Gute Vorsätze | Fehlende Übung

Viele Hochschuldozent*innen wissen das aus langjähriger Berufserfahrung: Das Wintersemester unterscheidet sich in vielfacher Weise vom Sommersemester. Es erscheint viel länger, es ist deutlich kälter, und es lässt sich mit zwei Buchstaben abkürzen, nämlich als WS, während man das Sommersemester mit vier Buchstaben, und zwar SoSe, abkürzt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass das Wintersemester durch die Weihnachtferien und den Jahreswechsel unterbrochen wird. Das hat den netten Nebeneffekt, dass man als Dozent*in unmittelbar mit den guten Vorsätzen der Studierenden zu tun hat, nämlich in der Gestalt, dass nach den Ferien plötzlich wieder viel mehr Studierende in den Seminaren sitzen als unmittelbar vor den Ferien. Das gilt zumindest für all die Universitäten, die keine Anwesenheitspflicht besitzen. An diesen ehrwürdigen Institutionen ist es durchaus üblich, dass ab Semesterbeginn von Sitzung zu Sitzung immer weniger Studierende zu den Seminaren kommen, bis am Ende des Semesters nur noch halb so viele Studierende teilnehmen wie noch zu Anfang.

Wintersemester

Nur nach den Weihnachtsferien, da ist das anders. Da herrschen die guten Vorsätze. Da kommen sie dann noch einmal alle. Oder fast alle. Allerdings nur so ungefähr zwei bis drei Wochen lang. Danach ist man ganz plötzlich wieder bei derselben Teilnehmerzahl wie vor Weihnachten gelandet, die bis zum Semesterende dann auch wieder brav weiterschrumpft. Zwei Sachen sind Hochschuldozent*innen also ganz klar: Es gibt sie, die guten Neujahrsvorsätze, zumindest unter Studierenden. Und: Ihre Halbwertszeit ist ziemlich kurz, zumindest was das Studium betrifft.

Gute Vorsätze und betrübliche Aussichten

Für Hochschuldozent*innen der Philosophie sind diese beiden Alltagsweisheiten leicht betrüblich. Denn eigentlich sollten es Philosophiestudierende besser wissen und nicht glauben, sie könnten zu einem ganz beliebigen Zeitpunkt wie dem 1. Januar allein Kraft ihres Willens einen Plan in die Tat umsetzen, der ihr ganzes bisheriges Leben vollständig über den Haufen wirft. Das sollten sie schon in ihrer Auseinandersetzung mit Aristoteles gelernt haben, der ständig darauf hingewiesen hat, dass sich Tugenden nur durch stetige Übung ausbilden lassen. Einmal im Jahr den guten Vorsatz zu fassen, regelmäßig zu den Seminaren zu gehen, reicht überhaupt nicht. Vielmehr muss man jede Woche aufs Neue fest planen und sich selbst überwinden, solange bis einem diese Sache zur »zweiten Natur« geworden ist – vorausgesetzt, man möchte wirklich jemand sein, der regelmäßig zu Seminaren geht. Das ist nämlich gar nicht so klar, und auch darüber täuschen gute Vorsätze hinweg.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Dabei hat eigentlich schon David Hume es besser gewusst: Was andere Menschen wirklich wollen oder nicht wollen, das findet man nicht heraus, indem man ihnen zuhört bei dem, was sie sagen. Vielmehr muss man sich anschauen, was sie tatsächlich tun. Der Clou bei Hume ist nun, dass es seiner Meinung nach bei einem selbst genauso funktioniert. Wenn man sich jedes Jahr aufs Neue vornimmt, mit dem Rauchen aufzuhören, mit dem Sport anzufangen, netter zu den Mitmenschen zu sein und zu den Seminaren zu gehen, dann sagt das noch gar nichts. Wenn man wissen möchte, was man wirklich will, dann muss man mindestens bis Mitte Januar und besser noch bis Ende Februar warten und dann schauen, was man wirklich tut. Vielleicht ist man in Wahrheit nur die ersten beiden Wochen des Jahres ins Seminar gegangen, so könnte sich da herausstellen, weil man seinen neuen tollen Computer vom Gabentisch vorzeigen wollte.

Irrationale Vorsätze zur Ehrenrettung

Aristoteles und Hume lassen unsere Neujahrsstudierenden in keinem besonders guten Licht erscheinen. Für die gewieften unter ihnen bleibt aber noch ein Ausweg. Sie können sich mithilfe der Überlegungen von Gregory Kavka, einem amerikanischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, retten. Der war der Meinung, dass man sich nichts vornehmen kann, was man nicht auch wirklich fest beabsichtigt. Außerdem kann man nicht fest beabsichtigen, was offensichtlich irrational ist. Er gibt dafür das Beispiel eines Mannes, der sich für einen hohen Geldbetrag als Gegenleistung vornimmt, ein paar Tage später ein Gift zu trinken, das zwar nicht tödlich ist, aber starke Schmerzen verursacht. Kavka meint nun, man könne sich nur dann vornehmen, dieses Gift zu trinken, wenn man auch wirklich die ganz feste Absicht hat, das ein paar Tage später zu tun. Diese Absicht aber könne man gar nicht haben, weil es einfach irrational sei, sich solch einer schmerzhaften Tortur zu unterziehen. Diesen Gedanken von Kavka können unsere Studierenden für ihre Zwecke als Argument missbrauchen: Sie hätten sich am Anfang des Jahres vorgenommen, wieder zu den Seminaren zu gehen, weil sie irrtümlicherweise glaubten, das sei gut für ihr Studium. Immerhin hätte es ja sein können, dass die Dozierenden aufgrund ihrer eigenen guten Vorsätze jetzt alles besser machen. Spätestens Mitte Januar seien sie, die Studierenden, jedoch eines besseren belehrt worden. Daher sei es einfach irrational, weiterhin zu den Seminaren zu gehen. Mit fehlender Tugendhaftigkeit oder mangelnder Selbstkenntnis habe das nichts zu tun. Damit könnten die Studierenden immerhin Recht haben.

Foto: Brett Jordan, www.flickr.com, CC BY 2.0

Zur Person Christian Neuhäuser

Christian Neuhäuser schaut großen Wirtschaftsunternehmen auf die Finger und schrieb zuletzt über die Philosophie des Sen. Er hat eine Juniorprofessur für Philosophie und Politikwissenschaft an der TU Dortmund inne.

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