Gute Vorsätze | Live fast die old

Kurz vor Jahreswechsel starb im Alter von immerhin siebzig Jahren Lemmy Kilmister, Sänger von Motörhead, der vielleicht lautesten und dreckigsten Rock’n’Roll-Band ever. Lemmy hatte bis zuletzt auf der Bühne gestanden – und zuvor in seinem Leben nichts, aber auch gar nichts ausgelassen. Seine drei besten Freunde, Johnny (Walker), Jim (Beam) und Jack (Daniel’s), dürften nach seinem Ableben enorme Umsatzeinbrüche zu verzeichnen haben. Und die Apotheken-Umschau twitterte: »Er hat immer genau das Gegenteil von dem gemacht, was die #ApothekenUmschau empfohlen hat. Dafür liebten wir ihn!«

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Aus diesem Tweet, verbreitet von einer Zeitschrift, die sonst stets zu einem gesundheitsbewussten Lebenswandel rät, und zwar mit einer monatlichen Auflage von gut 9 Millionen (!) Exemplaren, ist eine philosophisch folgenreiche Lehre zu ziehen: Wer im Leben vernünftig ist, wird – kantianisch gesprochen – geachtet, wer hingegen exzessiv lebt, wird geliebt. Diese Lehre gilt es besonders beim Start in das neues Jahr zu berücksichtigen, falls man an Silvester wieder einmal »gute Vorsätze« gefasst hat: weniger Alkohol, Schluss mit dem Rauchen, mehr Sport! Die Halbwertzeit dieser Vorsätze ist ja meist schon am Tag der Heiligen Drei Könige verronnen, und die Philosophie spricht dann von »Willensschwäche« oder »Akrasia«. Schon Sokrates sah sich mit der sehr alltäglichen, aber doch verblüffenden Frage konfrontiert, wie es kommen mag, dass der Mensch, das Gute erkennend, dennoch oft das Schlechte tut. Allerdings irritierte Sokrates schon damals mit der These, dass es dieses scheinbar so vertraute Phänomen gar nicht gebe. Denn wer das Schlechte tue, wisse eben doch nicht, was das Gute sei. Wenn er es wüsste, würde er es auch tun.

Komplexitätsproduktion

Diese These lädt zu ihrer Widerlegung ein, denn sie widerspricht der Alltagswelt vieler Fans der Apotheken-Umschau – und selbstredend auch so mancher philosophischen Fachzeitschrift: Man hat sich vorgenommen, gesünder zu leben, aber die flotten neuen Jogging-Klamotten, die unter dem Weihnachtsbaum lagen, sind bereits nach wenigen Wochen bei Ebay eingestellt. Das Problem ergibt sich wohl daraus, dass gute, vernünftige »Gründe«, wie man sie etwa auch in den Mitglieder-Magazinen der Krankenkassen findet, etwas ganz anderes sind als handlungswirksame »Motivationen«. Selbst wenn man Erstere haben mag, hat man noch lange nicht Letztere. So kompliziert scheint das Problem also gar nicht zu sein. Doch insbesondere im Lager dessen, was man die »Analytische Philosophie« nennt, wird die genannte Unterscheidung als viel zu simpel betrachtet, und so will man dem Problem durch eine stetig wachsende Komplexitätsproduktion Herr werden: »An action ψ is akratic for an agent A at iff [kein Druckfehler, A.P.] the following ten conditions hold: (1) A believes that A ought to do φ at ; (2) At the time () of doing ψ, A’s desire to do ψ overrides A’s belief that he ought to do φ at “ usw.

Das Symptom spricht

Für Nicht-Eingeweihte: Die Analytische Philosophie ist so etwas wie die Apotheken-Umschau der Philosophie. Sie tritt wie diese mit einem schulmedizinischen Hoheitsanspruch auf, ist entsprechend auflagenstark und einflussreich. Sie gibt sich unentwegt vernünftig, ist demonstrativ steril, weil ja um die (geistige) Gesundheit ihrer Leserinnen und Leser bemüht. Sie will selbst ein gutes Vorbild sein und all das Ungesunde im Denken ausmerzen (Wittgenstein: »Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit«). Ihr Gestus wirkt selten sexy, insgeheim aber sehnt sie sich nach gesundheitsgefährdenden Ausschweifungen…

Unbenannt

Rein zufällig am Tag von Lemmy Kilmisters Tod hat der neue Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für Analytische Philosophie der Frankfurter Rundschau ein bemerkenswertes Interview gegeben. Er beklagt darin, »dass es in der breiteren Öffentlichkeit ein stark verzerrtes Bild der akademischen Philosophie gibt«, und formuliert seinerseits für das neue Jahr den guten Vorsatz, »dass sich die analytische Philosophie noch stärker mit aktuellen gesellschaftspolitischen Problemen beschäftigt«. Selten so gelacht bzw. da gibt es viel zu tun! Trägt doch kaum eine philosophische Strömung den Anspruch vernünftiger Selbsterhellung so sehr wie eine Monstranz vor sich her, während sie de facto für noch viel mehr Verwirrung sorgt und dabei zugleich ein Höchstmaß an akademischer Lebensferne an den Tag legt.

Geachtet oder geliebt werden?

Was eigentlich würden philosophische Rock’n’Roller wie Rousseau, Schopenhauer, Nietzsche und m.E. auch Adorno von dem Vorschlag halten, der Akrasia mit rein analytischen Bordmitteln zu Leibe zu rücken? Sie mögen auch nicht immer »nah« am Leben philosophiert haben. Aber sie alle wussten, dass die Vernunft eine Kehr-, ja, eine dunkle Schattenseite hat, die sich dem analytischen bzw. szientistischen Zugriff entzieht und Willensschwäche allererst möglich macht. Sie wussten auch, dass philosophische Sterilität – anders als auf der Intensivstation – keineswegs für »Lebendigkeit« sorgt. Und sie wussten zudem, dass »Stil« nicht nur das Ende des Besens ist. Vielleicht wäre das ein guter Vorsatz: das neue Jahr mit der Lektüre dieser Denker beginnen! Allerdings führte dies unweigerlich in Trübsal: Wann erscheint endlich wieder ein philosophischer Lemmy Kilmister auf der Bildfläche, der aus dem Denken so etwas wie echten, authentischen Rock’n’Roll macht?

 

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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