Geschenke | Peinigende Präsente

Wieder einmal wäre nach dem Weihnachtsfest zu wünschen gewesen, dass »zwischen den Jahren« eine besinnliche Zeit der inneren Einkehr anbricht. Oder wie Karl Valentin einst hoffte: »Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger«. Tatsächlich aber sind die letzten Dezembertage meist der pure Stress. Abgesehen davon, dass noch niemand weiß, was er oder sie an Silvester machen soll: Die Zeit des großen Umtauschs ist gekommen. Noch bevor die Gans verdaut und der 2. Weihnachtstag verklungen ist, scharren die unzureichend oder falsch Beschenkten wieder mit den Rentierhufen. Sie quält der Gedanke, auf lieblos ausgesuchten Gaben sitzen zu bleiben. Außerdem müssen umgehend verschiedenste Gutscheine und Geldgeschenke eingelöst werden. Für den Einzelhandel brechen dann erneut lukrative Feiertage an: Süßer die Kassen nie klingeln!

Gefahrenzone Heiligabend

Diese postweihnachtliche Mobilmachung ist ein zwischenmenschliches Krisensymptom. Es weist auf den sozialphilosophisch bedeutsamen, aber schlecht untersuchten Umstand hin, dass beim Schenken, dieser uralten Kulturtechnik, ungeheuer viel schief gehen kann. Wer zum Umtausch schreitet, muss vorab enttäuscht worden sein. Und wer stattdessen Gutscheine oder Geldgeschenke ergattert hat, mag sich zwar subjektiv freuen, ist aber objektiv kaum besser dran. Auch hier wird das »warme« Gefühl fehlen, »mit Liebe« beschenkt worden zu sein. Gutscheine und Geldgeschenke sind präventive Abfindungen; Kapitulationen vor der Angst, ein sorgsam ausgesuchtes »echtes« Geschenk könne den Empfänger verfehlen – und dann entsprechend einen Umtausch erzwingen.

Angesichts dieser Gefahrenlage mag man Rat bei der Sozialtheorie der »Gabe« suchen, die Marcel Mauss einst initiiert hat. Allerdings erweist sich die berühmte Theorie der »Schenkökonomie« rasch als weltfremd; zumindest am Weihnachtsabend. Sie deutet das Schenken insgesamt funktionalistisch, und zwar als das stete Bemühen, sozialen Zusammenhalt zu stiften, indem mutmaßlich freiwillige, erwartungslose Aufmerksamkeiten verteilt werden, die in Wahrheit aber Abhängigkeiten schaffen, da sie Pflichten zur Gegengabe generieren. Sicher, der Homo oeconomicus mag sich in diesem Bild treffend portraitiert sehen, der Homo sapiens jedoch nicht. Jedenfalls ist fraglich, ob die Theorie auch nur im Ansatz erklärt, was in Eltern, Kindern, Partnern, Geschwistern oder Freunden vorgeht, wenn sie sich Gedanken darüber machen, was sie ihren Lieben zu Weihnachten schenken sollen. Und vor allem: Erklärt diese Theorie tatsächlich, was genau beim Schenken auf teilweise fatale Weise schief laufen kann?

Banges Entsetzen

Die sozioökonomische Theorie der Gabe muss scheiterndes Schenken wie folgt deuten: Entweder wurde zu wenig oder aber zu viel geschenkt. Entweder hat das Präsent eine korrespondierende Gabe nicht adäquat retourniert. Dies führt dann zur Enttäuschung. Oder aber die betreffende Gabe hat das jeweils andere Präsent unverhältnismäßig übertroffen. Dies wiederum mag dann auf Seiten der beschenkten Person zu demütigender Scham und tendenziell zur Eskalation führen. Da aber dieses Phänomen an Weihnachten seltener ist, kann es hier vernachlässigt werden. Trifft denn die erste Interpretation den psychosozialen Kern der diagnostizierten Enttäuschung? Man schaue sich dazu nur einmal auf Youtube ein Video an, in dem ein kleiner Junge, glühender Anhänger eines Fußballvereins, von seinen Eltern, aus Spaß natürlich, dass Trikot der verhassten Rivalen geschenkt bekommt. Man spürt sogleich die ungute Vorahnung des Jungen, als die ersten Schnipsel des Geschenkpapiers herausgerissen sind. Dann ein stetig wachsendes Entsetzen und die bange Frage, ob das hier alles tatsächlich wahr ist und ob die eigenen Eltern endgültig verrückt geworden sind. Am Ende dann: nichts als Verzweiflung, Wut, bittere Tränen. Und deshalb die Frage an alle Maussianer: Ist das Kind tatsächlich enttäuscht darüber, dass eine elterliche Pflicht zur Gegengabe missachtet wurde?

Gut und teuer

Dass die Sache mit dem Schenken derart heikel ist, dürfte eher damit zusammenhängen, dass sich im kommunikativen Akt des Schenkens der »Wert« einer sozialen Beziehung zugleich materialisieren und auf symbolische Weise spiegeln soll. Der materielle Wert des Geschenks soll anzeigen: »Dir zuliebe bin ich zu Opfern bereit!« Der symbolische Wert der Gabe hingegen demonstriert: »Dir zuliebe habe ich mir unendlich viele Gedanken gemacht«. Manche Geschenke sind teuer, aber lieblos auf der symbolischen Ebene (z.B. der Thermomix). Andere Präsente weisen einen eher geringen materiellen Wert auf, haben dafür aber eine große symbolische Bedeutung (z.B. ein Fotokalender). Wieder andere Präsente lassen beides vermissen (z.B. Socken). So richtig zufrieden sind beschenkte Menschen meist erst dann, leider, wenn beides zusammenkommt. Jedenfalls kann der Akt des Schenken rasch in beide Richtungen entgleisen.

Das letzte Adventshintertürchen

Wem das zu kompliziert oder anstrengend ist, muss einen sogenannten Nicht-Angriffspakt schließen: »Lasst uns in diesem Jahr nichts schenken!«. Allerdings ist man auch damit nicht schon raus aus der Gefahrenzone. Darauf hat kurz vor Weihnachten noch einmal Der Postillon hingewiesen: »Carsten Lechner aus Lüneburg weiß auch in diesem Jahr nicht, wieviel Geld er für das Weihnachtsgeschenk für seine Freundin Susanne ausgeben soll. Sein Problem: Die beiden haben vereinbart, sich zu Weihnachten gegenseitig nichts zu schenken. In den vergangenen beiden Jahren endete dies für den 29-Jährigen in einem Fiasko.«

Foto: www.shutterstock.com

Zur Person Arnd Pollmann

Arnd Pollmann schreibt Bücher über Integrität und Unmoral, Menschenrechte und Menschenwürde. Er lehrt Ethik und Sozialphilosophie an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

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