Gute Vorsätze | Hülsenfrüchte der Verständigung

Das Jahr 2016 ist ja bekanntlich nicht nur von der UN-Generalversammlung zum Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte erklärt worden. Denn auch die Weltdachverbände der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften riefen 2016 zum Internationalen Jahr der globalen Verständigung aus. Inwiefern hier ein etwaiger Zusammenhang besteht, ist gewiss eine äußerst interessante Frage. Dennoch möchte ich ihr nicht weiter nachgehen, da ich es seit meiner Kindheit nie wirklich vermochte, echte Begeisterung für Linsen, Erbsen und Bohnen aufzubringen. Ganz anders verhält es sich indes mit der Verständigung. Sie lag und liegt mir seit jeher am Herzen. Und deshalb möchte ich nun auch das neue Jahr sowie die Gelegenheit nutzen, um mich mit dem Kollegen Pollmann mal so richtig zu verständigen — und zwar über einige Punkte, die er in seinem vorgängigen Text ansprach.

Gute Vorsätze zum Jahreswechsel

Das ganze Brimborium, das jedes Jahr wieder und wieder zu Silvester veranstaltet wird, ist freilich widerlich und geschmacklos. Festivität, Feuerwerk und Trunkenheit gehören am 31. Dezember schlichtweg verboten. Und obgleich es im Allgemeinen keineswegs schlecht ist, gute Vorsätze zu haben, gehört es gleichfalls verboten, sie ausgerechnet zum Jahreswechsel zu fassen oder auch nur lauthals zu verkünden. Denn das zeugt lediglich davon, dass man ein langweiliger Wichtigtuer ist, der sich schon darauf freut, spätestens ab der zweiten Januar-Woche mit seinem Hang zur Willensschwäche zu kokettieren.

Willensschwäche

Das Phänomen der so genannten Willensschwäche gibt es jedoch zweifelsohne. Und beileibe muss nicht jeder, der unter ihr leidet, deshalb auch schon ein langweiliger Wichtigtuer sein. Zu einem philosophischen Rätsel wird dieses Phänomen aber letztlich nur dann, wenn man das menschliche Wollen in irgendeiner Weise so erklärt, dass der Vollzug einer Handlung die unmittelbare Wirkung des Habens einer Überzeugung ist. Denn dann stellt sich sofort die Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass das erstpersonale Haben der Überzeugung, dass jetzt ψ zu tun gut ist, in manchen Fällen den erstpersonalen Vollzug der Handlung ψ bewirkt und in anderen Fällen nicht. Bevorzugt man hingegen die Unterscheidung zwischen theoretischem und praktischem Wissen, so kann man sagen, dass es Fälle gibt, in denen die Erste Person zwar theoretisch weiß, dass es mindestens einen guten Grund gibt, jetzt ψ zu tun, dass sie jedoch nicht praktisch um den guten Grund weiß, jetzt zu ψ-en. Wüsste sie dies nämlich praktisch, so würde sie jetzt auch absichtlich ψ-en. Verfügt die Erste Person indes lediglich über das theoretische Wissen, so will sie jetzt auch nicht ψ-en, sondern ist lediglich der wahren und gerechtfertigten Überzeugung, dass jetzt ψ zu tun, gut ist. Derlei ist bei Lichte besehen allerdings keine Schwäche ihres Willens, sondern eine Nichtübereinstimmung ihres theoretischen und praktischen Wissens. Und das ist wiederum ein philosophisch nicht sonderlich rätselhaftes, wenn auch im Alltag mitunter frustrierendes psychologisches Phänomen.

Ian Fraser »Lemmy« Kilmister

Manche, die unter dem leiden, was sie für die Akte ihrer Willensschwäche halten, verehren jedoch oftmals zugleich all jene, die ununterbrochen genau derlei tun. Das ist zunächst überraschend und war zuletzt überdeutlich zu beobachten, als die Medien sich dem Ableben des Sängers und Bassisten von Motörhead zuwandten. Was aber steckt hinter all diesem postumen Jubel, der Kilmister zu der Legende »Lemmy« verklärt? Die Musik von Motörhead kann es ja wohl nicht sein, wenn wir mal ehrlich sind. Denn das ist nur geradliniger Hartrock, dessen Linie so ungemein gerade ist, dass sie auf kürzestem Wege in die Langeweile führt. Anstelle der Musik scheinen hier eher die Sehnsucht nach Unangepasstheit und die Bewunderung von Eigensinnigkeit die entscheidende Rolle zu spielen. »Unangepasstheit« und »Eigensinnigkeit« sind allerdings nur recht formale und weitgehend inhaltsleere Begriffe, die lediglich besagen, dass jemand in mancherlei Hinsicht nicht das tut, was die meisten anderen tun. Dass damit noch gar nichts über die Qualität des vermeintlich unangepassten und eigensinnigen Tuns gesagt ist, wird nicht zuletzt auch am Akteur Ian Fraser Kilmister deutlich. Denn er war nicht nur ein Mann, der mit seinen Mitstreitern diesen äußerst geradlinigen Hartrock hervorbrachte. Vielmehr konsumierte er auch allerhand Alkohol, Tabakwaren und Drogen, sammelte Nazi-Memorabilia, rühmte sich seiner über mehr als 1000 Frauen ergossenen Virilität und ließ sich einen Backenbart sowie zwei Fibrome im Gesicht stehen. Von den Fibromen mal abgesehen, ist das vermutlich nicht einmal besonders unangepasst und eigensinnig, sondern entspricht dem tradierten Heavy-Metal-Klischee. Gut ist es jedoch gewiss nicht, sondern bestenfalls privatim vergnüglich.

doro

Aber selbstverständlich muss so ein Mann der menschgewordene Sehnsuchtsort all jener Opportunisten sein, die tagtäglich servil, mobil, flexibel, leistungsorientiert und insgesamt politisch korrekt sowie stets frisch geduscht und adrett gekleidet durch die kapitalistische Arbeitswelt kriechen, um möglichst viele Brötchen als Schmerzensgeld für ihr konformistisches Leben zu verdienen. Und bevor sie nach getaner Arbeit dann zum gemeinsamen Pärchenabend im gehobenen Ambiente irgendeiner After-work-Lounge aufbrechen, träumen sie gewiss auch kurz und willensschwach von drogengeschwängerten Orgien mit 10 verschwitzten Doro Peschs, die rein gar nichts am Leib tragen, außer ihre mit Motörhead-Stickern besetzten Jeanswesten. Aber das ist lediglich der traumatische Ausdruck einer unbefriedigten bürgerlichen Lust auf die süßen Früchte des Rock´n Roll, die in Wirklichkeit nur die leeren Hülsen eines hohlen Hedonismus sind. Genau deshalb braucht man aber auch kein Verständnis für das ganze Bohei aufbringen, welches um das Ableben von Ian Fraser Kilmister gemacht wurde. Stattdessen kann man einfach nur keck lächeln, während man mit zwei Fingern jene Zeilen tippt, die besagen, dass man seinen Leserinnen und Lesern höflichst ein gutes und gesundes neues Jahr wünscht.

Bild: www.youtube.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

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