Gute Vorsätze | Das Glück, schwach zu werden

Meine guten Vorsätze für 2016? Ich hab keine. Ich habe in der Silvesternacht lecker gegessen und hedonistisch Sekt getrunken – ohne feste Vorsätze zu fassen. Wie konnte ich nur? Ich kann das. Und zwar jedes Jahr. Bin ich denn so willensschwach, das es nicht einmal für Vorsätze reicht, geschweige denn für deren Umsetzung? Oder weiß ich gar nicht, was ich will?

Wunschdenken zweiter Ordnung

Wenn man dem amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt glaubt, dann ist es nicht nur für das Handeln problematisch, nicht zu wissen, was man (tun) will. Es ist zudem eine echte Bedrohung der eigenen Identität als Person. Eine »Person« ist nach Frankfurt nämlich quasi ein strukturierter Wille. Wer eine eindeutig identifizierbare Person ist, hat Wünsche »erster Ordnung« (lecker essen, trinken, rauchen etc.) und Wünsche »zweiter Ordnung«, mit denen die Person festlegt, was sie tatsächlich auch »wollen will« (gesund essen, in Maßen trinken). Und sie weiß genau, welche der eigenen Wünsche auch handlungswirksam werden sollen (z.B. nicht der Wunsch, zu rauchen). »Willensschwäche« wird da zu einem echten Problem. Das eigentliche Gegenteil einer Person ist aber laut Frankfurt der wanton. Das ist derjenige, der sich impulsiv von einem Wunsch zum anderen treiben lässt und dem es nicht gelingt, eine hierarchische Ordnung in all dieses Wollen zu bringen.

post-it

War z.B. Lemmy Kilmister – trotz seines legendär liederlichen Lebenswandels – ein wanton oder auch nur eine willensschwache Person? Wahrscheinlich eher nicht, denn er wäre vermutlich als Musiker nicht so erfolgreich gewesen, wenn Hardrock bzw. der Wunsch ein authentischer (tatsächlich allen Klischees entsprechender), extrem populärer und vermutlich auch gut bezahlter Hardrocker zu sein, nicht vielen seiner anderen Wünsche und Impulse übergeordnet gewesen wäre. Kann man so ein gradliniges Rockerleben überhaupt ohne einen starken Willen durchziehen? Oder nimmt einer wie Lemmy es sich vor, möglichst wild und impulsiv zu leben. Und ab und zu ist dieser reine, wilde Wille dann doch zu schwach, Vernunft und Disziplin setzen sich durch, und dann zieht er plötzlich ganz aus Versehen all seine Konzerttermine brav durch oder macht sogar noch seine Steuererklärung?

Umgekehrt wird ein Schuh draus

Die Philosoph*innen Nomy Arpaly und Timothy Schroeder sagen, es gebe auch ein Phänomen »inverser Akrasie«. Dabei werde nicht einfach die Willensschwäche zur Willensstärke umgekehrt (deshalb ist der Begriff »inverse Akrasie« leider auch etwas irreführend), sondern das eigentlich »verkehrte« Ergebnis der Akrasie wird auf den Kopf gestellt. Die Willensschwäche führt hier also gerade nicht dazu, dass man nicht tut, was eigentlich richtig wäre. Das Standard-Beispiel dazu ist: Huckleberry Finn ist ein echter Südstaatler, der überzeugt ist, dass Sklav*innen minderwertig sind und entsprechend behandelt werden sollen. Als er sich mit dem entlaufenen Sklaven Jim anfreundet, widerspricht das seinen »Wünschen zweiter Ordnung«: Er will es eigentlich nicht, er hält es für falsch. Aber es gelingt ihm nicht, das, was er für richtig hält, umzusetzen. Für die Leser*innen dieser Geschichte ist also folgende Interpretation möglich: Aus Nachlässigkeit seinen Überzeugungen gegenüber und aus Willensschwäche, ergibt sich eine Freundschaft über alle Vorurteile hinweg. Daraus wiederum resultiert Hilfe für Jim – und damit etwas Gutes.

Geschenkt

Vielleicht aber ist Huckleberry Finn gar nicht willensschwach, sondern die Hierarchie seiner Wünsche hat sich nur klammheimlich, ohne seine bewusste Entscheidung, verschoben? Freundschaft und Menschlichkeit sind ihm – quasi aus Versehen – wichtiger geworden als seine frühere Sklavenhalterehre? Unabhängig davon, wie es in diesem Fall tatsächlich aussieht, kann man sich prinzipiell sehr gut vorstellen, dass aus Willensschwäche manchmal etwas Gutes hervorgeht. Vielleicht sind die Vorsätze, die wir dann vernachlässigen, uns nicht nur gar nicht so wichtig. Vielleicht sind manche Vorsätze auch gar nicht so gut für uns, wie wir glauben (z.B. weil wir dick und nervös und unerträglich für unsere Mitmenschen würden, wenn wir nicht mehr rauchten). Willensschwäche kann manchmal ein Geschenk sein, besonders für denjenigen, der davon profitiert, dass jemand nicht getan hat, was er oder sie eigentlich wollte.

Ein Toast auf die Willensschwäche

Mal ganz ehrlich: Ich bin so ziemlich das genaue Gegenteil von Lemmy Kilmister. Ich bin brav und ordentlich, pflichtbewusst und selbstdiszipliniert. Ich fühle mich von dem gefährlichen Phänomen der Willensschwäche nicht sonderlich betroffen. Ich fasse keine Silverstervorsätze, weil ich mir sowieso sehr häufig so einiges vornehme. Ich notiere es akribisch auf gelben Klebezettelchen, und in der Regel setze ich es dann auch nach und nach entsprechend um. Ich leide noch nicht einmal unter einer besonders ausgeprägten Form von Prokastrination. Und ja, es kann schon sein, dass man manchmal für ein entsprechend »vernünftiges« Verhalten eher geachtet als geliebt wird. Ich nehme mir also jetzt einfach mal vor, mir nicht zu viel vorzunehmen, und wünsche uns allen das Glück eines schwachen Willens – wo auch immer das, was wir eigentlich wollen, uns in die Irre führen würde.

Foto: Michael Arrighi, www.flickr.com, CC BY 2.0

 

Zur Person Katharina Bauer

Katharina Bauer will verstehen, wie moralische Akteure sich selbst verstehen – in der Behauptung “Hier stehe ich, ich kann nicht anders”. Zur Zeit ist sie Feodor-Lynen Fellow der Alexander von Humboldt-Gesellschaft.

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