Gleichmacherei | Ein Hoch auf das Nicht-Identische!

Beim Schimpfwort der »Gleichmacherei« handelt es sich meist um den politisch-ideologischen Vorwurf: Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Menschen werde eingeebnet, und das sei schlecht, weil es den Individuen in ihrer Besonderheit nicht gerecht und Ungleiches gleich gemacht werde. An dieser Stelle lohnt sich ein Perspektivwechsel, der uns interessante philosophische Überlegungen zu einer anderen Art von »Gleichmacherei« eröffnet – nicht unter den Menschen, sondern in ihnen, in ihrem Inneren.

Wann ist der Mann ein Mann?

So hat z.B. Adorno beklagt, dass wir, wenn wir für uns als Menschen Begriffe und Vorstellungen verwenden, nicht unsere Besonderheit und Individualität in den Blick bekämen, sondern nur das Allgemeine und Gleiche an uns. Indem wir uns in Begriffe stecken oder in Kategorien-Schubladen packen, tun wir uns in Adornos Augen Gewalt an, missachten wir unser je Individuelles, übergehen wir das »Nichtidentische« und »Inkommensurable«. Das, was in dem Begriff nicht aufgeht, wird gedanklich und dann auch im Umgang miteinander »abgeschnitten«. Beispielsweise sind männliche Wesen zwar »Männer« und fallen allesamt unter den Begriff »Mann«, aber sie gehen darin eben nicht auf, und folglich wird man ihnen damit nicht gerecht. Für Adorno selbst gab es hier eine biographisch frühe, einschneidende Erfahrung angesichts der Frage, ob er ein »introvertierter« oder ein »extrovertierter« Mensch sei. Adorno sah darin eine schmerzhafte, undifferenzierte und klischeehafte Zuschreibungspraxis, bei der die innere Vielfalt und Unbestimmtheit seiner Persönlichkeit »gewaltsam« übergangen wurde.

Etikettenschwindel

Damit kommen wir zu einer ideologischen Praxis, die vor allem auch unter politischen Aktivisten beliebt ist und die genau das von Adorno Kritisierte zu tun scheint: Indem man Menschen pauschal etwa als »Rassisten« oder »Sexisten« etikettiert, fällt es zwar leicht, die »Anderen« bzw. die »Feinde« klar zu definieren, aber die Risiken und Nebenwirkungen sind dabei doch nicht unerheblich. Denn hier werden die gesamten Personen ja recht grob auf einige bestimmte ihrer Überzeugungen oder Äußerungen festgelegt. Wird dabei aber noch ihre innere Differenz, Pluralität, Unbestimmtheit und Veränderbarkeit gesehen? Alle, die z.B. meinen, mit »Rassisten« rede man nicht, sondern bekämpfe sie, scheinen sich über diesen Einwand großzügig hinwegzusetzen. Ebenso wie über die philosophische Frage: Sind wir denn eigentlich unsere – teilweise ja sehr situativ formulierten – Überzeugungen oder Äußerungen? Und wie zentral oder grundlegend für unsere Persönlichkeit sind diese? Wird hier nicht etwas leichtfertig »gleichgemacht« und eine Konsistenz unseres Ichs unterstellt?

Dieses »totalitäre« Menschenbild wurde ja nicht nur von der postmodernen Philosophie immer wieder kritisiert, sondern es ist etwa auch in psychotherapeutischen Kontexten lange überwunden, wird dort als menschenfeindlich und in der Praxis als kontraproduktiv empfunden. Stattdessen herrschen dort nun differenzierte Persönlichkeitskonzepte vor, wie die »Ego-State-Theorie« oder die »Anteile«-Konzeption, die von einer inneren Pluralität des Menschen ausgehen. Ganz nach Prechts Motto: »Wer bin ich – und wenn ja wie viele?« Unsere diversen Anteile oder Ich-Zustände ergeben sich demnach jeweils situativ, sind entsprechend variabel und werden durch äußere oder innere Umstände hervorgerufen. Bin ich der ausschweifend-jubelnde Typ, als der ich auf dem Fußballplatz daherkomme? Natürlich nicht! Dieser Sport in Kombination mit meinen Begleitern und meiner Tagesform machen mich dazu. Schon kurz darauf erfasst mich wieder mein intellektueller Ernst, der sich fragt, ob die Taktik der Mannschaft sinnvoll war o.Ä. Oder wie es um 1970 herum Michel Foucault in einer damals offenbar noch nötigen Forderung an seine Leserschaft formulierte: »Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der Gleiche bleiben«.

Ad hominem

In diesem Zusammenhang ist auch eine Überlegung aus der Logik hilfreich. Dort kennt man das »Argumentum ad hominem« als einen der auffälligsten gedanklichen Fehlschlüsse. In diesem scheinbar logischen Schluss wird von einer Person fälschlich auf die Wahrheit oder Falschheit ihrer Aussagen geschlossen. Fälschlich deshalb, weil aus der Tatsache, dass eine Person etwas sagt, denkt oder tut, überhaupt nichts darüber gefolgert werden kann, welche Qualität dies hat; ob es wahr oder falsch, gut oder schlecht ist. Dies kann, ob es einem gefällt oder nicht, natürlich nur in der Sache und mit inhaltlichen Argumenten begründet werden. Ein Beispiel: Zum Leidwesen gewisser Antifa-Aktivisten folgt daraus, dass jemand aus der AfD die Stimme erhebt und eine Überzeugung äußert, eben nicht schon sogleich, dass sie falsch oder »schlimm« sein muss. Das generelle Niederschreien oder Stören etwa von AfD-Demos stellt sich – bei aller im einzelnen berechtigten Kritik an ihrer Politik – im Lichte dieser Überlegungen wohl vor allem als eine ethisch gewaltsame Haltung dar. Ganz ähnlich hatte auch Jürgen Habermas seinerzeit die politische Orientierung gewisser Teile der Studentenbewegung als »Linksfaschismus« etikettiert.

Identitätszwänge

Zurück zu Foucault: In seinem Werk begegnet uns der Mensch in seiner ganzen inneren Unbestimmtheit und Nicht-Festgelegtheit als ein »Möglichkeitswesen«, das allerdings bedroht wird von der modernen »Disziplinargesellschaft«. In dieser Art von Gesellschaft sind wir aufgefordert, wenn nicht genötigt, uns auf jeweils herrschende Identitätsmuster zu fixieren. Ob wir uns als Heteros, Schwule, Transen oder wie auch immer verstehen: Wir unterliegen – so Foucault ganz ähnlich wie Adorno – einer Art sexuellem »Identitätszwang«, der unsere inneren und äußeren Möglichkeiten einschränkt. Für Foucault zeigt sich hier eine kulturspezifische Macht, die uns zu »Subjekten« macht, also das Geschäft innerer Gleichmacherei und Homogenisierung betreibt. – Fragt sich also zum Schluss: Wenn wir uns so oft gegen eine vermeintliche äußere Gleichmacherei wehren, wer wehrt sich gegen die innere? Wer wehrt sich gegen all diese inneren Bilder und zugleich gegen jene immer wieder vehement moralisierenden und sendungsbewussten, aber offenbar wenig ethisch reflektierten politischen, pädagogischen oder sonstigen Ideologen?

Bild: M.C. Escher

Zur Person Thomas Schäfer

Thomas Schäfer lehrt Ethik und Philosophie in Berlin, Potsdam und Fulda. Er glaubt, dass die Welt dadurch besser werden könnte – jedenfalls, wenn es dabei um die Kritik an Dogmatismen, Klischees und sonstigen geistigen und ungeistigen Gewaltsamkeiten geht.

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