Grenzen | No Country for Old Men

Nun gut: Schluss mit lustig, weil es um etwas Ernstes geht, nämlich um Grenzen. Grenzen sind zweifelsohne sehr wichtig. Denn es muss Grenzen geben, damit es überhaupt etwas in der Welt geben kann. Diese Grenzen sind dem in der Welt Seienden durch sein jeweiliges Sein gegeben. Indem das Sein eines Seienden besagt, was dieses Seiende ist, besagt es dadurch zugleich auch immer schon, was es nicht ist. Und in eben diesem Sinne markiert das Sein eines Seienden auch stets dessen Grenze zu anderem Seienden. Das gilt ontologisch für jedes in der Welt Seiende; ganz gleich, ob es nun ontisch von uns unabhängig oder von uns abhängig ist. Bei einem ontisch von uns unabhängig Seienden kann sich dessen Sein dadurch verändern, dass der in unserer Alltagspraxis sich manifestierende sensus communis die Entdeckungen berücksichtigt, die hinsichtlich dieses Seienden gemacht werden. Bei ontisch von uns abhängig Seiendem können wir hingegen Entscheidungen treffen, ob und wie ein Seiendes welches Sein exemplifizieren soll. In dem einen Fall bestimmen wir also die ontologischen Grenzen, indem wir Entdeckungen des Seienden als Beschreibungen dessen, wie es ist, anerkennen. Im anderen Fall bestimmen wir die ontologischen Grenzen, indem wir entscheiden, ob und wie das Seiende sein soll.

Irrelevanz und Falschheit

Wenn nun Peter Sloterdijk behauptet, wir hätten »das Lob der Grenze nicht gelernt« und in Deutschland glaube man noch immer, »eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten«, so ist dies einerseits fundamentalontologisch irrelevant. Denn ganz gleich, ob wir sie nun loben oder nicht, manifestieren wir in unserer Alltagspraxis permanent und überschreitungsfrei Grenzen, sobald wir ein Seiendes als das, was es ist, wahrnehmen oder hervorbringen. Andererseits scheint Sloterdijks Behauptung aber auch schlicht falsch zu sein, wenn man sie empirisch-deskriptiv versteht und auf das handfeste Geschäft der deutschen Tagespolitik bezieht. Um sich dies klar zu machen, muss man jetzt nicht einmal daran erinnern, wieviele Wähler jüngst einer Partei ihre Stimme gaben, deren Bundesvorsitzende und stellvertretende Bundesvorsitzende ein solch hohes Loblied auf die territorialen Grenzen des deutsche Staates sangen, dass sie deren Überschreitung notfalls unter Einsatz von Schusswaffen vereiteln wollten. Vielmehr reicht es völlig aus, sich zu vergegenwärtigen, welches Ausmaß im letzten halben Jahr die konservative Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und die rechte Forderung nach Schließung der Grenzen angenommen hat, und zwar quer durch alle Parteien und Bevölkerungsschichten. Dass die Deutschen das »Lob der Grenze nicht gelernt« hätten, ist vor diesem Hintergrund eine wirklich mehr als gewagte Behauptung. Die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt sich gegenwärtig kaum noch mit etwas anderem als mit der Frage, wie man am besten ein robustes Grenzregime installieren kann.

Wirklichkeit und Sehnsucht

Neben der fundamentalontologischen Irrelevanz und der empirischen Falschheit von Sloterdijks Behauptung, gibt es aber noch einen weiteren Aspekt in den Sloterdijkschen Einlassungen, der interessant sein könnte. Seine Lobpreisung staatlicher Grenzen, die mit der Behauptung einhergeht, die deutsche Regierung hätte sich bisher »in einem Akt des Souveränitätsverzichts der Überrollung preisgegeben«, präsentiert uns nämlich die alte westfälische Mumie des uneingeschränkt souveränen Nationalstaats als das Konzept der Zukunft und die Lösung gegenwärtiger Probleme. Aber ausgerechnet diese Mumie, der Sloterdijk noch »ein langes Leben« wünscht, jetzt auszubuddeln, ist – gelinde gesagt – intellektuell enttäuschend. Weniger freundlich formuliert ist es indes bloß das völkisch-nationalistische Gerede des reaktionären »Man«. Wie kommt Peter Sloterdijk dazu? Wird er alt? Sehnt er sich nach einem Ende der anstrengenden Komplexität unserer »postmodernisierten Gesellschaft« mit ihrer »Kultur der dünnwandigen Container«? Will er deren »schmale Membrane« durch »starkwandige Grenzen« ersetzen, um endlich in Ruhe die simplizistische Homogenität eines einheitlichen Volkskörpers imaginieren zu können?

köpi

Zu dieser neurechten Altmännersehnsucht würde es jedenfalls gut passen, dass Sloterdijk in einer Weise von staatlichen Grenzen spricht, als wäre der Nationalstaat ein ontisch von uns unabhängig Seiendes, das es zu entdecken gelte. Aber selbstverständlich ist der Nationalstaat nichts dergleichen. Der Nationalstaat ist Seiendes, das ontisch vollends von uns abhängig ist. Und wie oben angemerkt, sind wir es, die bei ontisch von uns abhängig Seiendem die Entscheidung treffen, ob und wie ein Seiendes welches Sein exemplifizieren soll. Wir bestimmen durch unsere Entscheidungen die Grenzen. Warum also nicht die alte westfälische Mumie endgültig beerdigen und ganz andere Grenzen ziehen? Grenzen, die nichts mit Völkern, Nationen und Territorien zu tun haben, sondern die ungerechte Verteilung der Güter im globalen Gegenwartskapitalismus revidieren.

Foto: www.fensterzumhof.eu

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann hat Bücher über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten geschrieben. Anfang 2019 sagte er endgültig „Piss off!“ zum akademischen Affenzirkus und gab seine Venia Legendi im Fach Philosophie zurück.

Ein Kommentar

  1. Gerhard Mandl · März 30, 2016

    Was heißt „ontisch“ ?