Hass | Blood for Blood

Warum hassen Menschen? Die meisten von »uns« kennen das wahrscheinlich gar nicht richtig – so einen richtigen Hass. Klar sagen wir das immer wieder oder denken es zumindest. Wenn eine Kollegin mal wieder den Lieblingsbecher benutzt hat, dann denkt man: »Ich hasse sie«. Wenn der Partner einem diese leckere Schokolade aus der Schweiz mitgebracht hat, obwohl man extra fünfmal betont hat, er solle das sein lassen, weil man ja auf Diät sei, dann sagt man: »I hate you!« Doch das kann ja nicht gemeint sein. Hass ist doch etwas anderes, etwas Abgrundtiefes, Existentielles. Und so. Für den durchschnittlichen wohlstandsgesättigten Mitteleuropäer ist es aber gar nicht so leicht, zu verstehen, wie der ist, dieser Hass. Dafür scheint es an der nötigen Tiefe zu fehlen, an Abgrundtiefe quasi.

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Was macht sie also, die Wohlstandsmitteleuropäerin? Sie sucht nach literarischen Quellen, mit deren Hilfe sie sich in die fremde Welt des Hasses einfühlen kann. Als solch eine Quelle recht vielversprechend erscheint schon auf den ersten Blick der Songtext »Some Kind of Hate« von der Band »Blood for Blood«. Die Jungs aus Boston scheinen es ernst zu meinen mit dem Hass. Den Eindruck hat man auch, wenn man sich das Lied anhört (auf eigene Gefahr). Die Band bezeichnet ihren Stil selbst übrigens als »White Trash Hardcore Rock’n’Roll«. Auch das klingt aussichtsreich für eine Textanalyse, die uns echten Hass zu Tage fördern soll. Hier also der Liedtext: »There’s no way out / I got some kind of hate / I got some kind of hate / I got some kind of hate and I hate the whole human race«. Alles klar soweit. Mal sehen, wie es weitergeht: »I got some kind of hate / I got some kind of hate / I got some kind of hate and I hate the mother fucking human race / So let’s go«.

Der Hass als Stilmittel

Doch schon ziemlich viele Wiederholung bereits in der zweiten Strophe. Aber das ist als Stilmittel schon ok. Macht Dostojewski ja auch so. Darüber hinaus zeigt sich immerhin noch, dass die Band der Kulturtheorie von Sigmund Freud nahe zu stehen scheint. Das wird deutlich in der Zeile mit der Menschheit und der ihr doch recht global zugeschriebenen Aktivität. Wie sich jedoch das »There‘s no way out« am Anfang des Liedes und das »So let’s go« in dieser Strophe zueinander verhalten, das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ziemlich unklar: »Y‘ know I got some bad ideas burning deep in my black heart / Well, evil is as evil’s gonna do now / Y‘ know I try to do my part. HA HA! / And I’m a time bomb tickin’… BOOM! / I been tickin‘ to the sounds of the rock and roll… OH NO! / I think I’m gonna explode… OH NO! / I THINK I’M GONNA EXPLODE!«.

Ein Hoch auf die Asozialität

Ok, hier braut sich Böses zusammen. Das wiederholte »OH NO« und der löbliche Anspruch, immerhin zu versuchen, seinen Beitrag zu leisten, zeigen zugleich ein fortbestehendes faustisches Dilemma an: »You call me anti-social, well you’re fucking right! / ‚Cause I hate this goddamned world and everything in sight / and every one in sight / You call me anti-social, well you’re fucking right! / ‚Cause I hate this mother fucking world and every mother fucker in sight!«. Das mit dem »anti-social« hatten wir ja schon geahnt, aber jetzt ist es raus. Auch die vorgebrachte Begründung dafür leuchtet unmittelbar ein. Was die Band jedoch dazu veranlasst hat, die Freud‘sche Kulturtheorie in dieser Strophe kosmologisch auszudeuten und vor allem: wer in dieser Kosmologie dann die Mutter der Welt ist, das – so viel sei verraten – wird auch später im Lied nicht mehr aufgelöst.

Iteration und Exklusion

»I got some kind of hate for the human race / I never found a place in the human race… / Maybe it’s too late for the human race / I never found a place in the human race«. Jetzt endlich und pünktlich in der vorletzten Strophe kommen wir dem Hass auf die Spur. Das Grundmotiv hat die Band durch eine kunstvoll angelegte Iteration hervorgehoben. Quell des Hasses ist der soziale Ausschluss, die Erniedrigung, die Entmenschlichung, der soziale Tod. In Wahrheit natürlich nicht so überraschend, diese Botschaft, aber wohl wahr. Darum können wir Wohlsituierten es auch nicht so richtig, das Hassen. Bleibt nur noch eine Frage: Wie kommen die Ausgeschlossenen denn raus aus ihrer Misere und rein in die gute Stube der Menschheit? Zum letzten Mal also »Blood for Blood«: »Sometimes I wish I could just turn my back and run / Just turn my back and run away / Sometimes I feel like I just gotta gotta get a gun / and reach the top of the world my own way«.

So let’s go

Die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme in den (mütterlichen?) Schoss der Gesellschaft scheint gar nicht auf der Agenda zu stehen. Da bleiben nur Flucht oder Aggression als die ultimativen Alternativen. Doch wie soll man vor der Menschheit davon laufen? Der Kreis des Liedes schließt sich: »There‘s is no way out… So let’s go«. Natürlich kann man sich leicht über solch ein Lied lustig machen und lieber schleunigst mit der eigenen Unfähigkeit zum richtigen Hassen abfinden. Wenn man sich dieses Lied jedoch anhört (auf eigene Gefahr), dann kriegt man vielleicht auch als Wohlstandsbürgerin, aber nur ganz vielleicht – und aller musikalischen Mängel zum Trotz – tatsächlich ein Gefühl dafür, wo der Hass herkommt.

Foto: http://fleet-feet.deviantart.com

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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