Hass | Die Kunst des Hassens

Vor einiger Zeit behauptete ich in diesem Magazin, dass auch für die denkfaulen Nachtwanderer aus Dresden und andernorts das Licht der Aufklärung wieder aufgehen müsse, da diese so genannten Wutbürger ansonsten die weitaus größte Gefahr für das so genannte christliche Abendland darstellen. Nun, bisher ist ihnen leider kein Licht aufgegangen. Im Gegenteil: Es ist noch viel dunkler um sie geworden. Ihr Geist (bzw. das, was davon übrig ist) schimmert jetzt so dunkelbraun, dass man nicht einmal mehr in uneigentlicher Rede noch länger von »Wutbürgern« sprechen kann, sondern von »Hassbürgern« sprechen muss. Der Hass, den sie momentan stärker denn je in Wort und Tat öffentlich ausleben, gehört freilich zu dem Widerwärtigsten, was dieses Land aktuell zu bieten hat. Dieser Hass ist nicht nur dumpf, nationalistisch, rassistisch und allzu oft faschistisch, sondern auch stets würde- und nicht selten körperverletzend. Es ist Hass, der sich in Wort und Tat gegen menschliche Personen richtet und sie dabei als Personen negiert. Es ist Hass ad hominem – persönlicher Hass.

Richtig Hassen

Persönlicher Hass ist nicht nur ein Laster des Hasserfüllten. Er ist auch die Triebfeder für die schrecklichsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Und daher wäre die Welt gewiss ein besserer Ort, gäbe es diesen Hass nicht. Allerdings sollte uns diese wichtige und richtige Einsicht nicht dazu verleiten, den Hass an sich in Bausch und Bogen zu verdammen; wie es der links-liberale Bürger ja leider nur allzu schnell tut. Verteufelt man nämlich den Hass als solchen, so wird er zum Tabu. Und dann weiß man beim Hass gar nicht mehr, wo hinten und vorne ist. Man hat dann keine Ahnung mehr, wie man eigentlich gut hasst und was man überhaupt zu Recht hassen darf. Und das ist dann ein bisschen wie mit dem Sex. Da wussten die Menschen im so genannten christlichen Abendland ja auch jahrhundertelang nicht mehr, wo hinten und vorne ist. Denn es war tabu, sich öffentlich zu seinen sexuellen Vorlieben zu bekennen und sich darüber auszutauschen. Das sollte uns jetzt aber nicht noch einmal mit dem Hass passieren! Und daher scheint es mir eigentlich geboten, endlich ein Kamasutra des Hasses zu verfassen. Da dies allerdings nicht nur den Rahmen dieses Magazins, sondern auch mein momentanes Stehvermögen übersteigen würde, müssen wir uns jetzt leider mit ein paar kurzen, aber dafür umso wichtigeren Anmerkungen begnügen.

viva_hate

Beginnen wir zunächst einmal mit der folgenden tiefen Einsicht: Auch Hassen macht uns als Individuum aus. Und zu hassen ist auch völlig in Ordnung, sofern sich unser Hass nicht gegen Personen richtet, also persönlicher Hass ist. Aber natürlich sollte er auch nicht zur fanatischen Fixierung werden. Denn Fanatismus ist recht echauffierend. Und Fixierungen sind selten gesund. Auch hier sollten wir deshalb die gediegene Mitte zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig finden. Wenn uns dies jedoch gelingt, dann können wir auch mit ruhigem Gewissen allerlei Dinge, Ereignisse, Absichten, Handlungen und Ideen hassen. Das ist gar nicht schlimm! Da muss man sich als links-liberaler Bioladenkunde nicht gleich ins vegetabile Tweedsakko machen. Man muss es einfach nur zulassen! Es einfach mal raus lassen! Und dann aber freilich auch kultivieren. Denn mit dem Hass ist es nicht wesentlich anders als mit Sex, Wein oder Briefmarken. Man muss eine gewisse Kennerschaft der Materie entwickeln, um zu wissen, was man hassen darf, ja, vielleicht sogar muss.

Hits des Hasses

Wenn es um hassenswerte Dinge geht, empfehle ich, neben ABC-Waffen das Laubgebläse ganz weit oben in der Top-Ten-Liste zu platzieren. Denn es dient lediglich dazu, um sieben Uhr morgens mit der Lautstärke eines startenden Flugzeugs die ihm zugedachte Aufgabe schlechter zu erfüllen als es einst der so stille Besen tat. Bei Ereignissen sollte hingegen unbedingt das Brunch-Buffet eine Top-Platzierung erhalten. Denn erstens tritt es tageszeitlich viel zu spät ein. Zweitens ist es zumeist ein dekadentes Schwelgen im nur mäßig wohlschmeckenden Überfluss. Und drittens kommt man zwangsläufig den Ellenbogen solcher Persönlichkeiten näher, um die man bei einem ordentlichen Frühstück einen großen Bogen machen würde. Die Zahl hassenswerter Absichten ist indes vermutlich größer als die Menschheit, weshalb ich mich auch schwer tue, hier eine klare Empfehlung für die Top-Ten-Liste abzugeben. Ganz sicher jedoch haben die Absichten der weiter oben erwähnten Hassbürger hervorragende Chancen auf eine ziemlich hohe Platzierung. Das gilt ebenso für ihre Handlungen. Und auch wenn es um ihre politischen Ideen geht, sollten wir die bereits oben angedeuteten Ismen zu Top-Kandidaten küren: Nationalismus, Rassismus und Faschismus kann man ebenso getrost und reinen Herzens hassen, wie z.B. auch Sexismus, Antisemitismus, Kapitalismus und Bellizismus. Haben wir es indes nicht mit politischen, sondern ästhetischen Ideen zu tun, so darf man einfach frank und frei alles hassen, was nicht gefällt oder abstößt. Das ist das Schöne an der Kunst.

Bild: Louise Salisbury, www.pinterest.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

4 Kommentare

  1. Roland Walkow · November 2, 2015

    Hass ist ok? Hassen ist sogar eine Kunst? Und was ist das für ein Text? …eine Hasspredigt? Der obige Text ist ein schönes Beispiel, wie schmal der Grad zwischen Ironie und Zynismus ist.

    • Hoffmann · November 2, 2015

      Und was für ein Text ist dieser Kommentar? Ein schönes Beispiel für Kritik? Oder für Lob? Oder gar für eine Liebeserklärung? Ist der zweite Teil des Kommentars irgendwie verloren gegangen? Dieser hätte doch sicherlich wie folgt lauten müssen: „Umso beeindruckender ist es, wie der Autor elegant und filigran auf eben jenem schmalen Grad entlang balanciert, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Das ist polemisches Slacklining auf allerhöchstem Niveau. Chapeau!“ Oder etwa nicht?

      • Roland Walkow · November 2, 2015

        Nein, eher nicht. Mein Kommentar war ein Hinweis auf die Ambivalenz des Textes, dass man ihn entweder als ironisch augenzwinkernden Kommentar zur derzeitigen Konjunktur des Hasses lesen kann oder auch als weitere Befeuerung dieser Hasskonjunktur. Im letzteren Fall würde es sich um eine Hasspredigt handeln. Da ich jedoch niemanden in seiner Rezeption des Textes beeinflussen möchte, habe ich es als Frage in den Raum gestellt und der geneigte Leser möge sie sich selbst beantworten.

        Mit anderen Worten, ich habe lediglich eine rhetorische Frage gestellt. Seltsam, dass jemand, der sich für einen Meister der Rhetorik hält, bei so einem billigen Köder anbeißt. Da scheint es ja mit der rhetorischen Eleganz und Filigranität nicht sehr weit her zu sein. Und offenbar traut der Autor seinen Lesern nicht zu, dass sie diese Eleganz und Filigranität selbst erkennen. Wieso muss er die eigenen ziemlich illusorischen Prätentionen des Textes sonst seinen Lesern unter die Nase reiben?

        Wie heißt es so schön: Selbstlob stinkt. Da Sie nicht in der Lage sind Sarkasmus zu erkennen, dann also für Sie zum Mitschreiben lieber Herr Hoffmann: Ihr Text ist Bullshit. Von Harry G. Frankfurt haben Sie ja hoffentlich schon mal gehört. Was hier geboten wird, ist Philosophie auf Pennälerniveau; so tiefgründig wie eine Pfütze auf dem Gehweg.

        • Hoffmann · November 2, 2015

          Lieber Herr Walkow, haben Sie herzlichen Dank! Jetzt ist mir ein wenig klarer, um welche Art von Text es sich bei Ihrem Kommentar handelt. Darf man das schon eine »Hasstirade« nennen? Wenn ja, so möchte ich darauf mit Begeisterung und meinem natürlichen Hang zur Harmonie reagieren, indem ich mir folgenden Punkt aus Ihrem Kommentar heraussuche: Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie schreiben, dass Selbstlob stinkt! Aber trauen Sie mir denn wirklich zu, ich würde den geschätzen Leser_*Innen und vor allem mir selbst (!) etwas so Übelriechendes ernsthaft unter die Nase reiben? Ich bin doch kein olfaktorischer Masochist! Was war es aber dann, wenn es kein ernsthaftes Selbstlob war? Richtig und Tatatataaa, lieber Herr Walkow: Es war auch wieder Ironie! Wie konnte Ihnen das entgehen? Liegt es daran, dass (wie Sie selbst völlig zutreffend schrieben) der Grad zwischen Ironie und Zynismus schmal ist? Zugegeben: Ironie ist nicht immer leicht zu erkennen. Das heisst allerdings noch lange nicht, dass man sich gleich in Zynismus flüchten darf. Ist es aber nicht blanker Zynismus, wie in Ihrem Kommentar Pennäler und Pfützen diffamiert werden? Ich kann dazu nur sagen, dass ich in meinem bisherigen Leben sehr wohl schon Pfützen auf Gehwegen kennengelernt habe, deren Grund durchaus sehr tief lag. Ebenso habe ich von Schülern gehört, die philosophische Gedanken formulierten, deren Niveau der Tiefe des Grundes besagter Pfützen in nichts nachstand. Ich meine, wir sollten uns davor hüten, derart arrogant auf Pfützen und Pennäler herabzublicken. Daher wäre es mir auch unangenehm, würden die geschätzen Leser_*Innen glauben, mein Ehrgeiz bestünde darin, in unserem »philosophischen Magazin für die schiefe Ebene« fachwissenschaftliche Aufsätze zu präsentieren, um das schwindelerregend hohe Niveau und die nicht minder schwindelerregende Tiefe meines philosophischen Denkens unter Beweis zu stellen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Leser_*Innen bereits mitbekommen haben dürften, dass dieses Magazin keine elektronische Variante einer akademischen Fachzeitschrift ist. Wir versuchen vor allem, unterhaltsame, zugleich aber auch philosophisch informierte Polemiken vorzutragen, zu denen man ja auch durchaus Frankfurts kleine Bullshit-Abhandlung rechnen muss. Wer hier also mangelnde Tiefe beklagt und Hassreden gegen Pfützen schwingt, sollte besser trockene Fachaufsätze lesen (obgleich es mit der philosophischen Tiefe ja auch dort nicht immer so weit her ist).