Hass | You talkin‘ to me?

Der derzeit vor allem im Netz grassierende und auf (Dorf-)Straßen Sachsens und anderswo grenzdebil ausagierte Hass konfrontiert die davon Angewiderten mit einem Problem von moralphilosophischer Relevanz: Darf man diese Hassbürger_innen ihrerseits hassen? Oder soll man ihnen stattdessen mit nüchterner Kritik, Toleranz oder gar Nächstenliebe begegnen?

Die neue Unübersichtlichkeit

Thomas Hoffmann hat jüngst in diesem Magazin die Deutung nahegelegt, auch ein entsprechender Gegenhass ginge »ad hominem«. Deshalb sei dieser Hass »unkultiviert«. Ein altes deutsches Sprichwort besagt: »Wer viel hasst, trägt viel Last«. Diese Warnung zielt auf empfindliche Einbußen an Lebensqualität auf Seiten der Hassenden. Und wenn Berti Vogts fordert: »Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben«, dann spürt der ehemalige Bundestrainer zwar einem subtilen und heiklen Zusammenhang von Hass, Hooliganismus und sexuellem Frust nach. Doch hier soll eine dezidiert moralische Frage im Mittelpunkt stehen: Darf man das – denn Hasser hassen?

Gegenhass1

Die einen hassen pauschal jeden der hier ankommenden Flüchtlinge und jubeln stattdessen Idioten wie Akif Pirinçci und Lutz Bachmann zu, die anderen hassen Idioten wie Akif Pirinçci und Lutz Bachmann und jubeln stattdessen pauschal allen der hier ankommenden Flüchtlingen zu. Beides ist ein wenig unreflektiert und politisch voreilig, aber man spürt sogleich, das nicht beide Fraktionen gleichermaßen »im Recht« sind (abgesehen davon – was aber in der Moral völlig unerheblich ist –, dass sie einem nicht auch gleichermaßen sympathisch sind). Das mag auf den ersten Blick am Unterschied der politischen Gesinnungen liegen, aber im Folgenden soll deutlich werden, dass die erste Fraktion schlicht einen kognitiven Fehler begeht: Sie hasst die Falschen.

Lieblose Negativität

Aus psychologischer Sicht wird oft vermutet, dass der Hass eine biografische Antwort auf nicht verarbeitete Kränkungen im früheren Leben ist, die später dann weitgehend auf Unschuldige – eben die »Falschen« – projiziert werden. Davon können der Taxi Driver oder auch Die Ärzte ein Lied singen: »Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe«. Der Hass ist zudem, wie Aurel Kolnai schreibt, ein »Superlativ der Entfernung«. Mit Entfernung ist dabei zweierlei gemeint: »auf Distanz gehen»«, aber auch »wegschaffen«. Eine Person, die hasst, will sich in maximale Distanz begeben, indem sie das, was sie hasst, nicht bloß von sich weist, sondern – ob imaginär oder real – vernichtet. Im Gegensatz zur Liebe, in der ein anderer Mensch kritiklos bejaht wird, wird dieser im Hass ebenso unreflektiert verneint. Und in dieser Unreflektiertheit liegt meist das Problem: Wer anonyme Flüchtlinge hasst, die einem rein gar nichts getan haben, hat nicht verstanden, dass man gar nicht hassen kann, was man nicht kennt.

Volles Hasskaracho

Wenn diese Projektionen keine psychotischen Hirngespinste sein sollen, muss der verhasste Andere, auch wenn man ihn nicht kennt, irgendwie doch für mich und mein Leiden schuldig gemacht werden; er muss mir konkret etwas Böses wollen. »Verteufelt« wird die unselige Verantwortung des Anderen für mein jeweils eigenes, misslungenes Leben. Eben dieser konkrete Schuldzusammenhang fehlt aber in den anonymen Troll-Foren des Internets und überall dort, wo derzeit eine neue Allianz von Hass und Systemkritik inszeniert wird (abgesehen davon, dass die mit touretteartigem Karacho ausgekotzten Hasstiraden meist in direktem Verhältnis zur Vernünftigkeit der attackierten Meinungen stehen). Weil aber dieser konkrete und somit nicht-anonyme Schuldzusammenhang fehlt, muss er eigens paranoid konstruiert werden: »Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg, klauen unsere Autos, infiltrieren unsere Kultur, vergewaltigen unsere Frauen und Kinder« usw.

Es gibt kein richtiges Hassen im falschen

Diese Konstruktionen sind und bleiben Konstruktionen – sie rechtfertigen den Hass nicht. Gerechtfertigt wäre dieser allenfalls dann, wenn die verhasste Person nachweislich für mein verpfuschtes Leben mitverantwortlich wäre. Damit ist die Menge objektiv hassenswerter Menschen von vornherein beschränkt: Im Fall anonymer Flüchtlinge ist diese Verantwortung schlicht nicht gegeben. Auch ein Satz wie: »Ich hasse Lady Gaga!« ist Quatsch. Wie aber verhält es sich mit Blick auf den rechtsradikalen Mob? Ich selbst kenne niemanden davon persönlich, daher wäre »Hass« in meinem Fall auch nicht das richtige Wort (sondern »Verachtung«). Flüchtlinge hingegen, die akut bedroht werden, dürfen ihre Peiniger hassen. Mutige Gegendemonstrant_innen auch. Ähnliches gilt für viele Einwohner Dresdens, die sich in ihrer Stadt zunehmend unwohl fühlen. Warum sollte man da nicht hassen dürfen? Der Hass selbst ist formal in dem Sinn, dass er nicht per se moralisch schlecht oder gut ist. Selbst wenn er immer unkultiviert, unsympathisch und auch subjektiv Gift wäre: Man darf hassen, aber nur dann, wenn man die Richtigen hasst. Und wer auf widerwärtige Weise die Falschen hasst, ist am Ende vielleicht selbst der Richtige, um gehasst zu werden.

Foto: Arnd Pollmann

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

3 Kommentare

  1. Hoffmann · November 12, 2015

    Also ich hasse Lady Gaga!!! Denn sie ist eine Idee, die die ganze Degeneration des zeitgenössischen Pop darstellt: schlechte Musik, alberner Show, altbackene Pseudoprovokationen und popmusikalisch langweilige Reminiszenzen, umzwirbelt von all dem inhaltslosen elektronischen Kommunikationsfirlefanz der Gegenwart. Sofern man auch nur ansatzweise über popkulturellen Geschmack verfügt, ist es nicht nur erlaubt, sondern vielmehr geboten, Lady Gaga zu hassen. Stefani Germanotta sollte man indes nicht hassen, sondern für ihre Ideen kritisieren, wodurch man sie ja auch zugleich als Person achtet.

    • Arnd Pollmann · November 12, 2015

      Also ich bin, wie immer, beeindruckt, dass du das so schön auseinanderhalten kannst! Nach meiner These müsste da gleichwohl irgendeine “Bindung” zu ihr bestehen…

  2. Chris Neuhäuser · November 12, 2015

    Thomas Hoffmann hasst Lady Gaga ungefähr so wie ich Schweizer Schokolade. Das ist eine eher niedliche Form des Hassens. Wir sollten sie also verniedlichen, und zwar durch Wegfall eines ‚S‘. Es ist kein Hassen, sondern ein Hasen. Allerdings müsst ich dann schreiben: Thomas Hoffmann hast Lady Gaga. Das klingt so, als beherrschte ich die deutsche Sprache besonders schlecht. Wir sollten also das lange ‚A‘ betonen. Thomas Hoffmann haast Lady Gaga.