Gleichmacherei | Gleiches mit Gleichem

Wenn in vier Jahren die nächste Fußball-Weltmeisterschaft erneut in einem ›spannenden‹ Land stattfindet, dessen Bewohner sich ob der internationalen Aufmerksamkeit endlich mal ›entspannen‹ dürfen (Der Spiegel: »Der Sommer, als Russland lächelte«), werden humanistisch gesinnte Funktionäre wieder ihr Hohelied von der gleichheitsfördernden Wirkung gemeinsamen sportlichen Wettkampfs anstimmen. Der Wert von Gleichheit ist an sich freilich unstrittig: Gleiches soll gleich behandelt, Gleiches mit Gleichem vergolten werden. Wer sich für die Gleichheit einsetzt, hebt Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen hervor, obwohl und gerade weil jeder Mensch in seiner Individualität von allen anderen in vielerlei Hinsicht verschieden ist. Spielt es also keine Rolle, unter welchem politischen Regime die Verbände des Sports einträgliche Geschäfte machen? Vorsicht ist geboten, denn der Gleichheit (gleichsam) böse Stiefschwester ist die Gleichmacherei, der vorgeworfen wird, objektiv bestehende Unterschiede mutwillig aufzuheben. Doch wo verläuft die Grenze zwischen einer Betonung der Gleichheit und einer Gleichmacherei, wenn sich doch beide in der Nichtberücksichtigung von Unterschieden scheinbar einig sind?

Same but different?

Eine naheliegende, auf den ersten Blick auch sehr plausibel erscheinende Antwort lässt sich auf den Nenner »it depends« bringen: Es komme halt immer darauf an, in welchen Kontexten die Gemeinsamkeiten trotz bestehender Unterschiede zu betonen sind und wo demgegenüber eine Hervorhebung dieser Unterschiede ausdrücklich erforderlich ist, sich eine nivellierende An-Gleichung also verbiete. So gelten die Erklärungen der allgemeinen Menschenrechte eben unterschieds- und damit ausnahmslos für alle menschlichen Wesen – egal welchen Geschlechts und Alters, egal ob friedfertig oder verbrecherisch. Die Einhaltung dieses Gleichheitsgebots darf und muss deshalb von jedem gefordert werden – egal ob ein nordkoreanisches Regime seine vermeintlich ungehorsamen Volksgenossen in Arbeitslagern verhungern lässt oder eine US-amerikanische Regierung minderjährige Migrant*nnen von ihren inhaftierten Eltern isoliert und in besonderen Heimen kaserniert. Demgegenüber liegt ein offensichtlicher Fall von Gleichmacherei vor, wenn Journalist*innen und Oppositionelle in der Türkei unterschiedslos mit militanten Gruppierungen identifiziert und pauschal als Terroristen (sic!) diffamiert werden.

Different but same?

Ein*e Kritiker*in mag nun einwenden, diese »it depends«-Zuordnungen seien letztlich in fataler Weise relativistisch, weil es doch offenbar einen Unterschied mache, ob ein diktatorischer Gewaltherrscher willkürlich alle über einen Kamm zu scheren und gnadenlos Existenzen zu vernichten im Stande ist oder ob in einer halbwegs funktionierenden Demokratie bei grundsätzlicher Wahrung gleicher Rechte für alle Bürger zuweilen die nötige Berücksichtigung besonderer Rechte, etwa für Minderheiten, aus dem Blick gerät. Noch einen Dreh weitergedacht, machte man sich ob dieser Gleichsetzung schlimmstenfalls selbst einer nivellierenden Gleichmacherei schuldig. Dieser Auffassung kann entgegnet werden, dass ein Akt der Gleichmacherei sich seiner Form nach wesentlich gleich bleibt, egal wer ihn mit welcher Intention begeht. Wenn eine Gleichsetzung sich nicht rechtfertigen lässt, weil es in einem besonderen Fall auf die Unterschiede ankommt, dann spielt es keine Rolle, ob die Visage der Gleichmacherei freundlich oder grimmig guckt. Den Vorwurf des Relativismus hat man damit aber noch nicht vom Hals, denn es erscheint manchem doch einigermaßen willkürlich zu sein, wer mit welchen Gründen darüber entscheidet, ob es nun jeweils auf die Gleichheit oder die Verschiedenheit ankommt – siehe hierzu die immer wieder entlarvenden Vorschläge der chinesischen Parteiführung zur Interpretation der Menschenrechte, die ja im Wesentlichen als ›innere Angelegenheiten‹ eines Staates anzusehen sind.

Aber auch diesbezüglich sollte das Kind nicht gleich mit dem Bade ausgeschüttet werden: Zum einen sind nicht alle Gründe für gleichmacherische Gleichsetzungen gleichermaßen gut, was eine vernünftige Kritik von pauschaler Diskriminierung aufdecken kann. Zum anderen mag es in der Tat zuweilen recht anspruchsvoll sein, den jeweils besonderen Umständen einer Situation gerecht zu werden und angemessen darüber zu urteilen, ob das Gleichheitsgebot gilt oder auf relevante Unterschiede zu achten ist – allerdings ist Komplexität kein Synonym für Relativismus.

And justice for all

Die Sache mit der Gleichmacherei bleibt also im Detail schwierig, eine einfache Antwort ist nicht zu erwarten. Es gibt immerhin einen ganz brauchbaren Lackmus-Test, mit dem sich viele Fälle von ungerechtfertigter Gleichmacherei schnell identifizieren lassen. Erinnern wir uns dazu an den bekanntesten Satz in George Orwells Dystopie Animal Farm: »Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher.« In diesem Satz steckt das Wesen der Gleichmacherei in exemplarisch pervertierter Form, denn die Schweine machen in dieser Parabel einen Unterschied, der für alle anderen Tiere tragische Folgen hat: Sie behaupten die Gleichheit aller und nehmen sich zugleich aus dieser An-Gleichung heraus, um gewalttätig über die Anderen herrschen zu können. Während sich wahre Gleichheit darin zeigt, dass sie denjenigen, der sie bestimmt, stets miteinbezieht, kann es die Gleichmacherei in ihrer Ohnmacht nicht ertragen, dass alle in ihrer Verschiedenheit gleich sind – und macht deshalb alle Anderen von sich verschieden zu unterschiedslos Gleichen.

Foto: Loco Steve, www.flickr.com, CC BY-SA 2.0

Zur Person Falk Bornmüller

Falk Bornmüller hält den Begriff des Begriffs für bedenkenswert sowie die Formen von Erkenntnis und Normativität. Er hat in einem Buch mal über vernünftige Selbstachtung nachgedacht, findet das Verstehen von Beispielen faszinierend und lebt in Leipzig.

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