieten kann, zum Beispiel Raubkatzen und Affen.

    Und die These, dass man – nicht nur heutzutage, sondern schon immer – keine Kinder in die Welt setzen sollte, vertritt der Südafrikanische Philosoph David Benatar übrigens seit Jahren.