Grenzen | Den Pudding an die Wand nageln

Es gibt ein psychisches Krankheitsbild, das man das »Borderline-Syndrom« nennt. Ursprünglich war das eine Verlegenheitsdiagnose: Die Patient_innen wiesen Symptome auf, von denen unklar war, ob sie als »bloß« neurotisch oder bereits als psychotisch einzustufen waren. Man hatte es mit einem »Grenzphänomen« zu tun – und nannte es entsprechend. Mit der Zeit aber fiel auf, dass die Betroffenen tatsächlich mit handfesten Abgrenzungsproblemen zu kämpfen hatten: Borderliner zeichnen sich durch die Unfähigkeit aus, zwischen sich und ihre Mitmenschen klare, aber zugleich auch durchlässige Grenzen zu ziehen. Beides führt bei Borderlinern zu Panikreaktionen: zu viel, aber auch zu wenig Nähe. Sie pendeln als Grenzgänger unentwegt zwischen Verschmelzungssehnsüchten einerseits und brüsker Zurückweisung andererseits. Borderliner sind die Anti-Aristoteliker unter den Beziehungsgestörten. Sie finden einfach nie die »goldene Mitte« zwischen einer himmelhoch jauchzenden Willkommenskultur und einer kaltherzigen Abschiebepraxis.

Die Borderliner-Gesellschaft

Bei aller Gefahr des Analogieschlusses von der individuellen Seele auf psychopolitische Großkörper: Die derzeitige Flüchtlingskrise provoziert Borderliner-Reaktionen auf beiden Seiten. Die einen wollen die Grenzen vollständig »dicht« machen und Schießbefehle erteilen, die anderen sehnen sich nach einer ebenso vollständigen Öffnung der Grenze und dem Diktat eines uneingeschränkten »Rechts« auf globale Bewegungsfreiheit. Beide Parteien sind – sozialpathologisch gesprochen – gestört, denn auf beiden Seiten regiert eine irrationale Angst. Rechtsaußen fürchtet man sich vor dem Verschwimmen identitätsstiftender Konturen des »Eigenen« durch »fremde« Invasoren. Am linken Rand ängstigt man sich offenbar davor, allein unter dumpfen »Biodeutschen« zurückzubleiben, oder aber man flieht dem schlechten Gewissen, ein Leben in Wohlstand und Sicherheit zu führen, und kompensiert diese Gewissensbisse durch einen buchstäblich grenzenlosen Moralismus.

Batman oder Superman?

Die einen leben (und wählen) zunehmend so, als würden die Grenzen ihrer Sprache (ob Deutsch, Sächsisch oder Schwäbisch) zugleich auch die Grenzen ihrer Welt bedeuten. Das andere Lager sehnt sich hingegen nach einer grenzenlosen Vielfalt und gibt sich auf geradezu ignorante Weise differenzblind. Oder wir das jetzt-Magazin dieser Tage mit Blick auf den Film »Batman v Superman« titelte: »Hyperängstlicher Rechtswähler trifft auf grenznaiven Ultragutmensch«. Auf beiden Seiten ist die an das Borderline-Syndrom erinnernde Unfähigkeit zu spüren, Grenzen zu denken, die markant und durchlässig wären; die weder sperrangelweit offen stehen noch mit Panzerdraht versehen sind. Was hier das psychopolitische Problem ist? Auch für die Borderliner-Gesellschaft gilt: Ihr Selbstbild hat die Konsistenz von Wackelpudding. Wie schon in individuellen Zusammenhängen kann man weder zu sich selbst noch zu anderen ein »entspanntes« Verhältnis pflegen, wenn man hysterisch zwischen den ungesunden Polen kaltherziger Exklusion und trotzig naiver Aufnahmewillkür hin und her wabert.

Es käme folglich auch auf kollektiver Ebene – wie schon beim individuellen Borderliner – darauf an, die souveräne Haltung einer gesunden Halbdistanz einzuüben, um autonom und nahbar zu sein. Hier macht die notorische »Armlänge Abstand« Sinn, denn eine derart ausgestreckte Hand wäre nicht nur ein Zeichen von echter Hilfsbereitschaft, sondern auch von respektvoller Distanz. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um die Frage, ob man Flüchtlingen in Not helfen muss. Das muss man sehr wohl! Es geht hier vielmehr um das auch aus dem privaten Miteinander bekannte Problem, dass man wissen sollte, wo die eigenen Grenzen liegen, und dass es zugleich ein Zeichen von Respekt ist, die Grenzen der anderen zu kennen. Ja, eine völlig grenzenlose Welt wäre eine Welt ganz ohne Respekt.

Grenznutzen

Grenzziehungen sind »Definitionen« (lat. finis): Hier wird festgelegt, was dazu gehört und was nicht. Diese Festlegungen sind politisch sinnvoll, weil sie das Gemeinwesen allererst konturieren und handlungsfähig machen, aber bekanntlich auch gefährlich, weil exkludierend. Nur wird man dieser Gefahr kaum dadurch entgehen, dass man auf Definitionen verzichtet. Wer ein jeweils individuelles oder aber kollektives Selbstbild aufrechterhalten will, ohne es zu definieren, kann gleich auch versuchen, den oben erwähnten Pudding an die Wand zu nageln. Grenzen werden dort gezogen, wo etwas enden und das Andere beginnen soll, und beide Seiten werden durch die gemeinsame Grenzziehung allererst konstituiert. Dabei käme es politisch darauf an, endlich einmal vernünftige und menschenrechtskonforme Kriterien der Zuwanderung festzuschreiben. Das Geheimnis derart vernünftiger Grenzziehungen läge darin, Dinge voneinander zu trennen, die sich an der besagten Grenze zugleich auch berühren, begrenzend ermöglichen und füreinander öffnen. Schon Hegel hat behauptet, »daß die Grenze als in sich reflektierte Negation des Etwas die Momente des Etwas und des Anderen in ihr ideell enthält, und diese als unterschiedene Momente zugleich in der Sphäre des Daseins als reell, qualitativ unterschieden gesetzt sind«. Was das bedeutet? Ich bin mir nicht so sicher. Aber es klingt ungeheuer überzeugend.

Foto: www.kaibader.de

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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