Gleichmacherei | Penetrante Sensibilität

Wenn sich jemand seiner Sache sicher ist, z.B. Bundestrainer Jogi Löw, dann sagt er gern: »Absooluuut!«. Andere Menschen sind Bedenkenträger, skrupulöser, skeptischer: »Das mag ich nicht entscheiden«, »Das liegt im Auge des Betrachters«, »Die einen sagen so, die anderen so«. Dieser zögerliche Gegenpart zum rhetorischen Absolutismus wird »Relativismus« genannt: Es gibt keine absoluten Wahrheiten! Man muss das immer alles im sogenannten Kontext sehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse, historische Fakten, Recht und Unrecht, Moral und Menschenrechte – alles nur relativ! Jede Überzeugung ist nur in Relation zu den jeweils vorausgesetzten Prämissen gültig, die wiederum selbst von problematischen Prämissen abhängen usw. Diese methodische Zurückhaltung wirkt auf Anhieb recht sympathisch und oft angebracht. Was aber, wenn die Sorge um sensible Differenzierung zunehmend in blinde Gleichmacherei umschlägt?

Der Hang zur Beliebigkeit

Das Problem offenbart sich derzeit vor allem in Diskussionen um den Zusammenhalt moderner, »westlicher« Gesellschaften. Auf der einen Seite wütet ein meist rechter Relativismus der »alternative facts«, über den schon viel geschrieben wurde. Auf der anderen Seite eiert ein eher linker Relativismus des »all inclusive« herum. Letzterer soll uns an dieser Stelle mehr interessieren. Als Kinder der Aufklärung und der »offenen Gesellschaft« (Popper) versteht man sich gern »fallibilistisch«: Hüten wir uns auch in der Politik vor Patenrezepten und den Verkündern ewiger Wahrheiten! Ist »unser« westliches Wissen nicht bloß »Herrschaftswissen«, d.h. Ausdruck eines imperialen Machtstrebens der weißen, besitzenden, männlichen Klasse und somit Resultat einer Jahrhunderte währenden Unterdrückung? Wieso sollten »wir« anderen Menschen vorschreiben dürfen, wie (oder aktuell: wo) diese zu leben haben?

Diese relativistische Skepsis hat sich zu Beginn der historischen Aufklärung gegen das weltanschauliche Diktat dogmatisch verordneter Überlieferungen gestemmt: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« (Kant). Heute aber tendiert dieses – zunehmend penetrante – Zweifeln immer häufiger dazu, jeder Art von weltanschaulicher oder auch moralischer (Selbst-)Gewissheit zu entsagen; wodurch es zunehmend in historische, normative und auch interkultureller Beliebigkeit umschlägt.

Der Trend zur Entdifferenzierung

Nehmen wir die folgende, in besagten Kreisen gar nicht selten anzutreffende Überzeugung: »Sämtliche Meinungen und Lebensentwürfe – und hier vor allem jene, die von Menschen, die nicht weiß, westeuropäisch, männlich, besitzend, heterosexuell, christlich usw. vorgebracht werden – verdienen allesamt denselben Respekt.« Warum diese Überzeugung ein Problem ist? Hier schlägt die vermeintlich kritische, differenzfreundliche Analyse in eine vollends unkritische, differenzblinde Gleichmacherei um. Man beraubt sich der kritischen Instrumente, um Ungerechtigkeit, Missachtung, Gewalt und andere inhumane Praktiken zurückweisen zu können. Das einschlägige Beispiel: Kann man den moralischen Universalismus ablehnen, den Pluralismus der Kulturen emphatisch bejahen und doch zugleich die afrikanische Tradition der Klitorisbeschneidung kritisieren? Oder aktuell: Kann man konsequent anti-rassistisch denken und doch zugleich einen türkisch-stämmigen Nationalspieler dafür schelten, dass er Präsident Erdoğan abfeiert?

Differenzblinde Empörung

Wer nicht länger theoretisch diskriminiert, wird notwendig blind für praktische Diskriminierung. Dies zeigt sich einmal mehr in der anhaltenden Flüchtlingsdebatte: Sofern man emphatisch humanistisch ist, in Wahrheit aber die differenzierte Debatte scheut, werden alle Migrant_innen gern in einen Topf geworfen (ob Kriegsflüchtlinge, politisch verfolgte Asylberechtigte nach dem GG, Flüchtlinge nach der Genfer Konvention, Menschen, die vor dem Hungertod fliehen, Menschen, die sich lediglich eine Verbesserung ihres keineswegs existenziell bedrohten Lebens erhoffen, usw.). Am Liebsten will man alle unterschiedslos drin haben. (Spiegelbildlich übrigens auf der rechten Seite: Sämtliche Migrant_innen werden in eine Topf geworfen, weil man unterschiedslos alle raus haben will.) Und gern sichert man diese Forderung dann mit hanebüchen relativierenden Vergleichen ab: »Früher die Juden heute die Migranten«, »Die AfD ist die neue NSDAP«, »Alice Weidel, Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijk – alles Nazis!«, »Transitzentren sind Konzentrationslager«. Und überhaupt: Wir leben in »Weimarer Verhältnissen«. Das Niveau dieser – ach so empörten – Gleichmacherei ist intellektuell unterirdisch und macht differenzierte (Migrations-)Politik unmöglich. Ähnlich übrigens auch manche Auswüchse der #MeToo-Debatte: Ob die Twitter-Userin von einem Vorgesetzten sexuell genötigt oder auf der Straße von einem Bauarbeiter angemacht wurde – alle versammelten sie sich unter demselben Hashtag. Wie diese pseudoemphatische Entdifferenzierung auf die Opfer von Sexualstraftaten wirkte, war eher zweitrangig, weil es ja »ganz allgemein um männliche Gewalt« ging.

Aufklärung am Limit

Es gibt den weit verbreiteten Irrglauben, man könne Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Natürlich kann man das. Man muss bloß wissen, dass ein Vergleich nicht schon impliziert, dass die verglichenen Phänomene gleich sind. Vielmehr kann man überhaupt nur solche Dinge vergleichen, die sich unterscheiden, denn sonst wären sie identisch. Viel schlimmer jedoch die intellektuelle Zumutung durch jene, die einem tatsächlich weiß machen wollen, dass Äpfel und Birnen gleich bzw. identisch sind. Diese Gleichmacherei mag für viele Intellektuelle entlastend oder gar geistige Labsal sein. Aber die Weigerung, angemessen zu differenzieren, erzwingt eine Entscheidung innerhalb des Projekts der Aufklärung: Wollen wir lieber auf eine relativierende Skepsis setzen, die möglichst niemandem weh tut, oder aber auf eine aufgeklärte Ratio, die sich etwas zutraut? Man kann nicht beides zugleich haben: die relativistische Weigerung, irgendeine Gewissheit als für alle Menschen verbindlich zu akzeptieren, und das starkes Plädoyer für »die« menschliche Vernunft und damit für aufgeklärte Freiheit, Rechtstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte.

Foto: (matt), www.flickr.com, CC BY-ND 2.0

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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