Gleichmacherei | Allquantifizierung für Dummies (AfD)

Als Mitte Mai eine Photographie veröffentlicht wurde, auf der zu sehen war, wie der aus Gelsenkirchen stammende Fußballspieler Mesut Özil dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan freudig lächelnd eines seiner Trikots überreichte, war die Empörung hierzulande groß. Und ganz besonders empört waren natürlich wieder zwei notorische Krawallschwestern vom rechten Rand, die seit dieser Legislaturperiode dem Deutschen Bundestag angehören. Beatrix von Storch krakeelte per Twitter, es scheine »jetzt Konsens unter den bürgerlichen Wählern zu sein, dass wir in Deutschland ein Problem mit der Integration haben«. Und deshalb hielt sie offenbar auch die Gelegenheit für günstig, um die folgende nur unzureichend als Frage getarnte Aufforderung nachzuschieben: »Können wir uns jetzt dem hundertausendfachen Massenphänomen statt der millionenschweren Fußballerelite widmen?« Alice Weidel beklagte indes zwitschernd, dass der – selbstverständlich nur in Anführungszeichen – »deutsche‹ Nationalspieler […] ein trauriges Beispiel dafür« sei, »wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist«. Und daher empfahl sie auch umgehend, dass solche Fußballspieler wie Özil »am besten gleich ihr Glück in der türkischen Nationalmannschaft ihres Präsidenten suchen«.

Der ewige Stenz

Die geballte bundesrepublikanische Empörung über die Photographie von Özil, Erdogan und dem Trikot, die durch’s Schland fegte, ließ mich an eine andere Photographie denken, die rund eine Woche zuvor veröffentlicht worden war. Diese Photographie zeigte den aus Mossenberg-Wöhren stammenden Altkanzler Gerhard Schröder, wie er Wladimir Putin mit dem verschwörerischen Lächeln eines höhensonnengegerbten Stenzes zu seiner vierten Amtszeit gratulierte. Das rief natürlich auch Empörung hervor. Aber wieso trällerte niemand die Ansicht herum, dass Schröder ein trauriges Beispiel dafür sei, wie gering die Identifikation der Deutschen mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung ist? Warum forderte niemand zwitschernd, dass wir uns jetzt dem hundertausendfachen Massenphänomen deutschnationaler Putinbewunderer zuwenden müssen, statt der millionenschweren Elite aus Aufsichtsratsvorsitzenden von Hannover 96?

Exkludierende Gleichmacherei

Die richtige Antwort auf diese Fragen lautet: Anders als die Empörung über Schröder, Putin und die Gratulation war von Storchs und Weidels Empörung über Özil, Erdogan und das Trikot rassistisch motiviert. Während sich nämlich die Kritik an Schröder auf die Person Schröders beschränkte, wurde Özil kurzerhand zum lebende Pars pro Toto gemacht, das ein angebliches »hundertausendfachen Massenphänomen« benennt und für die »türkischstämmige Jugend in Deutschland« überhaupt steht. Dies aber ist nichts anderes als der übliche rhetorische Taschenspielertrick exkludierender Gleichmacherei, der sämtlichen Rassismen, Nationalismen, Kulturalismen, Biologismen, Sexismen etc. schon von ihrer Form her eigen ist. Sein einziger Zweck ist die Ausgrenzung bestimmter Personengruppen aus dem Gemeinwesen. Daher wird er auch niemals dann zum Einsatz gebracht, wenn mutmaßlich »einer von uns« etwas Kritikwürdiges tut, sondern immer nur dann, wenn einer etwas Kritikwürdiges tut, der »keiner von uns« sein soll, sondern »einer von denen«. Logisch gesehen ist dieser Taschenspielertrick exkludierender Gleichmacherei nicht mehr eine prima facie gerechtfertigte generische Verallgemeinerung, sondern ein fehlerhafter induktiver Schluss. Zieht man wie Beatrix von Storch und Alice Weidel oft und gerne solche Schlüsse, so zeugt das von einem geistigen Niveau, das auch all jenen eigen wäre, die aus »Gerhard Schröder hält Wladimir Putin für einen lupenreinen Demokraten« und »Gerhard Schröder ist deutscher Staatsbürger« umstandslos folgerten: »Alle deutschen Staatsbürger halten Wladimir Putin für einen lupenreinen Demokraten«.

Alice im Strullerland

Dass gerade Beatrix von Storch häufig derartige Schlussfolgerungen in die Welt hinausträllert, kann durchaus als prima facie-Beleg für die erschütternden kognitiven Folgen jahrhundertelanger Inzucht innerhalb des deutschen Adels angesehen werden. Bei Alice Weidel ist hingegen zu vermuten, dass sie zwar prinzipiell über die intellektuellen Ressourcen verfügt, derartige Schlüsse als den Unfug zu erkennen, der sie sind. Aber offenbar ist sie einfach zu besessen von der orgiastischen Phantasie, sich von »kulturfremden Völkern« mal so richtig »überschwemmen« zu lassen, wie sie 2013 in einer Email schrieb. Und dann ist ja auch klar, dass dafür natürlich nicht ein einzelner Gelsenkirchener ausreicht. Denn für eine zünftige kulturfremde Golden Shower-Orgie bedarf es schon ganzer Völker, mindestens jedoch eines kräftigen Migrantenstroms sowie einer ordentlichen Flüchtlingswelle.

Die patriotischen Hass- und Wutbürger, die sich ja ohnehin unentwegt angepisst fühlen, teilen Weidels feuchte Phantasie selbstverständlich. Diesem dunklen Drang folgt nun aber offenbar auch Rüdiger Safranski, wie er uns vor einiger Zeit per Spiegel-Interview verraten hat. Safranski tut es damit seinem Moderatorenkollegen Peter Sloterdijk gleich, mit dem er im ZDF zehn Jahre lang das intellektuelle Laien- und Trauerspiel »Das philosophische Quartett« aufführen durfte. Denn auch der sphärische Schaumschläger aus Karlsruhe blubbert schon seit Längerem etwas von der »Flutung Deutschlands«.

Unverschämte Puschmützen

Gewiss ist es intellektuell enttäuschend und politisch erschreckend, wenn uns des Feuilletons Piggeldy & Frederick den gleichen billigen Taschenspielertrick exkludierender Gleichmacherei präsentieren wie eine grenzdebile Adlige, die von »barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden« träumt, und eine nationalistische Natursektorgiastin, die einen »marodierenden, grapschenden, prügelnden, Messer stechenden Migrantenmob« herbeiphantasiert. Der eigentliche Skandal besteht jedoch darin, dass unsere beiden Schweinchen aus der Kulturbeilage die abgrundtiefe Arroganz und Ignoranz nicht sehen (wollen), die der exkludierenden Gleichmacherei eigen ist. Denn freilich gibt es in jedem Gemeinwesen nicht nur vernünftige, freundliche und herzensgute Menschen, sondern auch viel zu viele hinterhältige, gewissenlose und gewalttätige Arschlöcher. Zu glauben, dass sich unter Migranten ausnahmslos Menschen befänden, die vernünftig, freundlich und herzensgut sind, wäre daher gewiss realitätsferner Exotismus albernster sozialromantischer Provenienz. Aber woher nehmen all die nationalististischen Puschmützen die bodenlose Unverschämtheit, so von »Völkern«, »Kulturen« oder auch »Religionen« zu reden, als gäbe es etwa unter Türken, Syrern oder Afghanen ausschließlich demokratiefeindliche Deppen, durchgeknallte Dschihadisten, messerstechende Kriminelle und frauenverachtende Pussygrapscher? Derlei zu behaupten und es durch beständige Wiederholung unmerklich in das gängige Alltagsdenken einsickern zu lassen, ist gegenüber all den linken, libertären, liberalen oder einfach nur philanthropisch gesinnten Menschen türkischer, syrischer oder afghanischer Abstammung ebenso unverschämt, als behauptete wer von mir, ich hielte Wladimir Putin für einen lupenreinen Demokraten. Ich mag zwar zufällig die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Aber allein deswegen bin ich doch gottbewahre noch lange kein Schröder!

Foto: clever–but–clueless, www.tumblr.com

Zur Person Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann existiert. Er sorgt sich. Über die rechtfertigende Kraft der Erfahrung und die Natur des Guten hat er Bücher geschrieben. Er ist Privatdozent an der Universität Magdeburg.

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