Hass | Die Zeit, wie sie uns sucht

Mit Hass kann ich nicht umgehen. Da geht es mir so wie den meisten. Und selbst wenn es den zur Beruhigung gern zitierten Stammtisch schon immer gegeben hat, er steht jetzt mitten im »Neuland«. Hass fließt gerade nur so durch die digitalen Kanäle, die Kommentarspalten der Medien und eben auch die Straßen von Dresden und anderswo. Wir werden jetzt also ganz fix lernen müssen.

Die Rache des Feiglings

Ich habe keinerlei Erfahrung darin, wie sich Hass anfühlt, was Hass ist und was einen dazu bringt, ihn auszuleben. Im Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe bei Friedrich Kirchner und Carl Michaëlis ist zu lesen: »Der Hass, das Gegenteil der Liebe, verabscheut nicht nur einen Menschen, sondern möchte ihm auch schaden. Er entspringt oft dem Eigennutz, dem Neide, dem gekränkten Ehrgeiz, der Eifersucht oder der verschmähten Liebe«. Bernard Shaws Zusammenfassung ist unübertroffen: »Hatred is the coward’s revenge for being intimidated«.

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Hass kann von Zorn unterschieden werden, indem Hass geplant und zielgerichtet auf Unheil und Verletzung aus ist. Zorn hingegen ist Ausdruck kurzzeitiger, übereilter, affektierter Erregung. Anders gesagt: Zorn ist frisch gezapft, Hass steht schon eine Weile im Glas und gärt vor sich hin. So mag man einigen Pöblern zugestehen, dass sie sich in der ungewohnten Welt digitaler Meinungsäußerung einfach noch nicht zurecht gefunden haben. Es fällt ihnen vielleicht ja nur schwer, ihre Affekte einzupendeln, bevor sie zornig in die Tasten hauen. Für die Dauerhasser, die »Krieger an der Tastatur« (Markus Linden), ist aber etwas ganz anderes maßgeblich: deren Menschenfeindlichkeit. Es ist die Verleugnung des Wertes anderer Menschen. Ist diese zunehmende Verhärtung die Reaktion auf eine nicht enden wollende Unsicherheit und Hilflosigkeit in einer Welt voller (gefühlter) Krisen? Naht das Ende der Wohlstandsinsel? Und jetzt? Empathie is over! »Gutmensch« hat sich auch bei liberalen Zeitgenossen bereits als Schimpfwort durchgesetzt.

Gegenhass ist gegen Hass auch keine Lösung

Ich habe bislang kaum jemanden gesehen, der souverän mit »Hate Speech« umgehen würde. Die Online-Medien sind zum größten Teil überfordert (»Kommentierung der Meldung beendet«). Manche versuchen es mit Ironie (»Mit freundlichen Grüßen, Ihre Lügenpresse«). Der aktuell unbestrittene Hassinkubator Nummer eins, ­Facebook, verhält sich mit dem Ruf nach »Counter Speech« mindestens hilflos. Die Standardantwort lautet: »Wir haben den von dir wegen Hassbotschaften und -symbolen gemeldeten Kommentar geprüft und festgestellt, dass er nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt«. Danke! Help yourself. Aber wie? Der Einzelne beendet vielleicht mal eine Freundschaft in einem sozialen Netzwerk oder beleidigt – dann aber meist inflationär – irgendwie zurück (gegen Hass als Gegenhass). Manche halten gar Ignorieren für erfolgversprechend. Vielleicht auch nur aus Angst: »Bei Kommentaren (…), die Gewalt verherrlichen oder zu Gewalt aufrufen, bleiben diese Reaktionen oft aus, eben weil die Nutzer sich davor fürchten, selbst angegriffen zu werden«, sagt Erin Saltman, die am Londoner Institute for Strategic Dialogue über Hasskommentare und Radikalisierung im Netz forscht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Gerade noch galten die Verheißungen des Netzes – und jetzt? Hetze und »Lügenpresse«-Rufe an vielen Ecken. Dass das Internet sich ja vielleicht gar nicht als Raum für aufgeklärte Debatten eignet; dass die Mehrdimensionalität der digitalen Kommunikation nicht nur einfach mit cleveren Kommunikationsstrategien des Absenders und toller Mehrfachverwertung von Inhalten durch die Redaktionen zu bestreiten ist; dass der Versuch, Besserung nur über Verregelungsorgien zu erreichen, sinnlos ist; dass bislang noch nicht etablierte oder gar erfundene Moderationsformen erforderlich sind – all das hat sich jenseits der Plattform Parlio („A community for the curious,
civil, and open minded“) noch nicht ausreichend herumgesprochen.

Shakespeare’sche Härte

Bis heute muss man so schlicht von einer geradezu apathischen Kapitulation vor den Hatern unserer Zeit sprechen. Dieses kleinlaute Aufgeben gilt einerseits dem Otto-Normal-Hasser. Unklar ist, ob dieser wirklich aus dem »Verbitterungsmilieu« (Heinz Bude) außerhalb der »Vertrauensgesellschaft« (Alain Peyrefitte) kommt oder doch einfach jemand aus »unserer« Mitte ist. Vielleicht reicht es, ihn konfrontationstherapeutisch mit seinen Ängsten und verbalen Ausbrüchen zu konfrontieren, und er erwacht aus seiner Panikattacke, seinem bösen Traum. Die Segel werden andererseits gegenüber den Hassprofis und -managern gestrichen. Sie organisieren die »Ablehnungsgemeinschaften« (Markus Linden) erfolgreich und reichern sie mit wirkungsvollen Frames und ideologischem Futter an. Ein florierendes Geschäft. Wo bleibt die Einsicht, dass der Umgang mit Hass allen (den Medien, der Politik, den Unternehmen, vor allem aber uns selbst) Arbeit machen und einiges kosten wird? Wir müssen das leisten und investieren, neue Ideen entwickeln, schlau und gestaltend – aber nach William Shakespeares Parole »Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht« eben auch konsequent und hart.

Foto: Sarah Deer, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Christian Neuner-Duttenhofer

Christian Neuner-Duttenhofer ist auf Probe. Er leitet die Weiterbildungsakademie für Politik und Management GreenCampus der Heinrich-Böll-Stiftung. Daneben arbeitet er als Coach und Politikberater.

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